Keine Wahrheit, nur Geschichten…

Maurizio Coppola
aus Debatte Nummer 17 – Sommer 2011
Eine kritische Reflexion der sozialen Realität durch Krimis – das haben Schriftsteller des «roman noir» nach 1968 versucht. Anders als in früheren politischen Romanen gibt es hier keine Held_innen, sondern nur Individuen, die von der Müdigkeit des alltäglichen Lebens angetrieben werden, so auch in Jean-Claue Izzos Kurzgeschichten «vivre fatigue».1

Als 1981 und 1988 François Mitterrand zwei Mal zum französischen Staatspräsidenten gewählt wurde, war zwar eine «linke» Regierung an die Macht gekommen, geändert hatte sich aber für die Lohnabhängigen nichts. Einige Aktivist_innen, die sich im Pariser Mai 68 für eine revolutionäre Gesellschaftsveränderung eingesetzt hatten, zogen sich desillusioniert aus Parteien und Bewegungen zurück und begannen, politische Krimis zu schreiben. Dies verstanden sie als Fortführung des Engagements mit anderen Mitteln. Der politische Aktivismus wurde zwar gebremst, der Krimi ermöglichte es jedoch, an einer Veränderung und Kritik der Gesellschaft festzuhalten. Durch die äusserst realitätsnahe Sprache war es den Autoren möglich, gesellschaftliche Gewalt und befreiende Momente, Pessimismus und Hoffnung in eine neue Romanform zu verpacken.

Der «roman noir» als Kritik der modernen Gesellschaft

Der roman noir knüpft an die literarische Tradition Frankreichs an. Ähnlich wie z.B. schon Gustave Flaubert die Zeit der Revolution von 1848 in konkrete historische Erzählungen fasste, beschreiben die Autoren des roman noir die Gegenwart und ihre Geschichte. Historische Ungerechtigkeiten oder politische Überzeugungen gehören zu den Motiven von Verbrechen: Verzweiflung und Gewalt stehen im Zentrum der Erzählungen – kompromisslos und detailliert dargestellt.

Izzos «vivre fatigue»

Jean-Claude Izzo, Sohn neapolitanischer Migranten in Marseille, 1945 geboren und im Jahre 2000 gestorben, gehörte zu den Autoren dieser Gattung. Ganz nach der Idee von Jim Harrison «Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Geschichten» erzählt der Autor in seiner 1998 publizierten Kurzgeschichten-Sammlung «vivre fatigue» alltägliche Erlebnisse herkömmlicher Menschen in Marseille. Interessanterweise erscheinen diese Menschen jedoch als «Extreme» der modernen Gesellschaft: Prostituierte, Matrosen, Sans-Papiers, kurz: Lohnabhängige, die ganz besonders unter die Räder kapitalistischer Dynamiken kommen. So wird Osman – türkischer Papierloser, der seine Familie im Herkunftsland lassen musste – Opfer des alltäglichen und gewalttätigen Rassismus, weil er gerne den spielenden Kindern im Park zuschaut und dabei nostalgisch an seine eigene Kinder denkt. Oder die Prostituierte Marion, die aus Eifersucht gegenüber Théo – mehr als nur ein Klient – und beruflicher Müdigkeit schliesslich ihn und sich selbst erschiesst. Die Geschichten erzählen von Demütigungen und zerbrochenen sozialen Illusionen. Sie beschreiben gleichzeitig aber auch ganz einfache menschliche Momente, wobei die Frage gestellt wird: «Est-ce vraiment cela, la vie?»2

Ernest Mandel3 sagte einst über die Autoren des «roman noir»: «All diese Bücher zeichnen sich aus durch die Sorge um die ‘vergessene Geschichte’, das heisst durch die Absicht, die Erinnerung an die Besiegten der Geschichte wachzuhalten. Neben der vorbehaltlosen Ablehnung einer korrumpierten, korrumpierenden und inhumanen Gesellschaft verbindet all diese Autoren eine ernsthafte Anteilnahme an den mehr oder weniger gebrochenen Individuen, die diese Gesellschaft hervorbringt. Darunter gibt es keine Helden und Heldinnen. Wir haben es mit Antipoden der ‚positiven Gestalten‘ des einstigen ‚sozialistischen Romans‘ zu tun… Die Protagonisten, auch diejenigen, mit denen die Autoren sich zu identifizieren scheinen, sind gekennzeichnet durch Zweifel, Zaudern, Ohnmachtgefühle, Gewissensbisse, Mehrdeutigkeit, Schuld und auch ein bisschen Paranoia, wenn nicht gar Selbsthass. Auch hier hat die Phase nach dem Mai 68 ihre Spuren hinterlassen. »4

1 «Vivre fatigue» kann etwa mit «leben macht müde» übersetzt werden.

2 «Ist das wirklich das Leben?»

3 *1923, † 1995, einflussreicher marxistischer Ökonom.

4 Zitiert von Elfriede Müller, Frieder Rörtgen und Alexander Ruoff im Nachwort von Frédéric H. Fajardie (2003, französische Originalausgabe 1988): Rote Frauen werden immer schöner. Berlin: Assoziation A.

Dieser Beitrag wurde unter Debatte Nr. 17, Kultur veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Keine Wahrheit, nur Geschichten…

  1. egal sagt:

    Der erwähnte Band von Jean-Claude Izzo ist übrigens auch auf Deutsch erhältlich: “Leben macht müde”, mit Ill. von Joe͏̈lle Jolivet, aus dem Franz. von Ronald Voullié, Unionsverlag, Zürich 2005.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *