Perspektiven nach der Katastrophe in Haiti

Sony Esteus
aus Debatte Nummer 12 – März 2010
„Wir bedauern das Volk von Haiti nicht, wir bewundern es“: Diese Aussage von Venezuela-Präsident Hugo Chavez trifft Kernanliegen haitianischer Basis-organisationen, die sich Ende Januar in dem Brief äusserten. Der hier abgedruckte Text ist voller Länge im Internet* einsehbar.

Am 12. Januar 2010 traf ein Erdbeben mit noch nie da gewesener Stärke unser Land, mit verheerenden Konsequenzen für die Menschen im Westen und Südosten und auch für das Land allgemein. Trotz unseres Schmerzes ist es wichtig, dass wir alle innehalten und reflektieren über das, was geschehen ist, um daraus Lehren zu ziehen. Auch als Anleitung für das unermüdlichen Engagement zum Aufbau eines anderen Landes. Eines, das fähig ist, Abhängigkeit und Destruktion zu überwinden und zu einer neuen Dimension der Emanzipation zu gelangen.

Das Ausmass der Katastrophe hängt sicherlich mit der kolonialen und neokolonialen Struktur zusammen, welche unserem Land aufgebürdet wurde, und mit der uns aufgezwungenen neoliberalen Politik der letzten drei Jahrzehnte. Die extreme Zentralisierung um die “Republik Port-au-Prince”, welche nach der US-Besetzung von 1915 – 1934 durchgesetzt wurde, ist ein ausschlaggebender Faktor. Besonders die Liberalisierung des Immobilienmarktes hat Platz geschaffen für wilde Spekulation seitens aller möglichen Opportunisten.

Wir waren tief bewegt von der ausserordentlichen Solidarität der Grossstadtgebiete, welche in den ersten drei Tagen nach der Katastrophe mit selbst organisierter Hilfe reagierten und so Tausende Menschen aus den Trümmern retteten und 450 Flüchtlingslager aufbauten. Dadurch konnten 1.5 Millionen Menschen mit Ressourcen (Nahrung, Wasser und Kleider) versorgt werden und überleben. Wir ehren und respektieren die Menschen von Port-au-Prince! Diese spontanen Elemente der Solidarität sollten nun eine zentrale Rolle im Wiederaufbau und der Neukonzipierung unseres Landes spielen. Zur Festlegung neuer gemeinsamer Strategien, haben wir folgende Richtlinien angenommen:

Geschichtliche Daten
Haiti wurde 1804 nach einem Sklavenaufstand unabhängig. Die Kompensations-zahlungen an die Kolonialmacht Frankreich betrugen 150 Millionen französische Francs, was heute der Summe von 21 Milliarden Dollar entspricht. Haiti leistete diese Reparationszahlungen bis ins frühe 20. Jh. ab. Von 1915 bis 1934 wurde Haiti von den USA besetzt gehalten. 1957 bis 1986 unterstützten die USA zwei brutale Diktaturen in Haiti. Im Jahre 1991 und 2004 waren die USA sowie unter anderem der französische Geheimdienst an zwei Putsch-aktionen gegen den gewählten Präsidenten Jean- Bertrand Aristide beteiligt.

  • Wir wollen die Errungenschaften der Volks- und Sozialbewegungen in Haiti verteidigen helfen, welche in dieser neuen Situation unter Druck geraten.
  • Wir wollen auf die unmittelbaren Nöte der Menschen antworten durch den Aufbau von Gemeinschaftszentren, welche die notwendigen Mittel haben um folgende Bedürfnisse abzudecken: Nahrung, erste Hilfe, medizinische und psychologische Betreuung für Menschen, die durch das Erdbeben traumatisiert sind.
  • Wir wollen die Präsenz der internationalen Medien in unserem Land nutzen, um ein anderes Bild zu vermitteln als dasjenige, das von den imperialistischen Mächten verbreitet wird.
  • Wir wollen neue Ansätze zur Überwindung der Automatisierung und Zersplitterung schaffen, die eine grosse Schwäche unserer Organisationen sind.

