Let’s Make Money, der Film zur Krise

Hanspeter Gysin
aus Debatte Nummer 8 – März 2009
Erwin Wagenhofer hat mit «We Feed the World» bereits einen
spektakulären Dokumentarfilm über die Ernährungsindustrie vorgelegt. In seinem aktuellen Werk «Let’s Make Money» zeigt er eindrücklich, wie die Ausplünderung der Welt funktioniert.

Wie Geld «gemacht» wird, das erscheint im Bewusstsein vieler Leute eben so, wie die Milch aus der Tüte kommt oder der Strom aus der Steckdose. So beginnt auch der Film mit den Rotationsmaschinen, auf denen das Geld gedruckt wird. Bald darauf schwenkt die Optik auf eine afrikanische Goldmine und von dort auf die Gold-barren im schweizerischen Depot: 3 Prozent für Afrika, 97 Prozent für die Schweiz, so wird der Reichtum in diesem Geschäft aufgeteilt. Kapital kennt keine Moral, das bestätigt auch die Aussage des Emerging-Market-Gurus, der interviewt wird. Investoren hätten die Aufgabe, Profit zu machen, Ethik, Soziales oder Umweltschutz gehe sie nichts an. Der Staat soll sich aus dem Business heraushalten, denn davon versteht er nichts und Krisen, Revolten und Kriege seien der Motor seiner Finanzwirtschaft, weil bei diesen Ereignissen die Preise fallen und die Profitchancen steigen. So einfach ist des Investors Welt.

Man hätte den Film auch «Die Ausplünderungskette» nennen können. Klar kommt zum Ausdruck, dass der Liberalismus den Armen der Welt längst den Krieg erklärt hat, bevor die ersten «Islamisten» auf die verhängnisvolle Idee des Terrorismus gekommen sind.

Der Film zeigt auch mit aller Deutlichkeit, dass das Geschwätz von UNO-Milleniumszielen und Entwicklungshilfe der industrialisierten Welt nur der Nebel sind, hinter dem der Kapitalismus die Ausplünderung der ärmeren Welt vorantreibt. Nicht Almosen brauchen die noch wenig entwickelten Gegenden, sondern ein Ende der Ausweidung ihrer Schatzkammern, ihrer Rohstoffe.

Beeindruckend sind die Bilder…

Aufgezeigt wird, was wir schon wussten; dass der Internationale Währungsfonds und die Weltbank im Prinzip nichts anderes sind als die Agenturen ihrer Geberländer zur Optimierung der Ausbeutungs-bedingungen ärmerer Länder. In der Tat die direkte Weiterführung der Kolonialherrschaft in neuem Gewand und begleitet vom Schalmeinklang der guten Absichten. Auch das wissen wir: ca. 250 Milliarden Euro werden weltweit jedes Jahr an Steuern hinterzogen. Aufhellend ist die Reportage über die Mechanismen, welche dies ermöglichen. Das virtuelle Verschieben von papierenen Vermögenswerten in Milliardenhöhen von einer Steuerhinterziehungs- und Geheimfachoase zur anderen, das geschickte Ausspielen unterschiedlicher Rechtssysteme um diese „Steueroptimierung“ zu realisieren, ist phänomenal. Bei jeder Schweinerei… …ist die Schweiz mit dabei“, lautet ein alter Demo-Slogan. Aber die Unverfrorenheit mit welcher der stellvertretende NZZChefredaktor Schwarz seine Klassenkampfparolen von sich gibt, macht einen trotzdem paff. Ganz offensichtlich sind sich dieser wie auch die porträtierten Finanzmafiosi der eigenen Macht in einem Masse bewusst, dass eine beschönigende Umschreibung ihrer – für viele Menschen tödlichen – Schreibtischtaten gar nicht mehr für nötig gehalten wird. Schwarz spricht tatsächlich im Rahmen eines Films über die Ausplünderung der armen Welt davon, dass Menschen, die dahin flüchten, wo alles angehäuft ist, was ihnen gestohlen wurde, einen Eintrittspreis zu bezahlen hätten. Zitat: «Wie in einem Golfklub, wo ja auch bezahlt werden muss, für das was zuvor andere aufgebaut haben.»

Der Film hat auch seine Schwächen und Grenzen. Unverständlich ist, weshalb ausgerechnet ein Mitglied der deutschen Sozialdemokraten hier seinen grossen Auftritt hat. Alle reichen Industriestaaten wurden zwischenzeitlich oder werden aktuell von der Sozialdemokratie regiert oder mitregiert. Dennoch wurde dem neoliberalen Mainstream nie wirklich etwas entgegengestellt, sondern diese Entwicklung wurde von den SPFührungskadern tatkräftig vorangetrieben. Der SPD-Bundestags-abgeordnete und Kronzeuge Scheer empfiehlt den kleinen Leuten zum Schluss des Filmes, sich zu organisieren. Der erste und leider einzige Gedanke in Richtung einer anderen Perspektive. Sich organisieren, aber wo? In der Sozialdemokratie oder in den von dieser gegängelten Gewerkschaften etwa? Trotz alledem, «Let’s Make Money» ist DER Film zur Krise.

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