Open-Source – im Schatten des Kapitals

Cedric Schmid
Im virtuellen Schatten des all umfassenden Kapitalismus entstehen Organisationsformen, die sich über seine hierarchische Wirtschaftsordnung hinwegzusetzen vermögen. Von Ökonomen verteufelt, konkurrenzieren die sogenannten Open-Source-Projekte (frei zugängliche Software) mittlerweile sogar grosse transnationale Unternehmen. Die revolutionäre Linke ignoriert die besagten Entwicklungen weitgehend…

Noch in den 70er Jahren – als die neuen Informations-technologien (IT) noch im Entstehen begriffen waren – galt es als Selbstverständlichkeit, dass Quellcodes (Kernstück einer Software) zum Zwecke der Qualitätsverbesserung unter Entwicklern ausgetauscht wurden. Richtig kommerzialisiert war zu dieser Zeit lediglich der Hardware-Sektor, also Geräte wie Rechner, Monitor, die damals noch ganze Räume zu füllen vermochten. Die schnell fortschreitende technologische und industrielle Entwicklung der ITBranche führte dazu, dass die Hardwarekomponenten immer billiger wurden, während die Softwareprodukte zu immer teueren Preisen verkauft wurden. Als Reaktion darauf fing die ITIndustrie an, ihre Quellcodes sowie andere Betriebsgeheimnisse zu schützen. Für die Universitäten war dies ein Rückschlag, denn sie hatten besonders von den frei zugänglichen Quellcodes profitiert. Viele junge EntwicklerInnen und StudentInnen verfügten fortan aus finanziellen Gründen nicht mehr über die Möglichkeit, aktuelle Software zu benutzen.

Auch das unverschämt teure Microsoft Office steht als Open-Source-Variante jedem und jeder gratis zur Verfügung.

Hacker-Ethik

Als Reaktion auf die zunehmende Kommerzialisierung von Software begannen viele ProgrammierInnen nach neuen Verbreitungsformen für ihre Produkte zu suchen. So entstand die sogenannte Hacker- Ethik, deren Maxime „Information wants to be free“ (Information will frei sein) lautete.

1985 folgte die Gründung der „Free Software Foundation-Stiftung“, welche sich der Förderung von frei zugänglicher Software verschrieb. 1989 wurden die verschiedenen Lizenzen, die sich parallel zueinander entwickelt hatten, zu der sogenannten GNU-GPL (GNU General Public License) zusammengefasst. Die GPL stellt bis heute die wichtigste Lizenz im Open-Source-Bereich dar. Mit der Einführung des ersten GPLBetriebssystems „Linux“ im Jahre 1993 erlebte Open-Source einen starken Aufschwung.

Open-Source als echte Konkurrenz

Mittlerweile existiert eine Vielzahl an frei zugänglicher Software, die sich durchaus mit kommerzieller Software messen kann. Das Betriebssystem Linux etwa hat auf Grund seiner höheren Sicherheit und Stabilität vor allem im Serverbereich sogar die Marktführung übernommen. Im Bereich der Super-Computer (mehrere Computer werden zusammengeschaltet, um grosse Rechenleistung zu erzielen), ist Linux mit 70% Marktanteil schon beinahe in einer Monopolposition. Im Desktop-Bereich (private Anwendung im Alltag) wird Linux noch zu sehr durch die Monopolstellung Microsofts behindert.

Mittlerweile setzen auch Megakonzerne wie etwa Google auf Linux, um ihre Server zu betreiben. Natürlich hat sich mit dem Erfolg von Linux bzw. Open-Source auch ein Feld für Firmen aufgetan, die kommerziell Software entwickeln. Sogenannte Distributoren wie Suse oder Mandravia, stellen Software- Pakete zusammen, bieten Support an oder verfassen Handbücher zu ihrer Software. Gleichwohl gehören die Produkte aber weiterhin der Allgemeinheit und sind nicht urheberrechtlich geschützt.

„Just for fun“

Dass sich in einem eigentlich kommerziell erschlossenen Wirtschaftsbereich weltweit tausende SoftwareentwicklerInnen unentgeltlich betätigen, zeugt von viel Engagement und Überzeugung. Die Gründe dafür sind vielfältig und teilweise banal: „Just for fun“ lautet etwa der Titel des von Linux- Gründer Linus Torvalds geschriebenen Buches, womit er eine wichtige Motivationsquelle der Open-Source- Gemeinde und seiner Arbeit selbst auf den Punkt bringt.

Die Mitarbeit an Open-Source-Projekten bringt aber auch Annerkennung und Bestätigung geleisteter Arbeit. So gilt Linus Torvalds als der mit Abstand beliebteste Softwareentwickler und vermag ganze Hörsäle zu fülle. An Konferenzen füllt er riesige Hörsäle. Ganz im Gegensatz zu Bill Gates (Gründer von Microsoft) übrigens, der eher verhasst ist.