Die Anstrengungen zur Soforthilfe, die wir erleben, besitzen einen neuen Charakter und wir sprechen uns dafür aus, die traditionellen Praktiken im Bereich der humanitären Hilfe aufzukündigen. Denn diese Praktiken respektieren die Würde der Opfer nicht und führen zu einer verstärkten Abhängigkeit. Wir treten für eine humanitäre Hilfe ein, die unserer Realität angemessen ist, die unsere Kultur und Umwelt achtet. Die humanitäre Hilfe darf sich nicht gegen die Formen der wirtschaftlichen Solidarität richten, die im Laufe der Jahrzehnte von den Basisorganisationen aufgebaut wurden.

Haitis Elite
Die Washington Post berichtete am 18. Januar 2010 von einem Vorort von Port-au-Prince. In einer „Gated Community” lebt die Elite von Haiti, vom Chaos durch Stacheldraht geschützt. Sie hat das Beben gut überstanden. Nur ein paar wenige Häuser wurden zerstört. So ist auch die Aussage
des Besitzers eines grossen Geschäfts zu verstehen: „Wir haben alles aufgeräumt hier. Wir sind bereit zum Öffnen. Wir brauchen nur etwas Sicherheit. Also schickt die Marines her, OK?” Die Zeitung stellt fest, dass eine fast „feudale“ Trennung zwischen Arm und Reich herrscht

Wir bekunden auch unsere Wertschätzung gegenüber der aussergewöhnlichen Grosszügigkeit, welche von der Welt ausgeht. Wir glauben, dass heute der Moment gekommen ist, einen neuen Weg einzuschlagen. Einen Weg, der es uns ermöglicht, einen authentischen und solidarischen Staat zu werden, frei von Bevormundung, Mitleid oder Minderwertigkeit. Wir sollten daran arbeiten, den Geist der Solidarität aufrecht zu erhalten, entgegen dem momentanen Trend und Medienhype. Die Antwort auf die Krise hat bewiesen, dass die Menschen in gewissen Situationen Sensationsgier und Vorurteile überwinden können. Massive humanitäre Hilfe ist heute angesichts der Breite der Katastrophe unerlässlich. Allerdings sollte sie im Hinblick auf den Wiederaufbau anders eingesetzt werden. Die Paradigmen der herkömmlichen internationalen Hilfe müssen durchbrochen werden. Wir wünschen uns eine enge Zusammenarbeit internationaler Gruppen mit unseren Organisationen. Dies ist unerlässlich im Kampf um eine Agrarreform, eine integrierte städtischen Bodenreform, die Aufforstung, den Aufbau eines modernen, dezentralisierten Bildungs- und Gesundheitssystems und für den Kampf gegen Analphabetismus. Auch müssen wir unserer Wut und Empörung Ausdruck geben über die Ausnutzung der Situation auf Haiti: Wir sind konfrontiert mit der Invasion durch 20’000 USSoldaten. Wir verurteilen die drohende militärische Besetzung durch US-Truppen, denn es wäre die dritte in unserer Geschichte. Dieses Vorgehen der USA ist offensichtlich Teil der Strategie der Remilitarisierung des karibischen Beckens, als imperialistische Antwort auf die wachsende Rebellion unseres Volkes gegen die neoliberale Globalisierung.

Der US-Flugzeugträger “USS Carl Vinson” wird vor der Küste von Haiti erwartet.

Der Vormarsch der US-Armee geschieht auch im Rahmen der präventiven Kriegsführung, um eine mögliche soziale Explosion unserer Bevölkerung zu verhindern, die mit drastischer Armut und Verzweiflung konfrontiert ist. Die Besetzung des Internationalen Flughafens „Toussaint Louverture” und anderer Teile der nationalen Infrastruktur durch die USA verhindert teilweise, dass das haitianische Volk über Hilfsgüter der Staaten der Karibischen Gemeinschaft CARICOM, von Venezuela und einiger europäischer Länder verfügen kann. Wir verurteilen dieses Verhalten der USA und verweigern jegliche Unterstützung ihres Vorhabens, unser Land in eine Militärbasis zu verwandeln. Als Leitungsgremien der Organisationen und Plattformen, welche diesen Prozess in Gang gesetzt haben, dokumentieren wir diese erste Analyse der Situation, um sie euch zugänglich zu machen. Wir sind sicher, und ihr habt bereits Wort gehalten, dass ihr unsere Arbeit weiter unterstützen werdet – unseren Kampf für den Wiederaufbau einer Alternative zu dieser schrecklichen Katastrophe und für die Freiheit.

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