Neue Biographie von Ulrike Meinhof

Karin Vogt
aus Debatte Nummer 4 – März 2008
Vor einigen Monaten erschien eine umfangreiche Biographie von RAFMitglied Ulrike Meinhof. Dreissig Jahre nach dem „Deutschen Herbst“ und bald vierzig Jahre nach dem Aufbruch von 1968 wird auch die Geschichte der RAF vermehrt öffentlich diskutiert.

Die linke Soziologin und Publizistin Jutta Ditfurth hat in jahrelanger Recherchearbeit neue Quellen zu Ulrike Meinhof (1934-1976) erschlossen und eine sehr detaillierte Biographie verfasst. Leben und intellektuelle Entwicklung von Meinhof werden dokumentiert und kommentiert. Ihr Schritt zur Mitbegründung der Roten Armee Fraktion (RAF) 1970 wird jedoch nur zum Teil fassbar, und das Buch hat auch nicht den Anspruch, die Erfahrung der RAF geschichtlich-politisch einzuordnen.


Bild von Ulrike Meinhof als junge Journalistin um 1964.

Interessant an dieser neuen Biographie ist, dass die Geschichte von Meinhof für einmal aus linker Perspektive erzählt wird, und nicht wie üblich unter dem Zeichen der Diffamierung jeglichen sozialen Protestes. Meinhofs Erfahrungen als Kriegskind, der Nazi-Hintergrund ihrer Familie väterlicherseits, der Krebstod beider Eltern und die spätere Betreuung durch die Pflegemutter, ebenfal ls mi t Nazi- Vergangenheit, werden ausführlich geschildert. Ab 1957 engagiert sich Meinhof politisch, vor allem gegen die atomare Aufrüstung. Sie schreibt regelmässig für Studentenzeitschriften. Sehr spannend für AktivistInnen jüngerer Generationen ist an Ditfurths Recherche sicherlich auch die Darstellung der vielfältigen Formen von Widerstand bereits im Deutschland der 1950er Jahre, insbesondere gegen die Wiederaufrüstung. Angesichts des erdrückenden gesellschaftlichen Klimas und der antikommunistischen Verfolgung im Zeichen des Kalten Krieges beteiligt sich Meinhof aktiv an Aktionen und Protesten. Insofern demontiert das Buch auch den Mythos, 1968 sei der Anfang aller sozialen Bewegungen gewesen. Ditfurth greift immer wieder auf Texte Meinhofs zurück, um deren intellektuelle und politische Entwicklung hin zur einflussreichen und wortgewaltigen Journalistin und Filmautorin darzulegen.

Meinhofs Übergehen zu Konzepten des „bewaffneten Kampfes“ ab Ende der 1960er Jahre wird dann aber nicht mehr in gleicher Weise fassbar. Die Biographie geht der Gründung und Entwicklung der RAF in den frühen Jahren nach. Referiert werden auch die hinlänglich bekannten, von Meinhof verfassten Stellungnahmen der RAF, die den Anspruch einer programmatischen Grundlage der Aktionsformen der RAF nicht erfüllen. Ulrike Meinhof wurde am 29. November 1974 zu acht Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, 1976 wurde sie erhängt in ihrer Zelle aufgefunden.

Neue Dimension der Repression

Ein äusserst repressiver Umgang mit Protesten gegen die herrschende Ordnung pflegten die Behörden bereits in den 1960er Jahren, gegen studentische AktivistInnen liefen unzählige Strafverfahren und wurden hohe Gefängnisstrafen ausgesprochen, ganz zu schweigen von der alltäglichen Polizeibrutalität an Demonstrationen. Wie schnell und wie massiv der bürgerliche Staat aber gegen die RAF aufrüstete, wie geschickt die Behörden die Kriminalisierung jeglicher Form von Widerstand betrieben, wurde offenbar auch von direkt Beteiligten so nicht erwartet. Bei Festnahmen wurden RAF-Leute erschossen, es wurden spezielle Gefängnisse für sie gebaut und Deutschland setzte die weisse Folter ein; die krankmachende sensorische Deprivation (Isolationshaft) wird bekanntlich heute auch wieder offiziell angewandt, unter anderem von den USA, der Speerspitze der „Demokratie“. Auch die unglaublichen Prozessbedingungen für RAF-Leute, mit der Möglichkeit für Richter, Anwälte willkürlich auszuschliessen, führen einem vor Augen, wozu der staatliche Apparat zum Schutz des Privateigentums der Herrschenden fähig ist.

