Hände weg von den SBB-Werkstätten

Hanspeter Gysin
aus Debatte Nummer 7 – Dezember 2008
Danilo Catti hat einen Film über den Streik bei der SBB-Cargo-Werkstätte in Bellinzona gedreht: «Giù le mani dall‘ Officina».

Das Personal ist versammelt und erwartet die Informationen des SBB-Cargo-Geschäftsführers Perrin über die bevorstehenden Abbaupläne. Bevor er seine Rede halten kann, wird er zu einem klaren Ja oder Nein zur Zukunft des Betriebes aufgefordert. Dazu ist er nicht in der Lage und wird, unter dem Schutz einiger Securitas, unter Schmähworten aus der Halle gejagt – so beginnt am 7. März 2008 der Streik der 430 Arbeiter der SBB-Cargo-Werkstätte in Bellinzona.

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Was kommt in dieser ersten, entscheidenden Einstellung zum Ausdruck? Die Arbeiter sind informiert, sie haben die Schnauze voll, ihre Personalvertreter verfügen über ein ausgeprägtes Klassenbewusstsein, haben eine Vorstellung davon, was ein politisches Kräfteverhältnis bedeutet, legen klare Bruchpunkte fest und wissen, dass, wenn der Kampf einmal ausgebrochen ist, eine Dynamik, eine Bewegung in Gang gesetzt werden muss.

Auf der einen Seite wird sichtbar und mit einer berührenden Emotionalität und Menschlichkeit geschildert, wie hier Menschen, Männer, Frauen und ihre Kinder um ihre Zukunft kämpfen. Auf der anderen Seite erscheinen die Manager – der Geschäftsführer Perrin, der oberste Boss Meyer, der politische Steuermann Leuenberger – mit ihrem geheuchelten Verständnis und den Sprüchen über die bedauernswerten aber unabänderlichen Realitäten des kapitalistischen Marktes, die – leider, leider – die beschlossenen Massnahmen unumgänglich machen. Erst der politische Druck des Streiks und der Bewegung, die daraus entsteht, zwingt die Bosse dazu, ihre Massnahmen zu sistieren und Angebote zu versprechen, in der Hoffnung, das Haupthindernis, die Arbeitsverweigerung, vom Tisch zu bekommen.

Die Arbeiter aber haben mit der Parole «Giù le Mani» – Hände weg von unseren Arbeitsplätzen – ihre Position klar bezogen, die Arbeitsplätze müssen erhalten bleiben, Punkt. Sie bewachen den Betrieb Tag und Nacht und befassen sich mit diversen Fragen: Wozu sie denn eigentlich jeden Tag zur Arbeit gehen um dann eines schönen Tages auf die Strasse gestellt zu werden; oder weshalb sie, in einem Betrieb, den sie jahrzehntelang aufgebaut haben, schlussendlich nicht das geringste Recht haben, über dessen Zukunft mitzub estimmen. Plötzlich erfüllen demokratische Regeln, die zuvor ausgeschlossen waren, die Betriebsräume. Plötzlich bestimmen nicht mehr irgendwelche Bürokraten, sondern die Bewegung gibt den Ton an. Der Arbeitende ist nicht mehr der Untergebene, er nimmt sich Zeit, nachzudenken und Entscheide zu fällen, eignet sich Respekt und Würde wieder an.

Wer plant eigentlich unsere Zukunft?

So fragen die Arbeiter, und erfahren die Kälte und Unmenschlichkeit des Rentabilitätsdenkens der Managerkaste in direkter Konfrontation. Der entscheidende Aspekt, die Autonomie der kämpfenden Arbeiter, kann erfolgreich verteidigt werden, nicht zuletzt weil die Tessiner Sektion der Gewerkschaft Unia bereit ist, ihre Infrastruktur in den Dienst der Bewegung zu stellen und nicht wie üblich die Führung an sich reisst (Beispiel: Der Streik bei Swissmetal Reconvillier) und darüber bestimmt, ob der Arbeitskampf noch der Imagepflege dienlich ist und sich damit eine Investition noch lohnt, oder ob man nicht mehr in den Arbeitskampf investieren will.

Einblick in die harte Arbeit der Wartung der Lokomotiven wird gewährt. Auch die Tragik der allmählich eintretenden Ermüdungserscheinungen in der Belegschaft und bei deren Familienmitgliedern wird nicht verschwiegen. Der Kampf gegen einen übermächtigen Gegner, das Monster Kapital mit seiner Definitionsmacht, mit seinen Massenmedien und seinen unbegrenzten Mitteln, frisst Energien. Streikführer Gianni Frizzo nennt es «das System, welches Träume zerstört».

