Mikrokredite in Indien

Gerhard Klas
aus Debatte Nummer 9 – Juli 2009
Nach dem Platzen der Immobilienblase wird nach neuen Investitionsfeldern gesucht. Die Weltbank unterstützt dabei Mikrokredite – „Renditen mit gutem Gewissen“. Das dabei wie so oft andere Interessen mitwirken, zeigt Gerhard Klas in seinem auf Lunapark21 (Heft 5, Frühling 2009) erschienenen Artikel.1 (Red.)

„Mikrokreditfonds sind recht sicher“, eröffnete Mikrokredit-Guru Muhammad Yunus nach dem Ausbruch der Wirtschaftskrise im Herbst 2008 potentiellen Anlegern. Ausgerechnet die Forschungs-abteilung der Deutschen Bank sieht auf diesem Gebiet, das auch als Teil einer „alternativen Ökonomie“ gepriesen wird, weltweit einen potentiellen Markt mit einem Volumen von 250 Milliarden Dollar. Ein Markt, der zunehmend auch für private und institutionelle Anleger unter dem Aspekt der Rendite interessant wird. „Nach Abzug der Kosten“, so Muhammad Yunus im Interview mit einer Schweizer Anlegerzeitung, „sollten die Renditen nicht höher als zehn Prozent sein, 15 Prozent sind gerade noch tolerierbar.“ Kreditnehmer sind die Ärmsten der Armen weltweit. Ihnen soll damit aus dem Elend geholfen werden, so heisst es. „Rendite mit gutem Gewissen“ lautet die Anlegermaxime. Aber diese Rechnung geht nicht auf. Zum Beispiel in Indien, wo es mehr als elf Millionen Kreditnehmer und Kreditnehmerinnen gibt.

Vertreter einer indischen Bank bei der Vergabe von Mikrokrediten.

„Wir wollten uns eine Kuh kaufen, um etwas Geld mit der Milch zu verdienen“, erzählt der Landarbeiter Nagendra Jyothi aus dem Dorf Bandarugudem im südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh. „Deshalb hat meine Frau einen Kredit bei der Mikrofinanzorganisation Spandana aufgenommen. 16 Wochen haben wir pünktlich zurückgezahlt. Dann hatte unser Sohn einen Unfall. Um den Arzt und die Medikamente zu bezahlen, mussten wir die Ratenzahlungen zwei Wochen lang aussetzen. Dann stürzten wir ins Unglück.“

Nagendra Jyothi ist hager. Sein Körper ist ausgemergelt von der langjährigen Plackerei als Landarbeiter. Wie 90 Prozent der insgesamt 1200 Dorfbewohner lebt er unterhalb der Armutsgrenze, d.h. von umgerechnet weniger als zwei Dollar am Tag.

Selbsthilfegruppen als Zinseintreiber

Rund um den staubigen Dorfplatz von Bandaragudem stehen einfache Lehmhütten, ein Verkaufsstand mit Teestube und ein kleines Versammlungshaus, das nur aus einem Raum besteht. Dort versammelten sich die Dorfbewohner auch vor einigen Jahren, als erstmals Vertreter von Mikrokreditunternehmen auftauchten. Sie versprachen, den Ärmsten der Armen helfen zu wollen. Mit kleineren Geldsummen sollten vor allem Frauen eine Starthilfe erhalten, um dann geschäftlich tätig zu werden: im Gemüsehandel, als Schneiderin. Oder eigene Tiere halten. Die Bedingung: Die Frauen mussten sich in Kleingruppen zusammenschliessen, die füreinander bürgten. Auch Laxmi, die Frau von Nagendra Jyothi, schloss sich einer solchen „Selbsthilfegruppe“ an, um den Kredit für den Erwerb einer Kuh zu erhalten. Aber als sie wegen des Unfalls ihres Sohnes den Ratenzahlungen nicht mehr nachkommen konnte, wurde der Druck in der Frauengruppe unerträglich.

„Die Frauen aus der Gruppe sind in unser Haus eingedrungen, haben unser Geschirr und unsere Haushaltsgegenstände auf die Strasse geworfen, um sie zu verkaufen“, berichtet der 52-jährige Nagendra Jyothi. „Sie beschimpften meine Frau, nannten sie sogar eine Hure. Sie sagten, sie stünden jetzt unter Druck, das Geld zurückzahlen zu müssen.“ Dem Landarbeiter stehen die Tränen in den Augen, als er fortfährt. „Wenige Minuten später erlitt meine Frau einen Herzinfarkt und starb daran.“

Nach dem Tod seiner Frau musste Nagendra Jyothi auch die Kuh verkaufen. Er konnte die verbliebenen Schulden nicht zurück zahlen. Die Geldverleiher hatten nicht nur seine Familie zerstört, sondern auch den Zusammenhalt in der Dorfgemeinschaft, meint Nagendra Jyothi. „Bevor die Frauen wegen der Kredite in Streit gerieten, waren sie gute Nachbarinnen und Freundinnen, schliesslich kannten sie sich alle von Kindheit an.“

Kleinkredite – Grossbanken

Die Idee, den Armen in der so genannten Dritten Welt mit Kleinkrediten zu helfen, sich eine eigene Existenz aufzubauen, entstand in den achtziger Jahren. Bei staatlichen Stellen und Nichtregierungsorganisationen stiess sie auf ein positives Echo. Zwei Jahrzehnte später, im Jahr 2006, erhielt Muhammad Yunus dafür sogar den Friedensnobelpreis. Er hat in Bangladesch das grösste Mikrokreditunternehmen weltweit aufgebaut: Die Grameen Bank. Mit 2500 Filialen, 16.000 Mitarbeitern und 7,5 Millionen Kreditnehmern gilt sie bis heute als Modell für ähnliche Institutionen in aller Welt.

