Niklaus Meienberg – Literat und Rebell

Karin Vogt
aus Debatte Nummer 6 – September 2008
Niklaus Meienberg, der profilierteste deutschsprachige Schriftsteller-Journalist, den die Schweiz je hatte, ist vor fünfzehn Jahren gestorben. Er wollte nicht mehr „das schöne Metier der Kassandra“ betreiben, nicht mehr der „offiziell akkreditierte Robin Hood“ sein, der sich empört, wann immer die satte Oberfläche der Schweiz vom unterschwelligen Dauerskandal der Klassengesellschaft geritzt wird.

Er war in der Lage, politische und gesellschaftliche Auseinander-setzungen zu provozieren. Beispielsweise 1987 durch seine Recherche über den Wille-Clan, die mächtige Armee- und Industriellenfamilie am Zürichsee, mit ihrer Affinität zu Nazi- Deutschland. Und schon zuvor mit Buch und Film zu einem kleinen Fisch, der als Landesverräter während des Zweiten Weltkriegs erschossen wurde, während die höchst einflussreichen Frontisten der schweizer Bourgeoisie unbehelligt blieben.

Niklaus Meienberg (1940-1993); Presseausweis,
Frankreich 1973.

Durch Hartnäckigkeit und Interesse gelang es ihm immer wieder, eine Perspektive auf die Zustände in der so genannten Arbeitswelt zu eröffnen, so zum Beispiel bei der Firma Saurer oder der Papierfabrik Perlen. In diesem Sinne spielte er die Rolle des kritischen Intellektuellen, der Menschen sprechen lässt, die in der bürgerlichen Alltäglichkeit keinen Zugang zur Kultur- und Medienindustrie haben. An der Ostschweiz, wo er aufgewachsen ist, interessierte ihn immer auch die Geschichte der „kleinen Leute“, der Arbeiterinnen und Arbeiter, die den industriellen Aufschwung des 19. Jahrhunderts möglich machten, während sie selbst meist in bitterer Armut leben mussten. Dabei verfiel er nie in „Miserabilismus“ oder „freundliche Anteilnahme am Schicksal der unteren Stände“, sondern behielt immer den Zusammenhang im Auge zwischen dem Reichtum der einen und der Ausbeutung der anderen.

Nicht selten stellte er auch Aspekte einer eigenständigen „Arbeiterkultur“ in den Vordergrund, beispielsweise mit den Reportagen über den Rennfahrer Jo Siffert oder den Boxer Fritz Chervet. Der frankophile Publizist liebte die Sprache wie kaum jemand anderes, und sie gab es ihm reichlich zurück. Wie kann dieser Autor, der schon lange tot ist, heute noch Freude, Empörung, Lachen provozieren mit geschichtlichen und tagespolitischen Texten, die bis in die späten Sechziger Jahre zurückreichen? Ihn zitieren ist müssig; seinen Stil versuchen immer noch viele zu imitieren – gerade auch solche, die mit Meienbergs Gesellschaftskritik mehr oder weniger offen gebrochen haben.

Seine Arbeiten erschienen in verschiedenen Zeitungen, etwa in der damals liberalen Weltwoche, im Widerspruch, im Tages- Anzeiger-Magazin und im Tages- Anzeiger, bis er dort mit Schreibverbot belegt wurde, in der WochenZeitung, die er massgeblich prägte.

Wenn man seinen Freitod vom September 1993 bedauert und das Fehlen seiner Stimme in der Öffentlichkeit beklagt, so stellt sich doch die Frage, wo er heute noch publizieren könnte, wenn er denn noch da wäre? In der heutigen, grässlichen Medienlandschaft von Belanglosigkeit und Kommerz – Tendenzen übrigens, die er schon 1988 geisselte?

Ein neues Hörbuch des Schweizer Radio DRS macht Tondokumente wie Lesungen, Podiumsgespräche und Ähnliches zugänglich. Im letzten Beitrag, aus der Sendung Echo der Zeit vom 16.4.1993, lässt einem Meienberg in einem 3-minütigen Statement das Blut gefrieren: In Srebrenica ist ein Massaker im Gange, hämmert er uns ein. Einige Monate später stirbt Meienberg. Kürzlich berichteten die Medien, dass die UNO sich für den unter ihren Augen begangenen Völkermord nicht verantworten muss.

Arbeiten von Niklaus Meienberg, erschienen im Limmat Verlag.

