Gleichstellung auf dem Prüfstand

Michela Bovolenta
aus Debatte Nummer 10 – Oktober 2009
Michela Bovolenta ist Frauensekretärin und verantwortlich für die Kommission Migration bei der Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes vpod. Sie wundert sich darüber, dass die Schweiz in Sachen Gleichberechtigung von Frauen und Männern plötzlich viel besser dastehen soll . Der vorliegende Beitrag erschien zuerst auf Französisch in der Zeitung Services publics des vpod, Nr. 18 vom November 2008 (Red.).

In nur einem Jahr ist die Schweiz vom 40. Rang auf den 14. Rang betreffend Gleichstellung zwischen Frauen und Männern aufgestiegen. Dieser Quantensprung um ganze 26 Ränge wird der Schweiz durch das Gleichstellungsranking des Weltwirtschaftsforums WEF bescheinigt. Aber haben das die Frauen, von denen die Statistik handelt, überhaupt bemerkt? Wenn nicht, liegt es vielleicht daran, dass sie allzu sehr durch Arbeit, Kinder und Haushalt absorbiert sind? Lesen sie womöglich eher Kochrezepte als die Wirtschafts-presse?

Wie es tatsächlich um die Gleichstellung steht, sehen den Frauen monatlich an ihrem Lohnzettel, wöchentlich an ihrem Wäschekorb und täglich an ihrer Gehetztheit, um die Krippenabholzeiten einzuhalten. Die Wahl einer dritten Frau in den Bundesrat – denn hier liegt die Ursache des phänomenalen Aufstiegs der Schweiz im Gleichstellungstest – hat das alltägliche Leben der Frauen nicht verändert.

Nach so vielen Kämpfen um politische Rechte soll hier nicht geleugnet werden, dass eine solche Wahl Bedeutung hat. Dennoch erstaunt, dass damit ein derartiger Sprung nach vorne in Sachen Gleichstellung passiert sein soll. Es stellen sich Fragen zur Qualität von Studien, die solches aussagen, und auch zur Methode, um Fortschritte im Sinne der Gleichberechtigung zu messen. Dass das WEF der Beteiligung von Frauen an der politischen Macht eine derart überragende Rolle zumisst, ist Ausdruck einer allgemeinen Tendenz. Um eine verbesserte Gleichstellung zu demonstrieren, werden die wenigen Frauen, die an die Spitze rücken, in den Vordergrund gestellt – während die alltägliche Ungleichheit, die das Leben der ganz normalen Frauen nach wie vor prägt, unter den Tisch fällt.

Frauen in Führungsposition sind selten, werden aber breit gefeiert. Die Zeitschrift Schweizer Arbeitgeber hat das Thema aufgegriffen und sieht in Frauen den Schlüssel für die wirtschaftliche Zukunft.1 Und nach einer von einer Sonntagszeitung veröffentlichten Umfrage ist der Kurs jener Unternehmen, die Frauen in den Führungsetagen aufweisen, in der ersten Jahreshälfte 2008 weniger gesunken.2 Daraus wird dann gefolgert, dass Frauen womöglich die aktuelle Krise hätten verhindern können… Natürlich ist das nicht ganz falsch, denn wenn die «Hausfrau» ihr Haushaltsgeld so ausgeben würde, wie der vorsichtigste unter den Wall-Street-Händlern sein Portfolio verwaltet, würde die Familie schon lange mittellos auf der Strasse stehen!

Diese Lobesreden auf die Frauen sollten uns aber misstrauisch machen. Denn die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Nur 2 Prozent der Verwaltungsratsmitglieder von Schweizer Firmen sind Frauen. Frauen sind also beliebt, aber bitte in homöopathischer Dosis. Hinzu kommt, dass der Erfolg von Frauen mit den altbekannten Vorurteilen und Klischees begründet wird: Vorsicht, Zuhören, Organisationstalent, Harmonie und langfristiges Denken prägen angeblich den Führungsstil von Frauen… Genauso wurde früher die Geschicklichkeit, Genauigkeit, Verlässlichkeit und Unterwürfigkeit von Arbeiterinnen gelobt. Auf den Lohn hatten all diese geschätzten Eigenschaften natürlich keine positiven Auswirkungen, im Gegenteil.

Zudem darf nicht vergessen werden, dass neben den wenigen Frauen in Führungspositionen die grosse Mehrheit immer noch Arbeitstellen mit geringer Entlöhnung und Anerkennung innehat. So ist die Mehrheit der Arbeitnehmenden ohne Führungsfunktion weiblich… Fast 60 Prozent der Frauen sind in dieser Situation, das sind 1,1 Million, während diese Lage nur auf 890‘000 Männer zutrifft.3 Und: Selbst wenn Frauen noch so sehr von Wirtschaftskreisen hofiert werden, sind sie dennoch dreimal häufiger als Männer von Unterbeschäftigung betroffen. Im Herbst 2008, betrug die Arbeitslosigkeit für Frauen 4 Prozent und die Unterbeschäftigung 11 Prozent, während bei den Männern die entsprechenden Werte bei 2,8 und 2,3 Prozent lagen.

Um bei der Gleichstellung wirklich vorwärts zu machen, und nicht nur bei einem Ranking auf Hochglanzpapier, muss nicht nur die Zahl der Topmanagerinnen oder Politikerinnen steigen. Auch und vor allem gilt es, die Lebensbedingungen der grossen Mehrheit der Frauen zu verändern. Und hier bleibt noch viel zu tun.

1 Schweizer Arbeitgeber, «Kompetente Frauen – ein Schlüssel für die wirtschaftliche Zukunft», 28. August 2008.

2 Le Matin Dimanche, «Crise: et si les femmes auraient pu l’éviter…», 9.11.2008

3 BFS, Schweizerische Arbeitskräfteerhebung SAKE, Neuenburg 2008.

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