Immer schön freundlich bleiben

Sandra* Name von der Redaktion geändert. Die Fragen stellte David S.
aus Debatte Nummer 6 – September 2008
Flexible Arbeitszeiten, niedrige Löhne, monotoner Arbeitsalltag. Trotz schlechter Arbeitsbedingungen stellt der schweizerische Detailhandel in punkto Arbeitskämpfe mehr oder weniger Brachland dar. Ein Interview mit einer Angestellten vermittelt Einblicke in den Arbeitsalltag des Verkaufspersonals.

Sandra* (23) lebt in Zürich und arbeitet in einer von rund 300 Filialen einer namhaften Detailhandelskette. Um ihr Psychologiestudium zu finanzieren suchte sie sich vor gut einem Jahr einen Nebenerwerb und fand eine Stelle als Schuhverkäuferin.

Mit welchen Aufgaben bist du von deinen Vorgesetzen betraut worden?

Offiziell arbeite ich als Aushilfsverkäuferin, in erster Linie muss ich also dort einspringen, wo zuwenig Personal vorhanden ist. Zu meinen Tätigkeiten gehören das Auspacken, Sichern, Ein -und Aufräumen der Schuhe sowie natürlich die Beratung und der Verkauf an unsere Kunden. In der Praxis leiste ich die gleiche Arbeit wie das regulär angestellte Personal.

Wie sehen deine Arbeitsbedingungen aus?

Als Aushilfsangestellte werden mir keine regulären Arbeitszeiten zugesichert. Auch ein Mindesteinkommen existiert nicht. Ich erhalte jeweils wöchentlich meinen Arbeitsplan, die Arbeitszeiten variieren, je nach Nachfrage und Verfügbarkeit der anderen Mitarbeiterinnen, zwischen 10 und 100 Prozent. Mein Stundenlohn beträgt Fr. 21.80 (inkl. Fr. 2.10 Ferienzuschlag).

Was sind die grössten Probleme, die du bei der Arbeit hast?

Die Arbeit ist recht monoton. Oft muss ich bis zu 9 Stunden am Tag (rum)stehen, hinsetzen darf ich mich nicht. Sind viele Leute da, werde ich oft «gebeten», meine einstündige Mittagspause zu halbieren. Nein sagen ist dann schwierig. Ein weiteres Problem ist der Umgang einiger Kunden mit uns. Oft werde ich sehr unhöflich behandelt, manchmal angeschrien, herumkommandiert oder auch beleidigt.

Kannst du einige Beispiele nennen?

Zum Beispiel hat mich eine Kundin einmal dazu angehalten, auf die Knie zu gehen. Sie meinte, dafür sei ich ja schliesslich da.

Wie reagierst du in diesen Situationen?

Von Seiten der Filialleitung wurde mir dann aber eingebläut, in jedem Fall höflich zu bleiben und aufgebrachte Kunden zu beruhigen. Der Kunde ist König, sich in einer Auseinandersetzung zu wehren ist – ausser bei sexueller Belästigung – verboten.

Also ein Gebot zur Unterwürfigkeit?

Gewissermassen. Im Aufenthaltsraum sind auch Schilder angebracht, auf denen Sätze stehen wie: «Der erste Eindruck währt länger als die Freude über die tiefen Preise» oder «Verwöhnt die Kinder, sie sind unsere zukünftigen Käufer».

Wie erlebst du das Arbeitsklima und den Umgang mit den Vorgesetzten?

Eigentlich nicht schlecht. Natürlich stehen die Filialleiterin und ihre Stellvertretung unter dem Zwang, möglichst viel Gewinn zu erzielen. Trotzdem ist der Umgangston meistens freundlich, auch unter den Verkäuferinnen ist das Klima recht gut.

Ist es nie vorgekommen, dass ihr gegeneinander ausgespielt wurdet, etwa um euch unter Druck zu setzen?

Doch schon. Einmal habe ich meine Chefin darüber informiert, dass ich zu einer bestimmten Zeit nicht arbeiten könne. Sie wollte dies zuerst nicht akzeptieren und hat gemeint, dass meine Arbeitskollegin in diesem Falle halt nicht in die Ferien gehen könne – ich hätte die Wahl… Soweit ich das aber beurteilen kann, hat meine Chefin selbst relativ wenig Handlungsspielraum. Die meisten Vorgaben kommen von weiter oben.

Wie kommst du darauf? Viele Filialen von Grosshandelsketten geniessen relativ viel Autonomie (Franchise-Modell).

Ich glaube, bei uns ist das anders. Das merkt man auch daran, dass immer wieder Vorgesetzte vorbei kommen und diverse Dinge beanstanden. Die Atmosphäre ist dann immer sehr nervös, alles muss aufgeräumt sein und reibungslos funktionieren.

Einem Dokument deines Arbeitgebers ist zu entnehmen, dass die Rendite letztes Jahr auf 0.1 Prozent eingebrochen ist. Habt ihr davon etwas mitgekriegt?

Allerdings. Die Filialleitung hat mehrere Stellenprozente gestrichen, so dass wir jetzt ständig unterbelegt sind. Zudem wurden uns Feiertage gestrichen und vermehrt Überstunden abverlangt. Insgesamt ist die Arbeit stressiger geworden.

