Feminismus mit liberalen Einflüssen

Kari Vogt
aus Debatte Nummer 17 – Sommer 2011
1958 erschien Iris von Rotens umwerfendes Buch, das einen Sturm der Entrüstung in der konservativen Schweiz auslöste. Die Fähigkeit der Autorin, die übliche Frauendiskriminierung als Skandal zu entlarven, ist beeindruckend. Es lohnt sich aber auch, Iris von Rotens politischen Bezugsrahmen genauer anzuschauen.

2008 war es 50 Jahre her seit der Publikation von Iris von Rotens Buch «Frauen im Laufgitter – Offene Worte zur Stellung der Frau».1 Eine Wanderausstellung,2 eine Tagung und eine Nummer der feministischen Zeitschrift Olympe3 würdigten das 50-jährige Jubiläum dieser Bucherscheinung. In diversen Medienberichten wurde der Meilenstein der feministischen Diskussion in der Schweiz besprochen, oft unter dem Zeichen einer Feministin, die ihrer Zeit voraus sei und vieles vorweggenommen habe, was die Frauenbewegung ab den 1970er Jahren später wieder entdeckte.

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In manchen Beiträgen drückt sich jedoch auch eine etwas verlegene Ehrerbietung aus. Kritische Nebenbemerkungen finden sich zu einzelnen Aspekten oder auch zur sprachlichen Form des Buches. Was oft fehlt, ist eine klare politische Einordnung, der es deswegen nicht unbedingt an der notwendigen Differenziertheit fehlen muss. Was lässt sich aus linker feministischer Sicht zu Iris von Roten sagen? Ist ihr Buch noch interessant für heutige Leserinnen?

Das Werk erschien während der zweiten Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit SAFFA (1958), einige Monate vor der Volksabstimmung von 1959 über die Einführung des Frauenstimmrechts.4 Dass dieses verworfen wurde, kreideten viele der polemisierenden Intervention von Iris von Roten an: Ihre Haltungen und Positionen waren für die breite Öffentlichkeit und auch die traditionellen Frauenverbände viel zu radikal.

Iris von Roten hat einen faszinierenden Text geschaffen, der viele wichtige Türen aufstösst. Dies sollte aber heutige Leserinnen nicht davon abhalten festzustellen, dass sie sich klar im liberalen Denken verortet. Sie fordert die Gleichberechtigung der Frauen im Rahmen der kapitalistischen Leistungsgesellschaft. Damit die «Auslese der Besten», wie sie immer wieder schreibt, nicht länger die Frauen ausschliesst. Das heisst auch, dass bei ihr keine Überlegungen zur Klassenstellung von Frauen zu finden sind, wenngleich natürlich Themen wie Verhütung eigentlich alle Frauen betreffen. Um Elitedenken und wirtschaftliberale Grundeinstellung zu belegen, ist es nicht nötig, auf Iris von Rotens bürgerliche Herkunft oder auf ihren aufwändigen Kleidungsstil zu verweisen, wie es manche Kommentare andeuten. «Frauen im Laufgitter » gibt genügend Belege dafür her, die es auch erlauben, die Rezeption dieses Werks zu verstehen, das auch in der Linken nicht auf Gegenliebe stiess. Daher greifen Hinweise auf Iris von Rotens «Dogmatismus» oder auf ihr undiplomatisches Auftreten5 zu kurz, um die oft ablehnende Rezeption ihres Werks zu erklären.