  • St.Galler-Diskurs bei der Preisübergabe, in Weh unser guter Kaspar ist tot, Limmat Verlag 1991.
  • Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S., Limmat Verlag 1992 (erschien erstmals 1979).
  • Eine Adventsansprache, gehalten vor den Mitgliedern des Art Director Club Zürich, der Dachorganisation der Reklamiker, am 12. Dezember ’88, in Vielleicht sind wir schon morgen bleich u. tot, Limmat Verlag 1989.
  • Die Welt als Wille und Wahn. Elemente zur Naturgeschichte eines Clans, Limmat Verlag 1987.
  • Perlen ist ein Dorf, das ganz der Fabrik gehört, in Der wissenschaftliche Spazierstock, Limmat Verlag 1985.
  • Bodenseelandschaft, in Vorspiegelung wahrer Tatsachen, Limmat Verlag 1983.
  • Film: Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S., Regie Richard Dindo und Niklaus Meienberg, Schweiz 1976.
  • Jo Siffert (1936-1971), in Reportagen aus der Schweiz, Limmat Verlag 1975.
  • Fritzli und das Boxen, in Reportagen aus der Schweiz, Limmat Verlag 1975.
– By the Rivers of Babylone –
Für Nicos Poulantzas und
Roman Hollenstein
Eigentlich
bin ich mir längst abgestorben
ich tu noch so
als ob
Atem holen
die leidige Gewohnheit
hängt mir zum Hals heraus
Mein Kadaver
schwankt unsicher
auf tönernen Füssen
die wissen nicht
wohin mit ihm
und bin in meinem Leib
schon längst nicht mehr zu
Hause
ich
sitze unbequem
liege schlecht
laufe mühsam
stehe krum
Kopfstand
ist kein Ausweg
Jeden Tag kann die Einladung
an Euch meine Feinde
ergehen
an meine Leiche zu gehen
Vom Tod
erwarte ich grundsätzlich
keine Abwechslung

ein kleines Überraschungspotential
besteht noch insofern
als ich oft die Freiheit
habe nicht zu tun
was ich mir vornahm
oder zu tun
was ich mir nicht vornahm
ihr seht ich bin nicht ganz
verplant
Bald
werd ich mir nichts mehr
vornehmen
das aber gründlich
Jede Lust
magert ab wie Simmenthaler
Vieh
im Exil von Babylon
Bald
wird dieser Tempel abgerissen
dieser Madensack bald
bei den Würmern deponiert
bald ist Laubhüttenfest


Aus: Niklaus Meienberg, Die Erweiterung der Pupillen beim Eintritt ins Hochgebirge, Limmat
Verlag 1981.

Mehr über Niklaus Meienberg

  • Eine von einem Verein betriebene Webseite mit Informationen zu Niklaus Meienberg: www.meienberg.ch.
  • Hörbuch: Niklaus Meienberg: Ein Porträt in Originalaufnahmen, Hg. Ingo Starz, Christoph Merian Verlag 2008

 

Wer will unter die Journalisten?

Da ist einer jung, kann zuhören, kann das Gehörte umsetzen in Geschriebenes, kann auch formulieren, das heisst denken, und denkt also, er möchte unter die Journalisten. Er hat Mut, hängt nicht am Geld und möchte vor allem schreiben.

Er meldet sich auf einer Redaktion. Erste Frage: Haben Sie studiert? (Nicht: Können Sie schreiben?) Unter Studieren versteht man auf den Redaktionen den Besuch einer Universität, wenn möglich mit sogenanntem Abschluss, oder doch einige Semester, welche den akademischen Jargon garantieren. Hat der Kandidat nicht „studiert“, aber doch schon geschrieben, so wird ihm der abgeschlossene Akademiker vorgezogen, der noch nicht geschrieben hat. Eine normale Redaktion zieht den unbeschriebenen Akademling schon deshalb vor, weil er sich durch eigenes und eigensinniges Schreiben noch keine besondere Persönlichkeit schaffen konnte. Er ist unbeschränkt formbar und verwurstbar. Er hat auf der Uni gelernt, wie man den Mund hält und die Wut hinunterschluckt, wenn man dem Abschluss zustrebt. Er ist besser dressiert als einer, der sofort nach der Matura oder Lehre schreibt. Er hat die herrschende Kultur inhaliert, der Stempel „lic. phil.“ oder „Dr.“ wird ihm aufgedruckt wie dem Schlachtvieh. Er ist brauchbar. (Damit soll nicht behauptet werden, dass die Autodidakten in jedem Fall weniger integriert oder integrierbar sind. Oft schielen sie gierig nach den bürgerlichen Kulturinstrumenten und haben nichts Dringenderes zu tun, als das Bestehende zu äffen.)

Nehmen wir an, der junge Mann hält jetzt Einzug auf einer Redaktion. In grossen Zeitungen wird er zuerst durch die einzelnen Abteilungen geschleust, damit er einen Begriff vom Betrieb hat. Bald darf er redigieren, das heisst nicht schreiben, sondern das Geschriebene verwalten. Er wird mit dem Hausgeist vertraut. Er lernt die Tabus kennen und das Alphabet der Zeitungssprache. Er sieht, dass die Bombardierung der nordvietnamesischen Zivilbevölkerung nicht „verbrecherisch“, sondern „bedenklich“ genannt wird. Er merkt, dass der Stadtpräsident nicht eine „Hetzrede“ gegen die APO hielt, obwohl es eine Hetzrede war, sondern, dass er „zur Besinnung“ aufrief. Er lernt, dass Arbeiter nicht „auf die Strasse gestellt wurden“, sondern „im Zuge der Rationalisierung eine Kompression des Personalbestandes“ vorgenommen werden muss. Auch beobachtet er, wie aus den eingegangenen Meldungen einige gedruckt werden und andere nicht. Ein ganz natürlicher Vorgang, denn alles kann ja wirklich nicht gedruckt werden. […]

Aus: Niklaus Meienberg, Vorspiegelung
wahrer Tatsachen, Limmat Verlag
1983. Abdruck mit freundlicher Genehmigung
des Verlags.

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