Gesellschaftlich fabrizierte Hungersnöte

Sarah Schilliger
aus Debatte Nummer 5 – Juni 2008
Die aktuelle, in zahlreichen Ländern auftretende Hungerskrise
zeigt erneut mit tragischer Deutlichkeit, wie globalisierte Märkte im Kapitalismus «Katastrophen» fabrizieren können.

«Iss deinen Teller aus – denk an die armen Kinder in Afrika!» Die Erinnerung an diesen Spruch aus der Kindheit kommt mir auch heute manchmal wieder, wenn ich in der Kantine mit vollem Bauch vor einem noch immer halbvollen Teller sitze. Als Kind fragte ich mich dann jeweils, ob und warum die Kinder in Afrika denn mehr zu essen haben, wenn ich meinen Teller leer esse? Ein paar Jahre später dämmerte mir, was mit der Aufforderung, den Teller leer zu essen, verbunden sein musste: Sei froh, dass du nicht hungern musst und dass es das Schicksal mit dir besser meint als mit den Kindern in Afrika. Aber warum meint es das Schicksal oder der liebe Gott (an dessen Existenz ich inzwischen sowieso langsam zu zweifeln begann…) denn immer so schlecht mit den Menschen in Afrika? Vielleicht hat es mit dem Wetter zu tun. In Afrika ist es sehr heiss und es hat wohl lange nicht mehr geregnet.

Schicksal ist Schicksal?

Das Klima ist ein gängiges Erklärungsmuster für den Hunger in den Ländern des Südens. Für die verheerenden Hungersnöte, die im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts in Brasilien, Indien, China und in einem grossen Teil Afrikas ausbrachen und insgesamt schätzungsweise um die 50 Millionen Menschen das Leben kosteten, machen Wirtschaftshistoriker in erster Linie Dürren und die damit verbundenen Ernteausfälle verantwortlich. Und fügen dann noch hinzu, dass die beginnende Industrialisierung sicher mehr Menschenleben hätte retten können, wenn sie zum damaligen Zeitpunkt schon weiter fortgeschritten gewesen wäre. Dieser Einschätzung stellt sich Mike Davis in seinem 2004 in deutscher Sprache erschienenem Buch „Die Geburt der Dritten Welt“1 diametral entgegen: Die Hungersnöte waren nicht einfach Folge extremen Wetters. Davis kann auf über 400 Seiten überzeugend nachweisen, dass es das Zusammenspiel von extremen weltweiten Veränderungen des Klimas (El-Niño Southern Oscillation), einer zunehmend integrierten Weltwirtschaft, der zugehörigen Freihandels-ideologie und dem Imperialismus war, das zu dieser Katastrophe führte: «Millionen starben nicht ausserhalb des ‘modernen Weltsystems’, sondern im Zuge des Prozesses, der sie zwang, sich den ökonomischen und politischen Strukturen anzupassen. Sie starben im goldenen Zeitalter des liberalen Kapitalismus; viele wurden durch die dogmatische Anwendung der heiligen Prinzipien von Smith, Bentham und Mill regelrecht ermordet» (Davis 2004, S. 18). So hat beispielsweise der im 19. Jahrhundert erfolgte Anschluss Indiens an den freien Markt und die Erschliessung des Landes mittels der Eisenbahn nicht zu der segenreichen „Modernisierung“ geführt, von der die liberalen Ökonomen in ihren Theorien fabulieren. Während durch manche Regionen Indiens Züge voller Weizen rollten, die für den Export nach Europa bestimmt waren, hungerten Tausende entlang der Schienenwege. Die Spekulation mit Getreide und die explosionsartig steigenden Preise machten den Armen den Erwerb durchaus vorhandener Nahrungsmittel unmöglich. Die Exportwirtschaft wurde durch Monokulturen gefördert («cash crops»), während für die Versorgung der Bevölkerung nur noch die weniger ergiebigen Felder zur Verfügung standen. Das über Jahrhunderte entstandene System der gegenseitigen Hilfe und der Umverteilung und die traditionell praktizierten Abwehrmechanismen (Vorratsspeicherung, Bewässerungssysteme, Hochwasserkontrolle, Erosions-schutz), die bisher in Zeiten extremer klimatischer Bedingungen die Nahrungssicherheit stützten, wurden durch die Kolonialmacht radikal geschwächt.2

