Klassenkampf in Guadeloupe

David S.
aus Debatte Nummer 10 – Oktober 2009
Anfang dieses Jahres fand auf der französischen Karibikinsel Guadeloupe ein Generalstreik statt. Innerhalb von sechs Wochen konnte sich eine breite Protestbewegung wichtige soziale und politische Verbesserungen erkämpfen. Doch wie war eine derartig erfolgreiche Mobilisierung überhaupt möglich?

Das französische Übersee-Departement Guadeloupe, eine Inselgruppe in der Karibik mit gerade mal 460’000 Einwohnern, hat ein ereignisreiches Jahr hinter sich: Während eines sechswöchigen Generalstreiks der Lohnabhängigen wurde beinahe die gesamte lokale Wirtschaft lahm gelegt, Streikposten wurden errichtet, wichtige Wirtschaftsstandorte mit Strassensperren blockiert. Der örtliche Stromkonzern (EDF), der Hafen, die Krankenhäuser, die Warengeschäfte, ja sogar der Treibstoffvertrieb wurde zeitweise von den Streikenden kontrolliert. Der offene Arbeitskampf – der mitunter auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Protestierenden und den französischen Sicherheitskräften führte – endete vorläufig mit einem 160 Punkte- Abkommen. Darin enthalten sind nicht nur eine Erhöhung des Mindestlohnes um 200 Euro, sondern auch Verbesserungen bezüglich der Renten- und Sozialbeiträge, Preissenkungen wichtiger Konsumgüter (Nahrungsmittel, Treibstoff usw.) und im öffentlichen Sektor um bis zu 20 Prozent. Des Weiteren konnten auch die gewerkschaftlichen und politischen Rechte der Bevölkerung ausgebaut werden. Ein so erfolgreich ausgetragener Klassenkampf ist für heutige Verhältnisse zweifellos aussergewöhnlich. Wie und unter welchen Bedingungen aber war eine derart kämpferische und gut organisierte Mobilisierung der ArbeiterInnenklasse in Guadeloupe möglich?

Doppelte Ausbeutung

Guadeloupes überwiegend touristisch und landwirtschaftlich geprägte Wirtschaft ist wie in vielen Ländern des Südens durch und durch auf den Export, also auf die Bedürfnisse Europas und insbesondere Frankreichs ausgerichtet. Wichtigste Exportgüter des Landes sind Zuckerrohr sowie Obst und Gemüse. Die Arbeitslosigkeit beträgt 28 Prozent.

Die meisten politischen Ämter sowie praktisch alle wichtigen Wirtschaftszweige und Unternehmen (Hayot, Despointes, Total, Carrefour, Match, Cora, Leader Price, Renault, Peugeot, Mercedes) werden von den «Békés», den ehemaligen (weissen) Sklavenhaltern, kontrolliert. Die werktätige (schwarze) Bevölkerung besteht mehrheitlich aus den Nachfahren der Sklaven sowie aus einigen Zehntausend indischen ArbeiterInnen, die ab 1848 (offizielle Abschaffung der Sklaverei) als Kontraktarbeiter von den Plantagenbesitzern «importiert» wurden, nachdem sich viele Einheimische geweigert hatten, weiterhin zu Hungerlöhnen auf den Plantagen zu schuften.

In bester kolonialer Tradition übt die kolonial geprägte Bourgeoisieklasse (von der Bevölkerung werden die ehemaligen Kolonialherren oft als „Grand-Blancs“ bezeichnet) die Herrschaft über die lokale Bevölkerung Guadeloupes aus. Obwohl eigentlich ein französisches Departement, sind die Preise für Nahrungsmittel und andere wichtige Konsumgüter bis zu 20 Prozent teurer als im „Mutterland“ Frankreich, gleichzeitig sind die Löhne tiefer. Vor allem bezüglich des Wohnungsbaus und der Vergabe von Arbeitsstellen wird die nichtweisse Bevölkerungsmehrheit systematisch diskriminiert, das Verhältnis zwischen Arbeiterklasse und Bourgeoisie ist durch Willkür und Rassismus geprägt. Die Lohnabhängigen Guadeloupes sehen sich somit einer doppelten Ausbeutung ausgesetzt, einerseits als Lohnabhängige, andererseits als ethnische Gruppe.

Die zahlreichen Proteste und der Generalstreik Anfang dieses Jahres sind somit nicht nur als Ausdruck eines Klassen- und Arbeitskonfliktes, sondern auch als Auflehnung gegen den strukturellen Rassismus und die Arroganz der französischen Kolonialverwaltung zu verstehen. Diese Besonderheit kommt auch in einem in Guadeloupe vor allem während des Streiks oft wiederholten Lied zum Ausdruck: «Péyi la pa ta yo, péyi la sé tan nou…» («Das Land gehört ihnen nicht, das Land ist das unsere, sie werden hier nicht tun, was sie wollen»). Mit dem Versprechen, die Békés, die «Schar von Ausbeutern und Dieben» ins Meer zu werfen, wurde das Lied im Zuge des Arbeitskampfes zudem treffend modernisiert.