Auch die meisten Kreditunternehmen in Indien arbeiten nach dem Vorbild der Grameen Bank. Sie haben wohlklingende Namen wie Share – das heisst „Teilen“, „Asmitha“ – „Stärke“, „Spandana“ – „Herzschlag“. Diese Mikrokreditinitiativen haben sich inzwischen in vielen indischen Bundesstaaten ausgebreitet. Wie die Grameen Bank des Nobelpreisträgers arbeiten sie fast ausschliesslich mit „Selbsthilfegruppen“ von Gläubigerinnen. Auch das indische Kleinkredit-unternehmen BASIX. „Wenn wir in die Dörfer gehen und Treffen organisieren, kommen bis zu 100 Leute, die gerne einen Kredit hätten“ erklärt der Hauptgeschäftsführer Nadampalli Venkaat Ramana. „Wir fordern sie auf, sich jeweils zu fünft in Gruppen zusammen zu schliessen. In jeder Gruppe haften dann vier Leute für den Kredit des Fünften – und das gegenseitig. So bürgen alle füreinander.“ Das Modell funktioniert. „Wenn ein Gruppenmitglied nicht bezahlt, bekommt niemand aus der gesamten Gruppe im darauffolgenden Jahr weiter Kredit“, sagt Ramana. „Dieser Druck wirkt, denn die Leute brauchen das Geld“.

Muhammad Yunus, Wirtschaftswissenschaftler und Friedensnobelpreisträger, ist
Gründer der Mikrokredite vergebenden Grameen Bank.

Geld verstehen alle

Die Zentrale von BASIX befindet sich in einem eher unscheinbaren Gebäude in der Bank-Street von Hyderabad, der Hauptstadt des Bundesstaates Andhra Pradesh. In der Metropole haben fast alle grossen Mikrofinanzinstitutionen Indiens ihren Hauptsitz. Mit 200.000 Gläubigern gehört BASIX eher zu den kleineren Unternehmen. Firmen wie „Spandana“ oder „Share“ verzeichnen jeweils mehr als eine Million Kreditnehmerinnen. Die meisten von ihnen sind Analphabetinnen. „Lesen und schreiben können sie nicht, aber Geld – das verstehen sie alle“, so Ramana, „deshalb sagen wir unseren Leuten, sie sollen ihnen die Verträge vorlesen und erklären, und anschliessend einen Fingerabdruck als Unterschrift nehmen.“

Im Grossraumbüro von BASIX arbeiten mehrere Dutzend Mitarbeiter an Computern, bearbeiten Kreditverträge und Arbeitsberichte von den Einsätzen im Aussendienst auf dem Land. Der Geschäftsführer Nadampalli Venkaat Ramana hat zuvor für einen multinationalen indischen Konzern gearbeitet. Auch bei den Kleinstkrediten für die Ärmsten denkt er ans Geschäft. So fordert seine Firma Zinssätze von bis zu 27 Prozent. Das sind doppelt so viel Zinsen, wie für einen teuren Überziehungskredit auf einem Bankkonto in Deutschland.

Mittlerweile sind auch einige der weltweit grössten Banken mit im Geschäft, z.B. die niederländische ABN-AMRO-Bank, Credit Suisse und die US-amerikanische Citibank. Auch die Deutsche Bank bietet ihren Anlegern an, in Fonds zu investieren, mit denen Kleinkredite an Arme, etwa in Indien, vergeben werden. Dafür zahlt sie Renditen von bis zu 9,5 Prozent. „Gewissenhafte Anlage, die soziales Engagement mit Rendite verbindet“, schwärmte am 11.Januar 2008 ein Autor in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und empfahl solche Anlagen auch deutschen Anlegern, „denn die Rendite übersteigt zumeist die von Geldmarktfonds. Die Kredite für die Ärmsten der Armen haben zudem erstaunlich geringe Ausfallraten.“