Hungerkrise als Symptom eines
globalisierten Kapitalismus

Mike Davis Untersuchung zeigt auf, dass ein ganzes Bündel von sich wechselseitig beeinflussenden klimatischen, ökonomischen, historischen und politischen Faktoren dazu beitrug, dass es in verschiedenen Ländern im auslaufenden 19. Jahrhundert zu einem massenhaften Sterben kam. Allerdings konnten diese Faktoren oft erst durch die imperialistische Politik ihre fatalen Wirkungen entfalten – was von den Verantwortlichen als “Kollateralschaden“ in Kauf genommen wurde.

Für die heute akute Hungerkrise, die in den letzten Wochen zu Aufständen in verschiedenen Ländern geführt hat, sind offensichtlich einige vergleichbare Faktoren verantwortlich:

Spekulation mit dem Hunger

Die Spekulation mit dem Hunger: Nicht ein Mangel an Lebensmittel, sondern die explodierenden Preise führen dazu, dass Millionen Menschen ihre täglichen Grundbedürfnisse nicht mehr stillen können. Es ist kein Zufall, dass die Preisexplosion genau dann begann, als in den USA die Häuserpreise zu fallen begannen. Angesichts der desolaten Lage auf den internationalen Finanzmärkten (Subprime-Krise) suchen Hedgefonds und Pensionskassen auf dem Agrar- und Lebensmittelmarkt fieberhaft nach neuen Anlagemöglichkeiten. In der Rubrik «Anlagefonds» bei den grossen Tageszeitungen lässt sich das Gewinnpotenzial der Rohwaren täglich mitverfolgen.

Neoliberale Umstrukturierungen

Gestern wie heute werden Länder gezwungen, sich den ökonomischen und politischen Strukturen des Imperialismus anzupassen, weil ihre Arbeitskraft und ihre Produkte in die globale Weltwirtschaft integriert werden. War es im 19. Jahrhundert die imperialistische Politik der Kolonialmächte, die für die verheerende Hungerpolitik verantwortlich gemacht werden muss, wird die „brillante Organisierung des Hungers“ (Bert Brecht) heute von Institutionen wie der WTO, dem IWF und der Weltbank orchestriert, die mit ihrer jahrzehntelangen Liberalisierungs-, Privatisierungs- und Investitionspolitik die systematische Vernichtung der bäuerlichen Landwirtschaft vorantrieben.

Die Philippinen – heute stark betroffen von der Nahrungsmittelkrise – sind ein eindrückliches Beispiel, wie ein Land durch neoliberale Restrukturierungen innert 20 Jahren von einem landwirtschaftlich fast selbstversorgenden Land zum weltweit grössten Reis-Importeur3 wurde. IWF und Weltbank tragen mit der im Anschluss an die Schuldenkrisen der 80er-Jahre initiierten Politik der Strukturanpassungen Verantwortung für die Wirtschaftsstrukturen, die zum heutigen Desaster führen und die die Ernährungssouveränität des Landes untergraben. Um die Schulden zurückzuzahlen, wurde das Land gezwungen, die öffentlichen Ausgaben drastisch zu kürzen und sich dem Weltmarkt anzuschliessen, indem die Landwirtschaft auf den Export ausrichtet wurde. Grossflächige Monokulturen verdrängten den Anbau für den Eigenbedarf sowie für lokale Märkte, Kleinbauern wurden von ihrem Land vertrieben. Mit dem Eintritt in die WTO 1995 wurde die philippinische Landwirtschaft noch stärker liberalisiert und die Importzölle für landwirtschaftliche Produkte wurden gesenkt. Die lokalen Bauern verloren den Konkurrenzkampf mit den oft von Agromultis hergestellten und häufig subventionierten Produkten des Weltmarkts, die zu Dumpingpreisen die philippinischen Märkte überschwemmten. Die Philippinen wurden in der Folge vom Reis-Exporteur zum Importeur und damit abhängig von den spekulativen Nahrungsmittelpreisen.