Man ist sich der Kräfteverhältnisse bewusst. Zweifel werden angesprochen, Taktisches wird in aller Offenheit diskutiert. Nur die Gegenseite kann es sich leisten mit verdeckten Karten, mit Scheinangeboten und leeren Worten zu spielen. Die Kompromissler, Vermittler, Leute, die in erster Linie um die Pflege ihre Images besorgt sind, treten – wie immer in solchen Fällen – auf den Plan und sorgen für Verunsicherung. Drohgebärden nehmen das Ausmass eines Nervenkrieges an.

Entscheidend ist der Zusammenhalt, der natürlich nicht ohne Belastungsprobe bleibt. Man weiss, dass letztendlich nur die Mobilisierung Einfluss auf das Kräfteverhältnis nehmen kann. Die Verhandlungsphase birgt Gefahren in sich.

Der Film endet mit der Zusage Bundes rat Leuenbergers , Schritte für eine Zukunft der Officine zu unternehmen und der faktischen Sistierung der Abbaumassnahmen durch die SBB. Wir bleiben am Ball.

Für eine, zwei, drei, hundert Officine!

Gianni Frizzo

«STREIK! Gross geschrieben, ebenso wie die Erfahrung, die wir mehr als einen Monat lang in unserem ‘humanistischen Tempel’, der Pittureria erlebt haben. Streik! Ein Wort, das tabuisiert wurde von jenen, die den Menschen als ein Objekt und nicht als ein Wesen betrachten; von jenen, die im Namen der Ökonomie und des Profits die humanen und sozialen Errungenschaften ausradieren wollen. Würde, Solidarität, Selbstwertgefühl, Gerechtigkeitsgefühl, gemeinsames Erleben von Empfindungen und Gefühlen, dies sind die Kerngedanken, die beschreiben, was seit dem 7. März 2008, dem ersten Tag des Streiks, in der Pittureria, der Spritzerei, geschehen ist, in der zuvor ausschliesslich kaltes Material wie Eisen und Stahl bearbeitet wurde. Ein unvergleichliches Ereignis, das die Bevölkerung einer ganzen Region vereinigte. Mitbürger, die nicht zögerten, sich den Arbeiterinnen und Arbeitern des Industriewerks anzuschliessen, um auf Strassen und Plätzen zivilisiert ihrer Empörung Ausdruck zu geben.

Diese generelle Energie hat nicht nur die regionalen Politiker aus dem Tessin und des italienisch sprechenden Graubündens dazu gezwungen, einzugreifen, sondern sie hat auch Bundesrat Moritz Leuenberger aufs Spielfeld gebracht.

Ein Streik, der – wahrscheinlich zum ersten Mal in der Schweiz – von der Basis ausgelöst wurde und von ihr geführt wird. Das Streikkomitee besteht aus sieben einfachen Arbeitern und vertritt die Anliegen der Basis. Es wird von den Gewerkschaften Unia, SEV und Transfair unterstützt. Die sieben Arbeiter sind die Wortführer der 430 Kollegen, die ihnen mittels Plenarversammlung, Ausdruck der aufrechtesten direkten Demokratie, ihre Entscheidungen anvertrauen. Die Parteien einigten sich zu Gesprächen an einem runden Tisch, an dem – endlich in paritätischer Weise – alle Beteiligten aufgefordert sind, Überlegungen und Gedankengänge zu vollziehen, mit dem, was jeder einzelne verkörpert, d.h. auf gleicher Ebene. Ohne Schranken und Hierarchien, sondern mit menschlichem Verstand, der persönlichen Überzeugung und dem eigenen Bewusstsein.

Dreissig Tage Streik und monatelange Verhandlungen sind Erfahrungen, die – auch wenn ich dabei viel Kummer erleiden musste – meinem Leben einen Sinn gegeben haben. Diese Ereignisse haben uns (für einmal!) zu Menschen gemacht, statt zu Objekten. Ich denke dabei an einen alten Gesang aus Brasilien, der lautet: „Wenn du alleine träumst, ist es nur ein Traum; wenn viele denselben Traum träumen, wird er zur Realität.»

Aus dem Booklet der DVD «Giù le mani».

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