Subversive Freizeitbeschäftigungen

Open-Source ist ein Paradebeispiel dafür, wie aus einer anfänglich reinen Freizeitbeschäftigung Projekte entstehen können, die Bereiche des kapitalistischen Alltagesumgehen und teilweise konkurrenzieren können. Dass bis heute keine tiefgreifende Kommerzialisierung stattgefunden hat, ist dabei aussergewöhnlich. Schliesslich existieren ja auch keine Schreinergemeinden, die in ihrer Freizeit Möbel herstellen und diese zum Selbstkostenpreis verkaufen oder frei zur Verfügung stellen. Und gäbe es sie doch, wären sie wohl kaum in der Lage, grosse Unternehmen wie etwa Ikea oder Möbel- Pfister zu konkurrenzieren.

Arbeitsweise

Die Arbeitsweise der Open-Source- Gemeinde ist dezentral organisiert und verläuft oftmals spontan. So sind sich die Beteiligten eines Projektes oft sowohl in Bezug auf das Ziel als auch den Weg dort hin uneinig. Da es – anders als bei einer Firma – keinen Vorgesetzten gibt, hat die Open-Source-Gemeinde alternative Konfliktlösungswege gefunden. Kommerziell agierende Softwareunternehmen programmieren ihre Software in der Regel unter Geheimhaltung aller relevanten Programminformationen solange, bis eine einigermassen stabile (funktionsfähige) Version veröffentlicht wird. Bei Open-Source-Projekten werden sämtliche Entwicklungsfortschritte online veröffentlicht und stehen somit anderen EntwicklerInnen zur Verfügung. Die Zwischenergebnisse werden von sogenannten Beta-TesterInnen auf Herz und Nieren geprüft, Verbesserungsvorschläge werden zurückgemeldet oder gleich selber integriert.

Bestehen zwischen einzelnen Entwicklergruppen unvereinbare Differenzen (Wie soll ein Programm funktionieren, wie soll es aussehen?), kommt es in der Regel zu einem Fork (Gabelung). Fortan wird das Projekt parallel von zwei Gruppen weiterentwickelt. Welche Version sich schliesslich durchsetzt, entscheidet sich mit dem Erfolg und der Akzeptanz bei den BenutzerInnen. Somit setzen sich – ähnlich wie auch auf dem „freien“ Markt – die besseren Produkte durch, allerdings ohne dass dabei Monopole entstehen, die ihre Konkurrenz durch kommerzielle Vermarktungsstrategien behindern könnten. Der Entscheidungsprozess verläuft somit basisdemokratisch.

Linus Torvalds, Erfinder des Open-Source Betreibssystems Linux und der wohl beliebteste Software-entwickler.

Entfremdung

Aus marxistischer Sicht hebt das Open- Source-Prinzip viele Aspekte der Mechanismen auf, die unter dem Begriff Entfremdung zusammengefasst werden:

  • Alle Produkte gehören der Gesellschaft, womit die Produzierenden selbst natürlich auch uneingeschränkten Zugang zu ihrer Arbeit haben.
  • Auch während des Produktionsprozesses sind die ArbeiterInnen autonom und frei von äusseren Zwängen. Sie können selber entscheiden, in welche Richtung sich ihr Produkt weiterentwickelt.
  • Die Entfremdung der Arbeitenden von seinen Mitmenschen, die im kapitalistischen Alltag oft eintritt, dürfte auf Grund der kollektiven Entscheidungsprozesse und des regen Austausches mit Beta-TesterInnen usw. ebenfalls weniger ausgeprägt sein.

Open-Source und Politik

Die Motivation der Open-Source-Schaffenden ist nicht in erster Linie politischer Natur. Allerdings ist eine offene oder indirekte Kritik an Microsoft sowie Monopolisierungstendenzen allgemein offensichtlich. So existiert beispielsweise ein Coca-Cola-Projekt, welches die Rezeptur für Cola unter der GPL veröffentlicht hat. Durch den Erfolg von Open Source ist es für viele Open-Sourceler naheliegend, ihr Konzept auch in anderen Bereichen zu etablieren.

Da die Open-Source-Gemeinde viel Erfahrung in solidarischer und demokratischer Zusammenarbeit hat, steht sie alternativen Ideen zur kapitalistischen Produktionsweise relativ offen gegenüber.

Chaos Computer Club

Der aus Open-Source hervorgegangene „Chaos Computer Club (CCC)“ setzt sich für die Durchsetzung echter Informationsfreiheit und für ein Menschenrecht auf Kommunikation ein.

Der CCC engagiert sich gegen Medienzensur oder prangert die Unsicherheit von Wahl-Computern an. Er steht auch für das Recht auf private Musikkopien (von der Mus ikindus t r i e a ls „Raubkopien“ bezeichnet) ein. Seit dem 11. September wurde im IT-Bereich eine wahre Flut von Gesetzen der Zensur, der Datenüberwachung sowie der Einschränkung bürgerlicher Rechte ausgelöst. Biometrische Pässe, Video-Überwachung, Vorrats-Daten-Speicherung und Anti- Terror-Dateien sind nur einige der wichtigsten „Innovationen“.

Es ist schwer abzuschätzen, in wie weit die Open-Source-Gemeinde für politische Projekte ausserhalb ihres bisherigen Themenbereiches zu gewinnen ist. Gerade im Schutz vor der Internetdatenüberwachung oder der Umgehung von Software- Patenten wird sie wohl auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen.

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