Globale Krise und informelles Proletariat

Peter Streckeisen
aus Debatte Nummer 9 – Juli 2009
Die von den USA ausgreifende Krise hat in Windeseile den ganzen Planeten erfasst. Die Bevölkerungsmehrheit der Länder des Südens ist als Teil des «informellen Proletariats», das durch keine sozialen Sicherungssysteme vor der globalen Rezession geschützt wird, besonders betroffen.

Was sind Wirtschaftsprognosen wert, die alle 3 Monate über den Haufen geworfen werden? Nicht viel, aber es ist interessant zu sehen, wie sie verändert werden. In den vergangenen Monaten wurde der World Economic Outlook des Internationalen Währungsfonds (IWF) immer düsterer. Ende April wurde erstmals ein negatives Weltwirtschaftswachstums vorausgesagt – um 1.3 Prozent soll der World Output 2009 fallen. Im Januar war noch von einem Wachstum (0.5 Prozent) die Rede gewesen.

 

Entwicklungsnotstand

Durchs Band rückläufig soll die Wertschöpfung in den Industrieländern ausfallen – um 2.8 Prozent in den USA, 4.2 Prozent im Euro-Raum, 6.2 Prozent in Japan und 5.6 Prozent in den asiatischen «Tigerstaaten». Im Rest der Welt wird meist ein abgeschwächtes Wachstum erwartet – 6.5 statt 9 Prozent (2008) in China, 2 statt 5.2 Prozent in Afrika oder 2.5 statt 5.9 Prozent im Nahen Osten. Schrumpfen dürfte die Wirtschaftsleistung in Russland (minus 6 Prozent) und Osteuropa, sowie in lateinamerikanischen Ländern wie Brasilien und Mexiko.1

Wie ungewiss diese Prognosen auch sein mögen – in der technokratischen Sprache der IWF-Experten bilden sie die Konturen einer Wirtschaftskrise ab, die erstmals in der Geschichte des Kapitalismus wirklich globale Züge aufweist. Eine weltweit rückläufige Wertschöpfung wurde seit dem Zweiten Weltkrieg noch nie verzeichnet. Der wirtschaftliche Einbruch wird auch in vielen Ländern des Südens sehr stark ausfallen. IWF und Weltbank haben deshalb am 24. April einen Entwicklungsnotstand ausgerufen: Die Krise drohe das Erreichen der so genannten «Milleniumsziele» zu gefährden oder sogar zu verhindern. 55 bis 90 Millionen Menschen könnten in extreme Armut stürzen und bis 2015 drohe die globale Rezession den Tod von bis zu 2.8 Millionen Kindern zu verursachen.2

Strukturanpassung und Krisenübertragung

Dafür sind der IWF und die Weltbank selbst mitverantwortlich. Durch die Politik, die sie den Ländern des Südens im Dienst des global agierenden Kapitals verordnet haben, sind diese weitaus anfälliger auf die Auswirkungen einer Krise in den Industrieländern geworden. Strukturanpassung heisst das Zauberwort, mit dem der globale Süden umgestaltet wurde: Seit der Schuldenkrise der Dritten Welt zu Beginn der 1980er-Jahre hatte der IWF ein Druckmittel in der Hand, um die Öffnung der Märkte, Privatisierungen, die Liberalisierung der Kapitalströme, den Abbau des öffentlichen Sektors und die Zerstörung der traditionellen Landwirtschaft durchzusetzen. So wurden die strukturellen Abhängigkeiten verstärkt, über welche die Krise heute in den globalen Süden übertragen wird.

