Nakba – Die palästinensische Katastrophe

Hanspeter Gysin
aus Debatte Nummer 4 – März 2008
Der Konflikt im Nahen Osten verlangt Parteinahme, nicht Neutralität. Alle Abscheu gegenüber dem gegenseitigen Töten entbindet nicht, auf der Seite der Unterdrückten zu stehen – ohne Wenn und Aber. Die rechtswidrige Besatzung ist das Hauptproblem in Palästina, nicht die terroristischen Attacken und die primitiven Raketen der belagerten und eingemauerten PalästinenserInnen.

Die neuere, tragische Geschichte des Nahen Ostens beginnt mit einem Kongress. Im August 1897 wurde anlässlich des ersten Zionistischen Weltkongresses in Basel die fatale Parole vom «Land ohne Volk für ein Volk ohne Land» gefasst. Palästina sollte «Heimstätte» für die besonders im russischen Zarenreich immer wieder Verfolgungen ausgesetzten Juden werden. Nachdem die britische Kolonialmacht 20 Jahre später in der Folge des ersten Weltkrieges den osmanischen Herrschern das Gebiet um Palästina entrissen hatte, wurde den Zionisten mit der berühmten Erklärung des britischen Aussenministers Lord Arthur James Balfour an Baron Lionel Walter Rothschild die so genannte „Heimstätte“ im eroberten Palästina versprochen.

Ein imperiales Konzept

Im Krieg gegen die Osmanen (Türken) hatten die Briten gesonderte jüdische Kampfeinheiten gebildet. Vladimir (Ze’ev) Jabotinsky, einer der Offiziere, gründete bald nach dem Krieg die Siedlermiliz «Haga-nah» (Verteidigung). Jabotinsky, Weggefährte David Ben Gurions, des späteren Staatsgründers, stellte öffentlich fest, dass die zionistische Kolonialisierung nur gegen den Willen der Ansässigen und nur mit Gewalt gelingen würde.

1920 besassen die von wohlhabenden Europäern reichlich finanzierten Zionisten 3% des palästinensischen Territoriums. 1929 wurde in Zürich die «Jewish Agency for Palestine» «for Israel»), die Einwanderungsagentur der Zionisten, gegründet. Eine neue bewaffnete Gruppe, die «Irgun Beth» Organisation), verübte gezielte Terroranschläge gegen arabische Märkte. Die britische Politik des Teilens und Herrschens führt in den Jahren 1936- 39 zu Revolten der ansässigen Bevölkerung gegen die Kolonialherren, gegen die zionistischen Kollaborateure und gegen die Ausbreitung ihrer Siedlungen. Palästina wird ab 1939 zu einer Versorgungsbasis für die Kriegsführung der Alliierten ausgebaut. 1940 beginnen Vertreibungen der ansässigen Bevölkerung aus strategisch wichtigen Gebieten und die Beschlagnahmung ihres Bodens. Es folgt die Gründung «Palmach», einer einheitlichen zionistischen Kampforganisation der Siedler, die von den Briten mit Waffen versehen wird.

Ein Kolonisierungsprojekt

Da die Briten zu Beginn des zweiten Weltkrieges auf Grund von Absprachen mit ihren arabischen Vasallenstaaten und Öllieferanten vorübergehend die jüdische Einwanderung nach Palästina zu bremsen suchten, trat erneut eine zionistische Miliz auf den Plan, die «Lohamei Herut Israel» (Freiheitskämpfer für Israel), kurz LEHI oder, wegen ihres Führers Avraham Stern, Stern-Bande genannt. Auch die lavierenden britischen Schutzherren wurden vor deren Terroranschlägen nicht verschont.

1947 besassen die Zionisten etwa 6 Prozent des Bodens und besetzten nach der Vertreibung der Besitzer eine ebenso grosse Fläche illegal. Die damalige UNO beschloss einen Teilungsplan. Dieser sah vor, den ansässigen 66 Prozent Palästinenser 43 Prozent des Bodens im hügeligen Karstgebiet des Hinterlandes sowie Teile des fruchtbaren, nördlich gelegenen Galiläa zuzusprechen; den inzwischen 34 Prozent zumeist eingewanderten Juden sollten 56 Prozent des Bodens, der Meerzugang und die fruchtbarsten Landstriche zugestanden werden. Jerusalem und seine Umgebung sollte neutrales, international verwaltetes Territorium werden. Aus leicht nachvollziehbaren Gründen waren die ansässigen PalästinenserInnen und die arabischen Staaten mit diesem Teilungsplan nicht einverstanden. Die zionistischen Terrororganisationen intensivierten daraufhin mit westlicher Unterstützung einen blutigen Kleinkrieg gegen die ansässige Bevölkerung.