Tradition des Widerstandes

Als ideelles Vorbild während der Proteste diente der Kampf um die Abschaffung der Sklaverei während des 19. Jahrhunderts. Die zahlreichen Aufstände gegen die Sklaverei der französischen (und zeitweise englischen) Kolonialmacht sind Teil des kollektiven Bewusstseins des heutigen Proletariats in Guadeloupe. Auch die Erfahrungen der brutalen Niederschlagung des Streikes der Bauarbeiter im Jahre 1967, der mit einem von den Sicherheitskräften verübten Massaker und über 80 Toten endete, sind noch nicht in Vergessenheit geraten.

Einheit der Lohnabhängigen

Der vielleicht entscheidendste Faktor für den erfolgreichen Verlauf des Generalstreikes war aber der hohe Organisationsgrad der Lohnabhängigen. Unter dem Namen LKP («Lyannaj kont pwofitasyon», «Bündnis gegen die Überausbeutung») formierten sich zahlreiche Gewerkschaften, Parteien und andere Verbände, die in der Lage waren, nicht nur soziale, politische und ökonomische Forderungen zu formulieren, sondern auch kulturelle Initiativen, Verbraucherverbände, ökologische und feministische Bewegungen, sowie Behindertenverbände zu vereinen und zu mobilisieren. Insgesamt schlossen sich dem Bündnis 48 Organisationen an. Die dadurch entstandene Einheit der Lohnabhängigen bestand nicht aus einer totalen Vereinheitlichung des Widerstandes und seiner Ausdrucksformen, wohl aber in einem militanten Bündnis, das in der Lage war, trotz massivem politischen Druck seitens der Béké und der französischen Repressionsorgane, nicht nachzugeben und an seinen zentralen Forderungen festzuhalten. Auch die Ermordung des Gewerkschaftsaktivisten Jacques Bino am 22. Februar 2009 konnte daran nichts ändern. Besonders bemerkenswert war auch die Beteiligung der Angestellten des öffentlichen Sektors. Obwohl die öffentlichen Angestellten auf Grund des französischen Beamtenstatus im Vergleich zu den im privaten Sektor Angestellten unter deutlich besseren Bedingungen arbeiten, beteiligte sich ein grosser Teil von ihnen am Generalstreik.

Gewaltfreie Militanz und Demokratie

Ein wichtiges Element des Generalstreikes waren zahlreiche Strassensperren, die als Reaktion auf die fehlende Kompromissbereitschaft der herrschenden Klasse im ganzen Land errichtet wurden und dazu beitrugen, die Wirtschaft vorübergehend lahm zu legen. Dabei wurde die direkte Konfrontation mit der Polizei weitgehend vermieden, stattdessen wurden von den Sicherheitskräften geräumte Strassensperren umgehend wieder neu aufgebaut. Dadurch gelang es den Streikenden, die Sicherheitskräfte zu ermüden.

Gleichzeitig stellten die Strassensperren ein wichtiges Moment des Austausches verschiedener Bevölkerungsgruppen dar. So konnten auch Jugendliche, Erwerbslose und nicht direkt gewerkschaftlich organisierte Bevölkerungsgruppen (Frauen, Pensionierte) in die Bewegung miteinbezogen werden. Von der Beschaffung des Materials für die Errichtung der Barrikaden, deren Konstruktion und Bewachung bis hin zur Bestimmung der Streikposten und deren Versorgung mit Nahrungsmitteln: Alles wurde gemeinsam organisiert und war breit abgestützt. Auch wurden zahlreiche strategische Entscheidungen gemeinsam gefällt: Wer wird durchgelassen und wer nicht? Die Krankenwagen, die Feuerwehr? Und wieweit musste man sich gegen die Repressionskräfte zur Wehr setzen?

Überhaupt waren die demokratische Funktionsweise, die direkten Verhandlungen unter ständiger Kontrolle der kämpfenden ArbeiterInnen und der ganzen Bevölkerung während des Streiks von zentraler Bedeutung. Dies wird als kollektive Erfahrung bei künftigen Kämpfen von Nutzen sein.

Ungewisse Zukunft

Trotz des vorläufigen Erfolges steht die Bevölkerung in Guadeloupe vor weiteren Herausforderungen, denn die versprochenen Verbesserungen und Zugeständnisse werden seitens der Regierung und der Békes wo immer möglich sabotiert. Es bleibt zu hoffen, dass das Bündnis LKP seinen Druck weiterhin aufrecht erhalten kann.

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