Finanzströme und Investitionen: Noch nie waren die Länder des Südens so stark abhängig von Auslandinvestitionen und Krediten aus dem Norden wie heute. Laut Schätzungen der Handels- und Entwicklungsagentur der UNO (UNCTAD) sind die Auslandinvestitionen bereits 2008 um 15 Prozent eingebrochen.3 Aus den Schwellenländern wurde Kapital fluchtartig zurückgezogen. Gravierend sind die Auswirkungen in Ländern (z.B. in Osteuropa), die in grossem Stil Kredite von Grossbanken aus dem Norden erhalten hatten, die nun selbst wanken.4
Handel: Die UNCTAD erwartet für 2009 einen Einbruch des Welthandels um 6 bis 8 Prozent. Aufgrund der Strukturanpassung sind die Wirtschaften der meisten Länder des Südens sehr stark auf Exporte ausgerichtet und besonders anfällig in der Hinsicht. Das Verhältnis der Exporte zum BIP ist in den Entwicklungsländern zwischen 1995 und 2007 von 26 auf 52 Prozent gestiegen; in den Schwellenländern liegt es sogar bei 85 Prozent. Zum Vergleich: In den USA machen die Exporte ca. 10 Prozent des BIP aus, in den EULändern 54 Prozent (vgl. Tabelle 1).5
Remittances: Die kapitalistische Globalisierung hat Migrationsbewegungen ausgelöst, die nur zum kleineren Teil bis in die Festungen Nordamerikas oder Westeuropas führen. Migrantinnen und Migranten überweisen Geld in die Heimat, von dem ganze Gemeinschaften abhängig sind. Diese Überweisungen brechen auf Grund der Krise ein. Betroffen ist auch interne Migration – z.B. chinesische Wanderarbeiter, die ihre Jobs in den Exportfabriken verlieren und aufs Land zurückkehren müssen.
Spekulative Preisbewegungen: Auf den liberalisierten Finanzmärkten werden in Krisenzeiten riesige Mengen von Anlagekapital verlagert, um etwas später erneut verschoben zu werden. Die Auswirkungen auf die Güterpreise sind verheerend. So kam es 2007/08 zu einer Spekulationsblase bei Nahrungsmitteln, durch die laut Schätzungen der UNO über 100 Millionen Menschen in extreme Armut stürzten.6 In den Ländern des Südens geben die Ärmsten oft 60 bis 80 Prozent des Einkommens für Nahrungsmittel aus, in den Industrieländern sind es nur 15 bis 30 Prozent.7

Bad Jobs sind die Norm

Um die Auswirkungen der Krise auf den globalen Süden zu verstehen, ist es also wichtig zu analysieren, wie sich die Welt in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat, als aus Sicht von IWF und Weltbank noch alles mehr oder weniger nach Plan lief. Eine neue Studie der OECD zeigt, dass der Anteil der informellen Beschäftigung in den Jahren des starken Wirtschaftswachstums weiter angestiegen ist. Die von Weltbank und IWF verordnete exportorientierte Wirtschaftspolitik hat unter dem Strich mehrheitlich bad jobs ohne schriftlichen Arbeitsvertrag und soziale Sicherung geschaffen. Die informelle Beschäftigung erreicht in Westasien und Nordafrika 40 bis 50 Prozent, in Lateinamerika 50 bis 60 Prozent und in Südostasien und Schwarzafrika über 70 Prozent der gesamten Beschäftigung (ohne Landwirtschaft).8 Diese Menschen spüren die Auswirkungen der Krise, ohne Anspruch auf irgendeine Art von sozialer Sicherung zu haben.

Während 2006 in den Industrieländern ungefähr 85 Prozent der Erwerbstätigen formale Lohnabhängige waren, lag dieser Anteil in Lateinamerika, im Nahen Osten und in Nordafrika bei ca. 60 Prozent, in Ost- und Südostasien bei 40 ca. Prozent sowie in Südasien und Schwarzafrika bei ca. 20 Prozent. Ein grosser Teil der Erwerbstätigen in diesen Regionen der Welt sind mitarbeitende Familienmitglieder und own-account Workers, d.h. Menschen, die auf eigene Rechnung arbeiten – wir könnten sie die Scheinselbständigen des globalen Südens nennen (vgl. Tabelle 2).9

Es handelt sich um ein informelles Proletariat, dessen Angehörige allein und unmittelbar vom Verkauf ihrer Arbeit und/oder ihrer Arbeitskraft leben – ohne geregelte Beschäftigungs-verhältnisse und staatliche Transferleistungen wie Arbeitslosengeld, Krankenversicherung, Altersvorsorge etc. Aufgrund der Krise wird die Zahl der Erwerbslosen weltweit um Dutzende von Millionen Menschen ansteigen. Ein beträchtlicher Teil der Langzeiterwerbslosen dürfte sich letztlich in informeller Beschäftigung wieder finden. Informell erwerbstätige Menschen können sich in der Regel allerdings keine Erwerbslosigkeit leisten, wie es im Bericht der ILO so schön heisst: Sie haben weder Ersparnisse noch Anspruch auf Arbeitslosengeld.10 Sie sind deshalb gezwungen, jeden Job zu noch so schlechten Bedingungen anzunehmen. Die ILO erwartet denn auch einen starken Anstieg der Working Poor und der Menschen in unsicherer Beschäftigung (vulnerable employment) aufgrund der Krise. Bereits 2007 verdienten 40.7 Prozent der Erwerbstätigen (1.36 Mrd. Menschen) weniger als zwei US-Dollar im Tag (um die 80 Prozent in Südasien und Schwarzafrika), und etwa die Hälfte der Erwerbstätigen wurde von der ILO der unsicheren Beschäftigung zugeordnet (vgl. Tabelle 3).11

