Schön sexistisch?

Rike Lenz
aus Debatte Nummer 11 – Dezember 2009
Die vorherrschende Ideologie in unserer Gesellschaft verlangt von uns, schön zu sein bzw. sich ihren ästhetischen Normen anzupassen. Bekanntermassen werden dabei Frauen ungleich stärker in die Pflicht genommen als Männer. Der folgende Artikel möchte weder Frauen noch Männer für ihr Erschei-nungsbild kritisieren, sondern einen Blick auf die Mecha-nismen werfen, die für diese Phänomene verantwortlich sind.

Dass hohe Schuhe, die längeres Gehen oder gar die Fortbewegung auf Waldwegen unmöglich machen, Ausdruck einer sexistischen Schönheitsvorstellung sind, ist in der Linken allgemein anerkannt. Ebenso sieht es mit langen Fingernägeln aus, die jegliche handwerkliche Tätigkeit unterbinden. Sich dem zu widersetzen, stösst in der Regel denn auch auf Verständnis. Derartige Beispiele liessen sich noch viele finden.

Andere Vorstellungen von Schönheit werden hingegen völlig unreflektiert übernommen, obwohl sie ebenso sexistische Hintergründe haben.

Das heute von vielen berühmten Persönlichkeiten vorgelebte Schönheitsi-deal führt bei vielen Frauen zu Essstörungen und Magersucht. 10 Prozent aller an Magersucht erkrankten Frauen (und teilweise Männer) überleben ihre Krankheit nicht.

Fetischismus

Im Allgemeinen wird eine Person auch dann akzeptiert, wenn sie keine „Traumfigur“ hat. Versucht eine Person aber nicht, diese zu erreichen, bzw. erklärt laut, dass dies gar nicht ihr Ziel ist, wird ihr unter Umständen mit Skepsis und Ablehnung begegnet. Sein Bäuchlein schön finden und damit zufrieden sein gilt oft als Zeichen mangelnden Körper- und Gesundheits-bewusstseins.

Schönheitsnormen sind in den verschiedenen Kulturkreisen höchst unterschiedlich. Für EuropäerInnen gilt braungebrannt sein als schön, in Indien und Südostasien hingegen wird mit allen Mitteln versucht, eine helle Haut zu erreichen. Ist heutzutage dünn sein anerkannt, so war vor gerade mal hundert Jahren noch das Gegenteil der Fall. Und – besonders überraschend – in einigen Regionen Afrikas bemühen sich Frauen mit Crèmes und andern Utensilien, den Wuchs ihrer Körperbehaarung zu fördern.

Der Spruch „Man will immer das, was man nicht hat“ hat also rund um den Globus Gültigkeit. Interessanterweise scheint es also nicht darum zu gehen, wie das Resultat am Ende aussieht, denn was schön ist, ist äusserst subjektiv. Viel wichtiger ist, dass es schwierig ist, das Schönheitsideal zu erreichen, so dass der Grad der Bemühungen dahin zeigt, inwiefern eine Frau daran interessiert ist, Männern zu gefallen und umgekehrt. Dabei gelten in verschiedenen Subkulturen verschiedene Vorstellungen von schöner Kleidung, die unterschiedlich streng eingehalten werden müssen. Der Style ist extrem verschieden, nur ungestylt wird selten anerkannt.

Kindlichkeit gilt als schön, zumindest für Frauen

Besonders in zwei Punkten reduzieren die aktuellen Schönheitsvorgaben Frauen auf ein kindliches Niveau. Was die Figur angeht, so erlaubt das westliche Schönheitsideal nur 10-15% sichtbaren Körperfettanteil.

Im Durchschnitt ist aber ein wesentlich höherer Körperfettanteil „normal“, ungefähr 20-25%. Als normal wird das Körpergewicht betrachtet, dass sich bei ausgewogener Ernährung und genügend Bewegung einpendelt. Die heutigen Vorstellungen von Schlankheit beziehen sich auf eine Figur, die eigentlich der vorpubertären Figur entspricht. Im Erwachsenenalter ist dies für die Mehrheit der Frauen nur mit absichtlicher, teils gesundheitsschädigender Mangelernährung zu erreichen.

Dieser Trend gilt nicht für Männer, denn bei Männern gelten breite Schultern, sichtbare Muskulatur, also die Nachpubertäre Figur als schön.

Der zweite Aspekt ist noch wesentlich sensibler, denn über keine andere Schönheitsvorstellung gibt es einen so breiten Konsens. Ein weiterer Bereich des Körpers, der sich mit dem Erwachsenwerden verändert, ist die Körperbehaarung, besonders jene unter den Armen und im Intimbereich. Es gilt gesellschaftlich als unzulässig, diese nicht zu entfernen, was ebenso eine Verneinung des äusserlichen Erwachsenwerdens darstellt. Dies sind aber längst nicht die einzigen Aspekte der Kindlichkeitsnorm, die die Gesellschaft dem weiblichen Geschlecht auferlegt. Auch über blondierte Haare liesse sich anmerken, dass das typische Kinderblond irgendwann im Alter von zehn bis zwölf Jahren oft eindunkelt, und natürlich gibt es unzählige psychologische Normen, die Frauen kindliches Verhalten zuschreiben.

Schönheitsideale und Konsum

Das omnipräsente Schönheitsbild, das uns vor allem von der Werbung vorgehalten wird, ist mittlerweile auch für Models nur durch computergestützte Bildnachbearbeitung zu erreichen. Unerreichbare Schönheitsideale, sowohl für Männer als auch für Frauen, sind eine prima Sache für die Schönheits-industrie. Denn die Unerreichbarkeit garantiert einen nie abreissenden KundInnenstrom.

Darüber hinaus sind umwerfend attraktive, fast immer weibliche Personen ein prima Blickfang, um auf andere, zu vermarktende Produkte hinzuweisen, aber das ist ein anderes Thema.

Konklusion

Und nun? Futtern wir, bis wir dicke Bäuche haben, rasieren uns nicht mehr, und betrachten dann die Emanzipation als vollzogen? Nichts könnte falscher sein! Es wäre keineswegs emanzipatorisch, das alte Schönheitsbild durch ein neues zu ersetzen, das uns besser gefällt. Geschmäcker sind verschieden, was bei Musik längst anerkannt ist, muss auch beim persönlichen Aussehen gelten. Wir sollten uns eingestehen, dass bequem manchmal glücklicher macht als schön. Wir sollten uns auf die Suche danach machen, wie wir selbst uns gefallen. Es ist schwer, als einzige Person im Sichtfeld völlig anders auszusehen als alle anderen. Anstatt Witze und abwertenden Bemerkungen zu machen, sollten wir uns gegenseitig ermutigen, das zu leben, was uns persönlich gefällt, damit Schönsein keine Pflichterfüllung mehr ist. Und natürlich dürfen alle Suggestoren des Einheitsschönheitsbildes mit Aufklebern, Schriftzügen und sonstigem in Angriff genommen werden!

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