Warum baut die Geschäftsleitung Stellen ab, wenn sie doch nachher auf Überstunden angewiesen ist?

Dadurch wird sie flexibler. Sind keine Kunden da, so muss sie niemanden bezahlen, ist der Laden voll, machen alle Überstunden.

Anders als etwa im Baugewerbe oder in der Industrie finden in der Schweiz im Detailhandel trotz schlechter Arbeitsbedingungen fast nie Arbeitskämpfe statt. Hast du eine Erklärung dafür?

Ich denke, dass hat vor allem mit dem Hintergrund der Leute, die dort arbeiten, zu tun. In unserer Filiale sind alle Angestellten Frauen und zudem meist noch recht jung. Die meisten Verkäuferinnen beginnen ihre Ausbildung im Alter von 16 oder 17. Hinzu kommt, dass das Bildungsniveau der Angestellten recht tief ist. Viele meiner Mitarbeiterinnen sind Secondas, die aus weniger gebildeten und sozial schwächeren Familien stammen. Sie scheinen an Politik nicht allzu sehr interessiert zu sein bzw. haben oft andere Probleme in ihrem Alltag. Bessere Bildung können sie sich auch deswegen nicht leisten, weil sie nach der obligatorischen Schulzeit schnellstmöglich einen Job finden müssen, um ihre Eltern zu unterstützen.

Die Frage der Mobilisierung für Arbeitskämpfe hängt also mit dem Geschlecht, dem Alter, der Bildung und dem sozialen Hintergrund zusammen?

Ich denke, diese Faktoren spielen schon eine wichtige Rolle. Aber auch die Lebensweise der Angestellten hat einen Einfluss. Die meisten meiner Arbeitskolleginnen finden (zumindest teilweise) auch Gefallen an ihrer Arbeit und ihrem Metier, sie beschäftigen sich gerne mit Schuhen oder Mode im Allgemeinen und haben kein grosses Interesse an den Gewerkschaften. Die Arbeit beeinflusst ihre Lebensweise. Die Filialleitung kommt diesem Verhalten auch entgegen, indem sie uns zum Beispiel Einkaufsgutscheine schenkt usw.

Haben die Gewerkschaften nie versucht, euch auf eure Rechte und Möglichkeiten aufmerksam zu machen? Sind sie nie bei euch vorbeigekommen?

Doch. Ab und zu kommen ein paar Männer (manchmal auch Frauen) von der Gewerkschaft vorbei. Sie verteilen Süssigkeiten, kleine Geschenke und auch Flugblätter. Wirkliche Gespräche finden aber keine statt.

Von welcher Gewerkschaft sind den diese Leute? Wie habt ihr auf sie reagiert?

Von der Unia. Ich persönlich habe bisher noch keine Gewerkschaftler getroffen, aber meine Arbeitskolleginnen haben mir davon erzählt. Sie haben zwar kurz von ihnen Notiz genommen, wirklich interessiert waren sie aber nicht, weil die Gewerkschaftler sich auch nicht die Mühe gemacht haben, ihre Ziele und Absichten vorzustellen. Als ich meine Arbeitskolleginnen gefragt habe, ob sie denn wüssten, was die Unia überhaupt ist, konnten sie mir keine wirkliche Antwort geben. Sie meinten nur, dass die immer so nett seien. Die meisten freuten sich über die Süssigkeiten und waren auch immer wieder erstaunt, dass da jemand vorbeikommt und ihnen «einfach so» etwas schenkt. Meiner Meinung müssten die Gewerkschaften die Verkäuferinnen mehr in ein Gespräch verwickeln und ihnen erklären, worum es geht usw. Aufklärungsarbeit, anstatt nur Süssigkeiten verteilen.

Miese Löhne im Detailhandel
Im direkten Vergleich der Mindestlöhne des ungelernten Verkaufspersonals mit anderen Branchen schneidet der Detailhandel schlecht ab. Einzig die Löhne der GAVs im Gastgewerbe sind noch tiefer. Folgende Angaben gelten nur für die Minderheit des Verkaufspersonals, die einem GAV unterstehen!

Mindestlöhne in den wichtigsten GAV für ungelernte Angestellte (2005)*
Gastgewerbe:
SFr. 2500.-
Detailhandel:
SFr. 2600.-
Maschinenbau:
SFr. 3600.-
Baugewerbe:
SFr. 4100.-
* Vgl. Erhebung der Gesamtarbeitsverträge in der Schweiz, Bundesamt für Statistik.
www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/03/05/blank/
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Gesamtarbeitsverträge Detailhandel*
Für den Detailhandel existieren keine gesamtschweizerischen Arbeitsverträge. Während einige Unternehemen (Coop, Denner, Tankstellenstellenshops Luzern und St. Gallen) über eigene GAVs verfügen, sind ein Grossteil der Firmen lediglich an die völlig unzureichenden Bestimmungen des Obligationenrechts gebunden. 1999 waren nur knapp 40 Prozent aller Angestellten im Detailhandel einem GAV unterstellt.
* Vgl. „Analyse der Mindestlohn- und Arbeitszeitregelungen
in den Gesamtarbeitsverträgen von 1999 –2001, Bundesamt für Statistik. www.bfs.admin.ch/
bfs/portal/it/index/themen/03/22/publ.Document.26227.pdf.
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