Gaza – Eine Bevölkerung unter Arrest
2005 von den Siedlern geräumt, ist der kleine Gaza-Streifen von 360 km2 zu einem Gefängnis für beinahe
 1,5 Millionen Menschen geworden, die systematisch ausgehungert werden. Gaza ist der am dichtesten bevölkerte Fleck der Erde. Kein Volk dieser Welt hat mehr Flüchtlinge zu beklagen als die Palästinenser. Der gewaltsame Ausbruch von Hunderttausenden in das ägyptische Rafah im Januar dieses Jahres zeigt die verzweifelte Lage der Leute im Gaza-Streifen.
Westjordanland – von Siedlungen durchlöchert
Die illegalen Siedlungen im Westjordanland werden – entgegen allen Abmachungen – anlässlich sogenannter «Friedensverhandlungen» massiv ausgebaut und sollen bei Jerusalem sogar mit einer Strassenbahn erschlossen werden.

Die Nakba

Am 14. Mai 1948 zogen sich die Briten von ihrem Mandat zurück und überliessen die Gegend den zionistischen Einwanderern und den Regimes der Nachbarländer, Jordanien (West-jordanland) und Ägypten (Gaza). Am 15. Mai folgte die Ausrufung des israelischen Staates. Die gewaltsame Vertreibung von über 800’000 Menschen aus ihrer Heimat wurde planmässig umgesetzt, das Territorium Israels massiv erweitert. Das halbherzige Eingreifen der unterbewaffneten arabischen Nachbarländer, die erst zwei Jahre zuvor aus der Kolonialherrschaft entlassen worden waren, konnte diese Eroberungen nicht verhindern. Im Gegenteil, Israel vergrösserte sein Territorium zusätzlich. Die Ereignisse von 1948 sind den Menschen in Palästina als «Nakba» (Katastrophe) in Erinnerung.

Landnahme Schritt für Schritt

Mit der Resolution 194 von 1948 bestätigt die UNO das Recht zur Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge in ihre Häuser. Mit der Resolution 273 von 1949 wird Israel in die UNO aufgenommen und dabei verpflichtet, die vorhergehenden UNO-Resolutionen zu respektieren. Kein UNO-Beschluss, der Israel etwas abverlangt hätte, wurde je umgesetzt.

Erst nach der Staatsgründung und drei Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges begannen die wirklich grossen Einwanderungswellen von Juden nach Israel. Zwischen 1948 und 1951 schleuste die Jewish Agency rund 700’000 neue Bewohner ins Land. 1967 kommt die mit Milliarden deutscher Wiedergutmachungsgeldern hochgerüstete israelische Armee einem angeblich bevorstehenden Angriff der Arabischen Nachbarstaaten zuvor und besetzt Gaza, das Westjordanland und die Golan-Höhen. Erneut müssen über 130’000 PalästinenserInnen flüchten.

Nach dem Einmarsch der israelischen Truppen in Jerusalem wird im Handstreich das palästinensische Quartier am Fusse der «Klagemauer» zerstört und planiert. Mit der Resolution 242 vom 22.11.1967 fordert die UNO Israel auf, die mit militärischer Macht eroberten Gebiete zu verlassen. Nichts geschieht.

Der Versuch der unterlegenen arabischen Länder, 1973 das Rad militärisch wieder zurückzudrehen und die besetzten Gebiete zurückzuerobern, scheiterte kläglich. Seit 60 Jahren nun herrscht für die arabischen Menschen in Palästina das Regime der israelischen Besatzung. Seither wird kontinuierlich und systematisch Land konfisziert und von einwandernden Siedlern in Besitz genommen. Es werden Häuser und Plantagen zerstört, Wasserquellen beschlagnahmt, Hunderttausende hinter Mauern und Stacheldraht eingesperrt. Terrorisierung von Städten und Dörfern, Misshandlungen, Geiselnahmen und extralegale Ermordungen von Verdächtigen sind palästinensischer Alltag.