NGO Profit-Corporation

„Viele der Mikrofinanzinstitutionen haben früher einmal als NGOs begonnen,“ erinnert sich Jamuna Puruchuru, die bei der halbstaatlichen Gesellschaft zur Beseitigung der ländlichen Armut – kurz „SERP“ – das Frauenprogramm leitet. „Später fingen einige an, das Geschäft von kommerziellen Geldverleihern zu betreiben. Sie nennen sich noch NGO, haben sich aber längst in Finanz- Konzerne verwandelt“, stellt Puruchuru fest. „Sie haben sich mit staatlichen Geldern aufgebaut, aber heute akquirieren sie kommerzielles Kapital aus dem Ausland und machen mit ihren Kleinkrediten Geschäfte – zum Beispiel ‘Spandana’ und ‘Share’“. So auch im Bezirk Gannavaram, zu dem 28 Dörfer gehören. „Die meisten Frauen aus unserem Bezirk haben Darlehen bei den Mikrokreditinstitutionen aufgenommen und viele Frauen haben sich über das unverschämte Benehmen von deren Vertretern beschwert“, berichtet die 55-jährige Landarbeiterin Estheramma, die in Gannavaram die Bezirksgruppe von SERP leitet. Sie hat es selbst erlebt. „Als ich einmal meine Rate nicht rechtzeitig bezahlen konnte, forderte mich einer dieser Typen auf, doch auf den Wasserturm zu steigen und hinunter zu springen, zehn Meter tief. Anderen Frauen haben sie gesagt, sie sollten als Prostituierte das Geld ranschaffen“. Ähnliches sei in allen Dörfern des Bezirks passiert, zum Teil mit dramatischen Folgen wie in Bandaragudem. „Insgesamt haben wir zwölf Selbstmorde registriert, die aufgrund des Drucks der Mikrokreditinstitutionen begangen wurden“, zählt Bhanu Prasad, Leiter von SERP im Krishna-Distrikt, zu dem auch der Bezirk Gannavaram gehört. Im Krishna-Distrikt, in dem mehr als zehn dieser kommerziellen Finanzinstitutionen tätig waren, mussten im März 2006 auf Geheiss der Verwaltung drei Unternehmen vorübergehend ihre Türen schliessen: Share, Spandana und Asmitha. Die Distriktverwaltung und zahlreiche Medienberichte warfen ihnen vor, Wucherzinsen zu verlangen, ausstehende Zahlungen mit unethischen Methoden einzutreiben und ihre Gläubiger, meist Kleinbäuerinnen und landlose Arbeiterinnen, in die Überschuldung getrieben zu haben. SERP hat daraufhin das Kreditvolumen erhöht. Der Zinssatz macht den Unterschied: „Für diese Kredite, die wir über Banken vergeben, verlangen wir nur drei Prozent Zinsen im Jahr. Viele haben deshalb Kredite von uns genutzt, um ihre Kredite bei den privaten Kreditunternehmen abzuzahlen“, erklärt Prasad. Allein im Krishna-Distrikt betreue SERP heute 40.000 Selbsthilfegruppen, das sind etwa 450.000 Familien. Die preiswerten staatlichen Darlehen sollen den Einfluss der privaten Geldverleiher und Mikrokreditfirmen zurückdrängen. „Wir wollen, dass sie hier ganz verschwinden“, so der SERP-Manager Bhanu Prasad.

Staatliche Hilfe – privater Profit – menschliches Leid

Diese günstigen Konditionen sind nur möglich, weil die Regierung des Bundesstaates Andhra Pradesh die Kreditvergabe durch SERP subventioniert. Dabei handelt es sich um ein Wahlversprechen, mit dem die regierende Kongresspartei 2004 im Bundesstaat die Wahlen gewann. SERP Mitarbeiter sind sich sicher, dass die Partei die nächsten Wahlen 2009 verlieren würde, sollte sie die Subventionszahlungen einstellen.2 Genau das aber wollen die indische Zentralregierung und Vertreter kommerzieller Kreditunternehmen. Sie kritisieren Subventionen wie die des Bundesstaates Andhra Pradesh als „Wettbewerbsverzerrung“.

Der Dachverband der Mikrokreditinstitutionen, Sa-Dhan, den BASIX mit ins Leben gerufen hat, unterhält enge Kontakte zur Zentralregierung und dem Finanzministerium in Neu Delhi. Sa-Dhan hat Mitte 2006 als Reaktion auf die Vorfälle im Krishna Distrikt einen Verhaltenskodex für Mikrofinanzunternehmen verabschiedet. Für die Überwachung der Verhaltensrichtlinien sollten jedoch die Geschäftsführungen der Firmen selbst verantwortlich sein. Kritiker der bisherigen Praxis forderten hingegen ein verbindliches Gesetz. Auf Druck der Öffentlichkeit legte das Finanzministerium der Zentralregierung 2007 einen ersten Entwurf vor. Indischen Frauenorganisationen erklärten dazu, der Staat wolle sich aus der Verantwortung stehlen, weil er gesellschaftspolitisch dringliche Kreditvergabe an Arme auch weiterhin privaten Finanzunternehmen überlasse.

1 Aus Platzgründen wurde dieser Artikel leicht gekürzt. Den Originaltext finden Sie auf der Homepage http:// www.lunapark21.net. Gerhard Klas ist Mitglied des Rheinischen Journalistenbüros Köln.

2 In Andhra Pradesh sowie auf nationaler Ebene hat die Partei Indian 7ational Kongress die Wahlen vom April 2009 klar gewonnen.

Dieser Beitrag wurde unter Debatte Nr. 09, Schwerpunkt veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *