Intelligent-Design auf dem Vormarsch

David S.

aus Debatte Nr. 1 – Frühling 2007
«Das Leben ist zu komplex, als dass es durch Evolution entstanden sein könnte.» Diese Aussage wird längst nicht nur von christlich-fundamentalistischen Splittergruppen gestützt. Die so genannte «Intelligent Design Bewegung» erfreut sich – unterstützt von zahlungsfreudigen Financiers aus Politik und Wirtschaft – einer immer grösser werdenden Anhängerschaft.

1987 sprach das oberste Gericht der USA Klartext. «Creation Since», also die Idee, dass alles irdische Dasein auf die Schöpfung eines Gottes zurückgeht, wurde, mit Berufung auf die laizistische Verfassung der USA, aus den Klassenzimmern verbannt. Mit diesem Gerichtsentscheid wurden die bibeltreuen Gotteskämpfer der USA einmal mehr in die Schranken verwiesen. Und das, obwohl sich ihre Idee auf eine jahrhunderte alte Tradition bezieht und in den USA stark verankert ist. Die Idee des Kreationismus, also der theologischen Schöpfungslehre, ist so alt wie die abrahamitischen Religionen selbst. Jahrhunderte lang wurde auf ihrer Grundlage die Wissenschaft – vor allem in Europa – als Ketzerei gebrandmarkt und unterdrückt. Erst durch den gesellschaftlichen Emanzipationsprozess der Aufklärung, der Industrialisierung und den politischen Umwälzungen, welche durch die französische Revolution eingeleitet wurden, konnte diese Weltsicht allmählich überwunden werden. Damals waren es die USA, welche als erstes in ihrer Verfassung von 1787 die Trennung zwischen Kirche und Staat festschrieben. Bibeltreue Christen in den USA versuchten jedoch von Anfang an, diesen Grundsatz zu unterwandern – teilweise mit Erfolg. Einer der Höhepunkte ihres reaktionären Kampfes war der so genannte «Affenprozess» im Jahre 1925, in dem der Biologielehrer John Scopes aus Tennesse zu einer Geldstrafe von 100 Dollar verurteilt wurde, weil er an einer öffentlichen Schule die Evolutionslehre unterrichtet hatte. Bis in die 80er Jahre war es in einigen Bundesstaaten der USA sogar verboten, an Schulen die Evolutionstheorie zu lehren, ohne gleichzeitig die biblische Schöpfungsgeschichte zu unterrichten.

Nach dem besagten Gerichtsurteil in den USA von 1987, waren die Kreationisten jedoch gezwungen, neue Wege zu gehen. Dies war die Geburtsstunde des «Intelligent Design».

Kreationismus mit wissenschaftlichem Antlitz

Auf der Suche der christlichkonservativen Anhängerschaft nach einer Möglichkeit, ihre Weltanschauung weiter zu verbreiten, bedienen sich die Anhänger von Intelligent Design besonders perfider Methoden. Dazu gehört die systematische Einbettung christlichen Gedankengutes in pseudowissenschaftliche Phrasen. So bestreiten sie zum Beispiel keineswegs, dass gewisse evolutionäre Prozesse in der Natur vorkommen. Mikroevolutionäre Prozesse wie beispielsweise die Anpassungen einer Spezies an seine Umwelt sind demnach möglich. Bestritten werden jedoch makroevolutionäre Prozesse, wie etwa die Entstehung einer neuen Spezies durch zufällige Mutation. Gleichzeitig verzichten die «Neokreationisten» – wie die Anhänger von ID auch genannt werden – auf eine allzu strenge Bibelauslegung. Auch das Wort Gott wird meist vermieden, vielmehr ist von einem «intelligenten Designer» (daher der Name) die Rede, welcher mit seinem überirdischen Bauplan der Natur die Beschaffenheit der Welt und des Universums zu verantworten hat.

Dank diesem ausgeklügelten Vorgehen hat die Propaganda der ID-Bewegung längst eine manipulative und damit sehr gefährliche Dimension angenommen. Tatsächlich haben es die ID-Anhänger geschafft, sich als glaubhafte und ebenbürtige Alternative zur Evolutionstheorie und des wissenschaftlich materialistischen Weltverständnisses zu etablieren. Laut einer Studie von BSC News lehnen 51 Prozent der US-Amerikaner schon jetzt die Evolutionslehre ab.

«Evolution, was für eine dumme Idee!»

Mit solchen und ähnlichen Parolen betreiben die ID-Verfechter schon seit einiger Zeit eine aggressive Öffentlichkeitsarbeit. Mittlerweile haben sie es geschafft, die Evolutionstheorie aus den Lehrplänen vierer Bundesstaaten zu streichen, darunter das bevölkerungsreiche Florida.

Glücklicherweise stösst dieses Vorgehen auch in den USA auf Widerstand. Vergangenen Januar fand in Harrisburg (Pennsylvania) eine Gerichtsverhandlung über Intelligent Design statt. Zur Debatte stand, ob diese nun als religiöse Strömung oder als wissenschaftliche Theorie einzustufen sei. Während der Verhandlungen mussten prominente Vertreter der ID-Bewegung selbst zugeben, dass kein wissenschaftlicher Artikel, der zuvor von unabhängigen Gutachtern überprüft worden ist, Intelligent Design je unterstützt hat. Am Ende befand der zuständige Richter John Jones, das Verhalten der ID-Missionare sei eine «atemberaubende Hirnverbranntheit».

Einflussreiche Hintermänner

Hinter dem Erfolg von Intelligen Design steht ein ganzes Netzwerk von Grossunternehmern, Intellektuellen und Politikern, die sich dem Kampf gegen die Wissenschaft angeschlossen haben. Der wohl einflussreichste Protagonist ist das Discovery-Institute in Seattle (Washington), eine konservative Denkfabrik, welche die Verbreitung von Intelligent Design mit millionenschwerem Budget vorantreibt. (Die «New York Times» spricht von insgesamt 4,1 Millionen Dollar an Zuschüssen und Spenden von Stiftungen an das Institut, alleine im Jahr 2003.)

Bruce Chapman, Präsident des Discovery Institute und ehemaliger Mitarbeiter von Ronald Reagan, lässt erkennen, welchem politischen Establishment die ID-Bewegung zuzuordnen ist. Die Gönner des Discovery-Institutes stammen fast ausschliesslich aus rechtskonservativen Kreisen, welche auch regelmässig der republikanischen Partei zu Wahlerfolgen verhelfen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass George W. Bush selbst grosse Sympathie gegenüber Intelligent Design bekundet hat.

Howard Ahmanson, von lokalen Zeitungen auch als «Zahlmeister der politischen Rechten» bezeichnet, ist einer der zahlungsfreudigsten Financiers, sowohl des Discovery-Instituts als auch der republikanischen Partei. Der Multimillionär ist zudem Gründer der Ahmanson Foundation, welche wiederum enge Beziehung zum Unternehmen ES&S, dem weltweit grössten Hersteller für Abstimmungsmaschinen, hat. Die gefährliche Allianz zwischen der republikanischen Partei (bis hin zu Kongressabgeordneten und ranghohen Mitgliedern der Bush-Administration), Grossunternehmern und den IDMissionaren macht deutlich, dass der aktuelle Kulturkampf in den USA auch ein politischer Kampf der amerikanischen Rechten gegen die zumindest teilweise vorhandene Aufgeklärtheit der amerikanischen Arbeiterklasse ist.

Gegen Darwin, Marx und Freud

Welche Ziele verfolgt die konservative Rechte mit der Verbreitung von Intelligent Design? Ein Strategiepapier des Discovery- Institutes, das so genannte «Wedge-Dokument» (Keil-Dokument), welches vor einigen Jahren an die Öffentlichkeit gelangte, bringt die Absichten der ID-Bewegung auf den Punkt: Wie «ein Keil» soll Intelligent Design in die amerikanische Gesellschaft gebohrt werden. Durch die aktive Rekrutierung einflussreicher Politiker, Journalisten und vermeintlicher Wissenschaftler soll Intelligent Design schon in 20 Jahren die beherrschende Perspektive der Wissenschaft sein. Dabei geht es aber nicht nur um die Marginalisierung der Wissenschaft. Das Wedge-Dokument geht gar noch weiter, und stellt neben Darwin auch gleich noch Marx und Freud auf die Anklagebank. Diese hätten Menschen nicht als spirituelle Wesen, sondern als Tiere oder Maschinen angesehen. Diese materialistische Konzeption habe jeden Bereich der Kultur, Politik, Wirtschaft, Literatur und der Kunst infiziert, so das Dokument weiter. Damit wird klar, dass die Hintermänner der ID-Bewegung nicht weniger als die weltlich-rationale Denkweise selbst angreifen wollen. Eine Gesellschaft, die sich der materialistischen Denkweise, der Aufklärung, der Wissenschaft und dem Primat der Vernunft vollkommen entledigt, lässt sich leichter kontrollieren und unterdrücken. Die politische Transformation der USA, hin zu einem christlichen Gottesstaat, wäre ein kaum fassbarer Rückschlag für die amerikanische Gesellschaft und hätte weltweite Auswirkungen. Der heuchlerische und verlogene Vorwurf der ID-Bewegung, Marx hätte die Menschen als Maschinen oder Tiere betrachtet, ist lächerlich. Nicht zuletzt deswegen, weil die ID-Bewegung von genau den Kreisen unterstützt wird, die massgeblich für die Unterdrückung und Ausbeutung der amerikanischen Arbeiterklasse – und dem Proletariat weltweit – verantwortlich sind.

Intelligent-Design in der Schweiz
In der Schweiz ist es vor allem der Verein «Pro Genesis» – ein Zusammenschluss von Christen verschiedener Kirchen und Freikirchen – der sich darum bemüht, die Evolutionslehre aus den Klassenzimmern zu verbannen. Zu diesem Zweck haben sie ihr eigenes Lehrmittel («Das Schöpfungsmodell») herausgebracht und sogleich an alle Schweizer Mittelschulen versandt. Pro Genesis will im deutschsprachigen Raum darüber «aufklären», dass die Evolutionslehre von Charles Darwin „«nach wie vor eine unbewiesene Theorie mit fatalen moralischen Folgen» ist. Laut einer Studie des Wissenschaftsmagazins «Science» lehnen vier von zehn SchweizerInnen die Evolutionslehre ab.
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