Die UNO 1947
1947 bestand die UNO aus 59 Mitgliedern, den Siegermächten des zweiten Weltkrieges, einigen mehrheitlich von diesen abhängigen Nationen
sowie China. Heute sind 191 Nationen UNO-Mitglied.

Kolonisierungsideologie Zionismus

Die mythenbehaftete zionistische Eroberungs- und Kolonisierungsideologie ist ohne die Jahrhunderte lange Verfolgung und Drangsalierung jüdischer Gemeinschaften nicht denkbar. Der Naziterror gegen JüdInnen hat zweifellos Zigtausende dazu gebracht, sich dieser Ideologie anzuschliessen. Zionismus ist aber auch ein Resultat des Scheiterns eines wirklich sozialistischen Projekts, wie es sich zahlreiche Revolutionäre jüdischer Abstammung in Russland und anderswo vor der Machtergreifung Stalins erhofft hatten.

Bei aller Berechtigung, die Gräueltaten der Nazis und frühere oft gewalttätige Ausschreitungen gegen JüdInnen in Erinnerung zu halten, wird die «Antisemitismusfrage» derzeit massiv für die prozionistische Propaganda missbraucht. Israel benutzt sie skrupellos zur Rechtfertigung seiner Politik der ethnischen Säuberungen und des militärischen Terrors. Tragisch ist, dass sich die Zionisten freimütig den imperialistischen Mächten, allen voran den USA, als Erfüllungsgehilfen bei der Wahrung ihrer Interessen zur Verfügung stellen und dabei die Instrumentalisierung ihres eigenen Volkes anbieten. Es ist offensichtlich, dass der Zionismus nicht nur die Bevölkerung Palästinas ins Elend stürzte. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass auch den Menschen des jüdischen Kulturkreises keinen Dienst erwiesen wurde. Die zionistische Parole vom Land ohne Volk hat sich – wenn man sich die seit 60 Jahren andauernden permanenten bewaffneten Auseinander-setzungen vor Augen hält – als manipulatorisch und trügerisch erwiesen. Das beste Mittel gegen Zionismus ist demnach der rigorose Kampf gegen jeden Rassismus und in diesem Rahmen gegen jede Judenfeindschaft.

Welcher Friede?

Sollte dieses traurige Kapitel vom gegenseitigen Morden jemals ein Ende finden, wird in Palästina ein säkulares Gemeinwesen bestehen, in dem JüdInnen, PalästinenserInnen und Menschen aller anderen Kulturen gleichberechtigt miteinander leben. Es muss eine Lösung für alle sein, für JüdInnen und PalästinenserInnen. Die semitischen Völker beider Religionen haben Jahrhunderte lang friedlich zusammengelebt, weitaus friedlicher als dies mit den Christen möglich war und es ist ausschliesslich eine Frage des politischen Willens, diese Situation wieder entstehen zu lassen. Entscheidend ist, dass sie sich aus den Fesseln ihrer Abhängigkeit von geostrategischen Interessen der Imperialisten lösen. Die bittere Alternative: Ein eingemauerter palästinensischer Fleckenteppich von Bantustans und ein Palästinenserpräsident als oberster Chef einer Gruppe von Gefängniswächtern von Israels Gnaden. Daneben ein Israel, welches auf ewige Zeiten einen Dauerkonflikt mit der arabischen Seite führen muss.

Buchtipps

J. Rose, Mythen des Zionismus, Zürich,
 Rotpunktverlag 2006.
N. Chomsky, Keine Chance für Frieden, Hamburg, Europa-Verlag, 2005.I. Pappe, Die ethnische Säuberung Palästinas, Frankfurt, Zweitausendundeins, 2007.

N. G. Finkelstein, Antisemitismus als politische Waffe, München, Piper, 2006.

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Eine Antwort auf Nakba – Die palästinensische Katastrophe

  1. abumidian sagt:

    Die Nakba damals und heute, denn die Nakba geht auch heute weiter, tagtäglich. Wadi Milech, ein Vortrag, den ich in Bern, am 2.12.12. anlässlich der Finissage der Nakba-Ausstellung gehalten habe.
    http://abumidian.wordpress.com/deutsch/haimhanegbi/wadi-milech/

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