Lisan, Zeitschrift für arabische Literatur

Karin Vogt
aus Debatte Nummer 14 – Herbst 2010
Die aktuelle Nummer von Lisan heisst «Palästina – Der Alltag ». Die in Basel hergestellte Zeitschrift erscheint in der neunten Nummer und besticht durch vielerlei Qualitäten: Es ist ein echtes Projekt der Kulturvermittlung.

Lisan begnügt sich nicht damit, die wenigen auch hierzulande bekannten Namen von arabischsprachigen LiteratInnen zu präsentieren. Im Gegenteil, die Zeitschrift verfolgt explizit den Anspruch, auch literarische Stimmen abzubilden, die in Europa noch kaum bekannt oder völlig unbekannt sind. Die Verlagstätigkeit unter dem gleichen Namen Lisan ist das Pendant dieser Ausrichtung.

Somit wurden viele Texte der aktuellen Nummer zu Palästina neu übersetzt durch das Lisan-Team, das sich aus Personen mit unterschiedlichem Profil und aus verschiedenen Generationen zusammensetzt. Denn auch im Bereich Übersetzung setzt sich Lisan das Ziel, neue Talente zu finden und zu fördern. Die zwanzig präsentierten SchriftstellerInnen aus der Westbank, Gaza und Israel öffnen einen unmittelbaren und lebendigen Einblick in die Literatur der PalästinenserInnen. Eine der jüngsten AutorInnen, Dalia Taha, hat Jahrgang 1986, etliche andere sind erst in den 1970er Jahren geboren. Frauen sind als Autorinnen nicht nur vertreten, sondern gleich stark präsent sowohl in inhaltlichen Textbeiträgen wie in Interviews. Von Mahmud Darwisch, dem grossen, kürzlich verstorbenen palästinensischen Dichter, sind im ersten Teil des Heftes einige Gedichte abgedruckt. Den Anfang macht aber Kauthar Abu Hani, 21-Jährige Bloggerin aus Gaza, mit ihrer Kurzgeschichte «Wer hat meine Freundin aus dem Panzer geklaut?»

Literatur ohne Schublade

Das Gefühl der Unmittelbarkeit vermittelt beim Lesen unter anderem die Tatsache, dass etliches nicht nur erstmals auf Deutsch, sondern zum ersten Mal überhaupt gedruckt vorliegt. Von jungen AutorInnen und DichterInnen – etwa Somaya El Sousi, Asmaa’ Azaiza, Ala Hlehel – aber auch von Autor_ innen mittleren Alters mit zurückliegender Publikationstätigkeit – etwa Ziad Khaddash – werden in Lisan neue, unveröffentlichte Texte publiziert.

Lisan setzte sich gemäss Editorial mit dieser Nummer das Ziel, die palästinensische Literatur aus der Schublade zu holen, ihr also keine Etiketten wie Literatur auf dem Hintergrund der Besatzung oder Nabka- Literatur (Nabka: Vertreibung der PalästinenserInnen im Zuge der israelischen Staatsgründung 1948) anzukleben. Diese Haltung scheint die Stimmung der aktuellen literarischen Produktion in Palästina zu treffen: «Der Pathos und die Parolen der dezidiert politisch engagierten Widerstandsliteratur der 1960er und 1970er Jahre sind den heutigen Autoren eher fremd. Aber wenn diese sich mit leiseren Tönen dem Schicksal der Palästinenser zuwenden, so ist ihre Wut auf die Verhältnisse doch nicht weniger gross» (Andreas Pflitsch in einem kommentierenden Beitrag). Wenn Marwan Makhoul ein sehr persönliches Gedicht namens «Hallo, ist dort Beit Hanoun?», oder Somaya El Sousi in Gaza-Stadt ihr unveröffentlichtes «Tagebuch einer zerrissenen Stadt» verfasst, sind die Bombardierung von Beit Hanoun und die Abriegelung des Gaza-Streifens und somit die Aktualität von Besatzung und Vertreibung dennoch durchdringend abgebildet. Die Vorstellung der AutorInnen und die mit einigen von ihnen geführten Interviews zeugen von Sensibilität und Respekt. So viele Vorzüge werden noch abgerundet durch eine ausserordentlich schöne Gestaltung des 160-seitigen Heftes, mit verhaltener und dennoch starker Bildsprache.

Bestellungen: Lisan, Wasgenring 29, 4055 Basel; 061 681 14 53, info@lisan.ch, www.lisan.ch.

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