Berechtigte Kritik an den Gewerkschaften…

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass es für Iris von Roten neben der bürgerlichen Frauenbewegung, die sich auf den Kampf für das Stimmund Wahlrecht für Frauen konzentriert und deren Beschränktheit sie kritisiert, nichts gibt. Eine Arbeiterinnenbewegung nimmt sie nicht zur Kenntnis, weder in deren praktischen Kämpfen noch in deren theoretischen Beiträgen. Die Gewerkschaften stellt sie auf eine Ebene mit den Patrons: Durch die früheren Zünfte hätten die Männer eine Organisationstradition, die ihnen «schliesslich die Möglichkeit gab, den Arbeitgebern eine gleich grosse Kraft entgegenzustellen, wo nicht das Feld zu beherrschen» (S. 110). Bezüglich Frauenrechte boten die Gewerkschaften in der Tat oft genug Hand zu diskriminierenden Regelungen (etwa in den von ihnen ausgehandelten Gesamtarbeitsverträgen). Iris von Rotens berechtigte Kritik an der frauenfeindlichen Politik auch der Gewerkschaften (sehr treffend formuliert auf S. 99 und 113) verleitet sie aber dazu, das grundsätzliche Machtgefälle zwischen Kapitaleignern und Lohnabhängigen – bestehend sowohl aus Frauen wie aus Männern – in einer Klassengesellschaft zu verkennen. So kann sie auch Passagen schreiben, die von Klassendünkel und Ignoranz gegenüber den Lebensbedingungen der Frauen der unteren Schichten geprägt sind: «Nicht besonders begabte [Frauen] werfen sich gerne auf die Betätigung jener Begabung, in der sie den anderen nicht nachstehen. Zudem gibt es bei ihnen keine Kollision mit anderen Begabungen. Und die Möglichkeit wirtschaftlicher Bedrängnis durch unverhältnismässig viel Nachwuchs ist ihnen genau so gleichgültig wie dem eigenwilligen Maler die Unverkäuflichkeit seiner Bilder. Und wie jener schämen sie sich nicht, Unterstützung in dieser oder jener Form anzunehmen, empfangen sie die Almosen doch nicht für sich selbst, sondern für ihr ‚Werk‘.» (S. 340).

… aber aus einer urliberalen Perspektive

Sie kritisiert auch den Ausbau der Arbeitslosenhilfe: Die hiesige christliche Tradition vertrete nicht «die Ansicht, dass niemand verhungern solle oder dann alle miteinander gleichmässig», sondern sorge für «‚noblesse oblige‘ [Adel verpflichtet]! Der Reiche solle den Armen vor dem Äussersten bewahren. Der Sozialismus, der gerade in der Schweiz den Liberalismus unmerklich und uneingestandenermassen zu einem grossen Teil ersetzt hat, baute im Laufe der letzten Jahrzehnte die Leistung, zu der die ‚noblesse‘ verpflichtet, so aus, dass aus den Bitten der Armen rechtliche Ansprüche und aus den milden Gaben der Reichen Tribute geworden sind. Oft ist schwer zu beurteilen, wer nun eigentlich der Reiche und wer der Arme ist.» (S. 129) Dies publiziert Iris von Roten 1958, mitten im Kalten Krieg, und stellt sich damit in die Reihe der Warner, die im sozialen Fortschritt, etwa im damaligen Ausbau der AHV, eine für die Bourgeoisie bedrohliche Entwicklung sahen.

Daher bleibt auch Iris von Rotens Forderung nach Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit seltsam abstrakt. Eine solche Arbeitszeitverkürzung ist aus ihrer Sicht notwendig, auch um die unbezahlte Hausarbeit unter den Geschlechtern gerecht zu teilen. Doch mit welchen Bündnissen kann eine solche Forderung durchgesetzt werden? Welches waren die Kräfte, welche die bisher erfolgten Arbeitszeitverkürzungen durchgesetzt hatten? Um hier nicht die Gewerkschaften oder die Arbeiter_innenbewegung insgesamt nennen zu müssen, schweigt Iris von Roten in über 500 Seiten beharrlich hierzu.