Ursprüngliche Akkumulation und informelles Proletariat

Hinter diesen Zahlen lassen sich sozioökonomische Entwicklungslinien ausmachen, die in der Geschichte des Kapitalismus alles andere als neu sind. Unter dem Begriff «ursprüngliche Akkumulation» hat bereits Karl Marx im Kapital am Beispiel Englands im Übergang vom Mittelalter in die Moderne beschrieben, wie unzählige Menschen ihre bislang bäuerliche Lebensweise aufgeben müssen und als «vogelfreie Proletarier» auf den Arbeitsmarkt geschleudert werden.12 Im Zeitalter der kapitalistischen Globalisierung finden analoge Enteignungs- und Entwurzelungsprozesse im globalen Massstab statt. Die landlosen und verarmten Bauern wandern heute wie damals in die Städte und tragen zur beschleunigten Urbanisierung der Weltbevölkerung bei. Erstmals überhaupt in der Menschheitsgeschichte leben heute mehr Menschen in den Städten als auf dem Land, und die Armut auf der Welt könnte in absehbarer Zeit zu einem mehrheitlich städtischen Phänomen werden. Wie Mike Davis festhält, wächst die Bevölkerungszahl in zahlreichen Städten des globalen Südens stark an, obschon die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung unter dem Diktat der Strukturanpassung stagniert oder eingebrochen ist. In diesen Städten kann der Kapitalismus (im Gegensatz zur europäischen Urbanisierung des 19. und 20. Jahrhunderts) nur einen kleinen Teil der Zugewanderten in formale Lohnabhängigkeit integrieren; die Mehrheit dieser Menschen füllt die Ränge des informellen Proletariats.13

Weder die bürgerliche Modernisierungstheorie noch die traditionelle marxistische Theorie haben damit gerechnet, dass ein wachsender Teil der weltweiten Arbeiterklasse informelle Erwerbstätigkeit verrichtet. Erwartet wurde eher eine Konsolidierung und Ausbreitung der formalen Lohnarbeit auf internationaler Ebene. Die Lebenslagen des informellen Proletariats und der strukturelle Druck, der durch diese auf das formale Proletariat ausgeübt wird, sind zentrale Elemente des globalen Desasters, das der Kapitalismus zum Beginn des neuen Jahrtausends verursacht hat. Die Existenz dieses wachsenden informellen Proletariats stellt nicht nur für die internationalen Institutionen des globalen Kapitalismus, sondern auch für die Organisationen und Strömungen der sozialistischen Linken – vor allem in den kapitalistischen Metropolen – eine grosse Herausforderung dar. Denn der Kampf für eine notwendige andere Welt, bis hin zur Überwindung des Kapitalismus, kann heute nicht mehr gedacht und geführt werden, ohne entscheidende Impulse aus diesem globalen informellen Proletariat zu erhalten. Die Armen des Südens werden nicht durch die Lohnabhängigen des Nordens befreit werden oder auf grosszügige solidarische Gesten und Worte warten. Vielmehr geht es darum, gemeinsame Themen und Formen des Kampfes zu finden, um der internationalistischen Idee einen neuen Geist einzuhauchen.

1 IMF, Global economy contracts, with slow recovery next year (April 22, 2009)

2 World Bank, 7ew risks from global crisis create development emergency (April 24, 2009); World Bank, The economic crisis and the Millenium Development Goals (April 24, 2009)

3 U7CTAD, Global economic crisis: implications for trade and development (May 7, 2009)

4 IMF, Rapid spread of crisis reflects close economic ties (April 16, 2009)

5 U7CTAD, Global economic crisis: implications for trade and development (May 7, 2009), S. 9

6 Peter Wahl: Schwellen- und Entwicklungsländer im Sog der Krise, in: Peripherie 7r. 113, 2009, S. 106-08

7 ILO, Global Wage Report 2008/09, S. 18

8 OECD, Is informal normal? Towards more and better jobs in developing countries (2009). S. 33

9 ILO, Global Wage Report 2008/09, S. 10

10 ILO, Global Employment Trends, January 2009, S. 20

11 ILO, Global Employment Trends, January 2009, S. 32 und 33

12 Karl Marx, Das Kapital, Band I, MEW 23, S. 741ff.

13 Mike Davis, Planet of Slums. Urban involution and the informal proletariat, in 7ew Left Review, no. 26, 2004, S. 5-34.

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