Verstädterung

Die Politik der Deregulierung der Landwirtschaft und der sogenannten Entbäuerlichung hat die Abwanderung von überflüssig gewordenen Arbeitskräften des Agrarsektors in städtische Slums beschleunigt. Seit einem Jahr leben laut UNO weltweit mehr Menschen in den Städten als auf dem Land, 1 Milliarde davon kämpfen in Slums und Favelas ums Überleben.4 Es ist diese städtische Bevölkerung, die jetzt am meisten betroffen ist von den steigenden Nahrungsmittelpreisen. Auch im Indien des 19. Jahrhunderts waren es nicht etwa die Menschen in den abgelegenen Regionen, die am meisten Hunger litten, sondern jene, die durch die Eisenbahn an den Welthandel angebunden worden waren (Davis 2004, S. 118f.).

Die alltägliche Not geht weiter

«Der freie Markt kollabiert», schreibt Der Spiegel (24.05.2008) und verschleiert, dass Märkte immer «gemacht» werden. Laut der allseits verbreiteten Ideologie funktionieren Märkte spontan – woraus folgt, dass man im Kapitalismus niemandem die Schuld geben kann, weil die Dinge aufgrund unbekannter Mechanismen einfach so passieren. Auch heute ist eine Freihandelsideologie dafür verantwortlich, dass in Ländern gehungert wird, die eigentlich genug Nahrungsmittel bereitstellen könnten. Aber statt daraus Lehren zu ziehen, wurde am 19. Mai 2008 in Genf die Doha-Handelsrunde wieder aufgenommen, um die Liberalisierung der Agrarmärkte weiter voranzutreiben.5 Die Semantik der Hungersnot macht allzu häufig die «normale», tägliche Armut unsichtbar. Eine Hungersnot ist Teil eines Kontinuums: «Sie beginnt mit der stummen Gewalt der Unterernährung, die ihr vorausgeht und sie bedingt, und endet mit dem tödlichen Schatten körperlicher Schwächung und Krankheit» (Davis 2004, S. 31). Was heute als plötzlich auftretende Hungersnot daherkommt, hat eine äusserst komplizierte politische Entwicklungsgeschichte. In der aktuellen Debatte wird die Hungerkrise insbesondere auf den Klimawandel, Agrotreibstoffe und veränderte Konsumgewohnheiten zurückgeführt. Ein sofortiger Stopp der Agrosprit-Förderung ist zweifellos eine dringende Forderung (vgl. dazu Debatte Nr. 3). Genauso unverzichtbar ist es jedoch, sich mit den grundlegenden Widersprüchen des globalisierten Kapitalismus auseinanderzusetzen. Mike Davis’ Buch über die fabrizierten Krisen im 19. Jahrhundert ist dabei aufschlussreich und erscheint in der globalen Enteignungsökonomie des 21. Jahrhunderts aktueller denn je.

1 Mike Davis (2004): Die Geburt der Dritten Welt. Hungerkatastrophen und Massenvernichtung
im imperialistischen Zeitalter. Assoziation A.

2 Vgl. dazu auch Rosa Luxemburg (1913), Die Akkumulation des Kapitals, 27. Kapitel:
Der Kampf gegen die Naturalwirtschaft.

3 Vgl. dazu Walden Bello, «How to Manufacture a Global Food Crisis: Lessons from
the World Bank, IMF, and WTO», in The Nation (02.06.2008), abrufbar unter
www.focusweb.org.

4 Vgl. dazu den U+-Habitat-Bericht 2007, «Zur Lage der Städte der Welt 2006/2007»,
United +ations Human Settlements Programm, www.unhabitat.org und Mike Davis’
neues Buch „Planet der Slums“ (2007, Assoziation A).

5 Infos dazu: www.viacampesina.org und www.tradeobservatory.org genevaupdate.cfm, «Seven Reasons Why the Doha Round
Will Not Solve the Food Crisis».

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