In einem geschichtlichen Abschnitt äussert sie sich kritisch über den Machtverlust adliger Frauen im Zuge der bürgerlichen Revolution: «Es wimmelt da von Herren, an die als Herren ihrer Enkelinnen manche weiblichen Ahnen nicht im Traume gedacht hätten. Sind es doch die Nachkommen ihrer leibeigenen Stallknechte.» (S. 470) Sicherlich greift Iris von Roten zu Recht die grundsätzliche Benachteiligung der Frauen auch im Zeichen der französischen Revolution an: Dass die Erklärung der Menschenrechte (1789) explizit nur die Rechte der Männer meinte. Jedoch kann eine feministische Haltung heute ja nicht in der Verteidigung der Privilegien der Frauen kleiner herrschender Schichten bestehen – oder etwa doch? Der aktuelle Karriere- und Salonfeminismus lässt grüssen… Aus diesen und weiteren Bemerkungen lässt sich ein konsistentes Weltbild herauslesen, das auf Gleichberechtigung der Frauen mit den Männern ihrer jeweiligen Klasse hinausläuft, nicht auf eine Befreiung aller Frauen von Ausbeutung und Unterdrückung.

Durchdringendes Bild der Hausarbeit
Iris von Rotens eindringliche Analyse der vielfältigen Aspekte der unbezahlten Hausarbeit ist ein Höhepunkt ihres Werks. Sie macht den Alltag der damaligen «Hausfrau», mit oder ohne Dienstpersonal, unglaublich präsent: Man glaubt den Dunst der geschäftigen Küchen zu riechen, die stadtweit alle um die Mittagszeit zu dampfen hatten, während auf der Strasse alles stillstand. Die den Frauen antrainierte Sparsamkeit und Manie der Verwertung jedes Stofffetzchens wird fast bedrängend präsent. Es ist denn auch eine grosse Leistung des Buches, die praktische und damit auch die gedankliche Welt, die mit dem Familienmodell der 1950er Jahre verbunden war, in ihrer Beengtheit fassbar zu machen. Damit lässt sich die Prägung früherer Frauengenerationen nachspüren und es wird ersichtlich, welch gewaltigen Schritt sie aus diesem vorgespurten Lebenslauf zu tun hatten, um zu ihrem Recht auf Entfaltung zu gelangen.

Ist Iris von Rotens Buch aufgrund der liberalen Haltung und dem grundsätzlichen Einverständnis mit einer Gesellschaft von Klassen und Ungleichheiten wertlos? Nein, denn bürgerliche Freiheiten und Rechte sind an sich eine Errungenschaft, hinter die nicht mehr zurückgewichen werden sollte, auch und vor allem nicht im Kampf für eine klassenlose Gesellschaft mit gleichen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Rechten für alle. Iris von Rotens systematische Aufarbeitungen und die Breite ihrer Analysen – Berufstätigkeit, Liebesleben, Mutterschaft, Hausarbeit, politische Rechte – bleiben als Zeitzeugnis von Bedeutung. Sind doch etliche ihrer Forderungen bis heute nicht erfüllt. Und ihre sprachliche Kraft zeigt sich in bestechenden Formulierungen, die der Kritik einen einzigartigen Ausdruck verleihen.

Iris von Roten (1917-1990).

Iris von Roten (1917-1990).

1 Verlag Hallwag, Bern 1958, zweite Auflage 1959. Zitate und Seitenverweise verweisen auf diese Ausgabe.

2 Ausstellung «Leidenschaft und Widerspruch – Iris und Peter von Roten», siehe www.irisundpeter-vonroten.ch.

3 Olympe – Feministische Arbeitshefte zur Politik, Nr. 28 (Februar 2009): Offene Worte: Zur Aktualität von Iris von Rotens «Frauen im Laufgitter», Hg. Elisabeth Joris, Patricia Purtschert, Heidi Witzig.

4 Diese und weitere Informationen zu Kontext und Rezeption finden sich im Nachwort von Elisabeth Joris zur Neuausgabe von «Frauen im Laufgitter» aus dem Jahr 1991, eFeF-Verlag: «Die Fünfzigerjahre – Das Werk – Die Autorin».

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