Durchaus im Einklang mit dem Anspruch des biographischen Abriss leistet dieser jedoch keine politisch-historische Einordnung des Phänomens RAF. Das zeitliche Umfeld der Entstehung der Roten Armee Fraktion nach dem Aufbruch der späten 1960er Jahre wird zwar angesprochen, auch die darauf folgende Enttäuschung nach dem Abebben der Mobilisierungen und Streiks. So liefert der Text lediglich Bruchstücke zum Selbstverständnis und zu den Konzeptionen der RAF.

Autoritäre und militärische Konzeptionen

Was die Geschichte der RAF für heutige AktivistInnen bedeutet, wird naturgemäss von Ditfurth nicht angesprochen. Insofern RAF-ähnliche Konzepte heute wieder aufgegriffen oder sogar gefeiert werden, stellt sich aber die Frage einer kritischen Auseinandersetzung. Dass die Aktionen der RAF teils auf gesellschaftliche Funktionsträger zielten, die stellvertretend für die gesellschaftlichen Machtverhältnisse angegriffen wurden – besser gesagt mit diesen verwechselt wurden; dass sich die RAF vermeintlich „revolutionärer Abkürzungen“ bediente und ihre Analyse der politischen Lage und der Kräfteverhältnisse sich drastisch von der Realität loslöste; dass Unbeteiligte verletzt wurden, beispielsweise Angestellte im Korrektursaal und in den Toiletten des Axel Springer Verlags beim Attentat vom 19. Mai 1972; dass bei der RAF ein offenbar völlig unreflektiertes Verhältnis zu revolutionären Prozessen bestand – all dies sollte aus linker Sicht kritisch reflektiert werden.


Gerichtszeichnung vom Baader-Meinhof-Prozess.

Auch wenn man davon ausgeht, dass die aktuelle gesellschaftliche Ordnung unerträglich ist und die Herrschenden ihre Privilegien nicht freiwillig abgeben dürften, stellt sich dennoch und verstärkt die Frage nach den Formen der Überwindung des bürgerlichen Staats. Die RAF vertrat eine autoritäre, zutiefst militärische Konzeption gesellschaftlicher Umgestaltung. Diese Haltung kann keinen produktiven, kreativen Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung hervorbringen. Selbst wenn man in der Logik der RAF verharrt, ist offensichtlich, dass der Kampf auf der militärischen Ebene gar nicht zu gewinnen ist – wie es die Repression damals und heute sowie die neuen imperialistischen Kriege und Grausamkeiten vor Augen führen. Revolutionäre Prozesse stellen letztlich die Frage nach den gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen und sind nicht vorauszusehen. Die Geschichte der sozialen Aufstände, der vielen Niederlagen und der wenigen Teilsiege zeigt auf, wie zentral die Beteiligung möglichst vieler Menschen an diesen Kämpfen war und ist; nicht nur das Gesicht einer Gesellschaft ohne Unterdrückung, auch der Weg dorthin kann nur kollektiv entworfen werden

Die Rote Arme Fraktion und der deutsche Herbst

Die RAF setze sich das Ziel des „bewaffneten Kampfes“ gegen den Kapitalismus in der Bundesrepublik. Als
Gründungsdatum der RAF gilt die Befreiung von Andreas Baader am 14. Mai 1970, der zuvor wegen Brandanschläge auf Kaufhäuser zu einer Haftstrafe verurteilt worden war. Der RAF werden 34 Morde sowie Banküberfälle und Sprengstoffattentate zur Last gelegt.
Im April 1977 wurde eine Reihe RAFLeute im Stammheimer Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt. Um die Gefangenen freizupressen, lancierte die RAF eine
Offensive, die mit dem Namen „Deutscher Herbst“ bezeichnet wird. Im September 1977 wurde Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyers entführt;
um den Druck auf die deutsche Regierung zu erhöhen, entführte eine verbündete Gruppe im Oktober 1977 das Lufthansa- Flugzeug Landshut, nach Erschiessung des
Kapitäns wurde das Flugzeug in Mogadischu (Somalia) von einem Sonderkommando gestürmt und die 86 Geiseln befreit; einige Tage später begingen die drei in
Stammheim inhaftierten RAF-Leute Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe Selbstmord, und Hanns-Martin Schleyer wurde erschossen, als seine Entführer vom Tod der RAF-Spitze erfuhren. Die Rote Armee Fraktion hat sich 1998 aufgelöst. In ihrer Auflösungserklärung beklagt sie gut zwei Dutzend eigene Tote und erwähnt zumindest: „Menschen in ihrer Funktion für das System anzugreifen, ist für alle Revolutionäre auf der Welt ein Widerspruch zu ihrem Denken und Fühlen“.

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