Facetten der ökologischen Krise

Sacha Fels*
aus Debatte Nummer 13 – Sommer 2010
Anknüpfend an den Beitrag von José Manuel Naredo in der letzten Debatte-Nummer, mit seiner Kritik am Konzept der Nachhaltigkeit und seiner generellen Einschätzung der globalen Stoffflüsse, drucken wir hier einen weiteren Beitrag zum Themenkomplex Ökologie und Kapitalismus ab: «Es zeigen sich Zahlen, die aufschreien.»

Die Bücher und wissenschaftlichen Artikel über unsere aktuelle und absehbare ökologisch-ökonomische Lage türmen sich zu hohen Stapeln. Manche von ihnen wiederholen heute nur, was andere, bereits Jahrzehnte zuvor, schon besser gesagt hatten. In jüngerer Zeit hat aber ein öffentliches Bewusstsein für die vielfältigen Abfallprodukt-Desaster und zunehmenden Ressourcen-Engpässe zu wachsen begonnen, selbst in unseren Breiten: Die Stichworte CO2 und Klima sind hierfür nur ein Beispiel. Kein Wunder: Immer mehr Leute realisieren, dass unsere Ökosysteme völlig aus dem Ruder laufen, was ihnen den Blick auf sehr unterschiedliche Szenarien für das kommende Leben in einer «vollen Welt» eröffnet. Ob die sozialen Bewegungen, die sich z.B. in der Konferenz in Cochabamba oder in den Protesten gegen die Ölkatastrophe im Golf von Mexico andeuten, sich hinreichend effektiv formieren können, ist eine offene Frage. Viele «Grüne» haben zumindest erkannt, dass die bisherigen grünen Pinselstriche und Effizienzsteigerungen bloss darauf hinauslaufen, dass in den Worten von Donella Meadows, «Things are getting worse at a slower rate», dass sich die Katastrophe also etwas langsamer entwickelt… Allseits werden neue Anknüpfungspunkte zwischen Ökologie und Politik gesucht. Historische Einsichten in ökologische Entwicklungen können dabei weiterhelfen.

Das Millenium Ecosystem Assessment, eine weltweite Untersuchung von 1300 ExpertInnen aus 95 Ländern, hat ergeben, dass die Degradation der Ökosysteme durch Bodenerosion, Schadstoffe auf Land, in der Luft und im Wasser in den letzten 200 Jahren groteske Ausmasse angenommen haben, insbesondere im 20. Jahrhundert. Diese Entwicklung wurde bekanntlich wesentlich durch die hochindustrialisierten Wirtschaften hervorgerufen, also durch die grob 20 Prozent der Weltbevölkerung, die gemäss manchen Schätzungen rund 80 Prozent der Ressourcen verbrauchen. Die Ökobilanzen der Industrieländer sind atemberaubend. Insbesondere dann, wenn man die ins Ausland ausgelagerten, besonders toxischen und schweren Industrien im ersten und zweiten Wirtschaftssektor mit in Betracht zieht. Doch selbst wenn man die bloss im Inland erhobenen Daten eines vermeintlich relativ sauberen, um Nachhaltigkeit bemühten Landes wie der Schweiz anschaut, so zeigen sich Zahlen, die aufschreien.

Artenvielfalt auf der Abschussliste

Als ein Beispiel dazu kann man eine kürzlich veröffentlichte grosse Schweizer Studie zum Verlauf der Biodiversität betrachten2. Diese ergab u.a. folgendes Bild: Zwischen 1900 und 2010 betrug der Flächenverlust für Auen in der Schweiz 36 Prozent, von 1850 aus gerechnet sogar 70 Prozent. In dieser Zeitspanne hat sich die in der Schweiz wohnhafte Bevölkerung, im Rahmen eines langfristig fast linearen Trends, von 1850 (rund 2.4 Millionen) auf heute 7.7 Millionen mehr mehr als verdreifacht (bzw. von den 3.3 Millionen um 1900 mehr als verdoppelt). Viele ökologische Parameter zeichnen buchstäblich ein Bild der Vernichtung. Der Bestand an Hochstamm- Obstbäume sank um über 80%. Moore nahmen seit 1900 um 82 Prozent ab, Trockenwiesen und -Weiden um 95%. Allerdings müssen auch einige langfristige sowie in den letzten Jahrzehnten verstärkte Umweltschutzbemühungen mit erfasst werden. Die bewaldete Fläche der Schweiz wurde kontinuierlich erhöht. In den letzten 20 Jahren wurden die Vernichtungstrends von Flora und Faunabeständen mittels verstärkten Efforts bekämpft. Insgesamt kommt die Studie allerdings zum Schluss, dass von 1900 bis 1990 praktisch durch’s Band weg Lebensräume, Tier- und Pflanzenarten massiv dezimiert wurden, insbesondere durch die Land- und Wasserwirtschaft, die Siedlungsentwicklung und den Verkehr. Seit ca. 1990 konnte die ökologische Unterhöhlung des Landes – allerdings auf bereits tiefem Ausgangsniveau – mittels Umweltschutz-Massnahmen verlangsamt und teilweise revidiert werden, eine Entwicklung, die gemäss der Studie anhalten, aber die Talfahrt in den nächsten 10 Jahren insgesamt nicht wirklich aufhalten können wird.

Das Problem mit einer solch spröden, wenn auch mit vielen Bildern untermauerten Datenerhebung ist naturgemäss, dass sie die Einbettung dieser Entwicklung in den wirtschaftspolitischen Kontext nur punktuell andeutet, dabei aber wenig Verständnis für kausale Mechanismen hinter dieser ökologisch-ökonomischen Dynamik vermittelt wird. Einen weiter ausgreifenden Zugang vermittelt John McNeill in seiner vielgelobten Verbindung von ökologischer Bestandesaufnahme und Geschichtsschreibung. Darin fokussiert er in je verschiedenen Kapiteln auf bestimmte Ebenen der Erd-, Luft-, Bio- und Kultursphären. In stilistisch klarem, ruhigem Duktus wechselt McNeill von makroskopisch- quantitativen Perspektiven zu Fallstudien von wirtschaftlich- ökologischen Entwicklungen und wieder zurück. Einerseits schildert auch er atemberaubende makroskopische Zahlen. Etwa dass die globale Kohleförderung von 1800 über 1900 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts von 10 auf 76 und dann auf über 5000 Millionen Tonnen anwuchs. Der weltweite Energie-verbrauch stieg im selben Zeitraum insgesamt von 250 auf 800 und dann auf über 10’000 Mio. Tonnen Erdöl-Äquivalente an. Die weltweit bewässerte Fläche explodierte von 8 über 48 zu 255 Mio. Hektar Land. Das Gewicht des industriellen Abfalls an synthetischen Chemikalien («Giftmüll») erhöhte sich zwischen 1940 und 1982 um das 350-fache. Doch hauptsächlich widmet sich McNeill verschiedenen langwierigen Entwicklungen, von denen hier einzig seine Darstellung des Ackerbaus aufgegriffen werden soll.

Ackerbau als Gradmesser der Umweltzerstörung

Der Ackerbau hat seit seinen Anfängen die Chemie des Erdbodens verändert. Zunächst geringfügig, weil zwar über das Ernten der Pflanzen den Böden beständig Nährstoffe entzogen wurden, diese aber, nach mehr oder minder langem Verweilen im Verdauungstrakt und Gewebe von Menschen und Tieren, schliesslich grossteils wieder auf die Felder zurückkehrten. Dies änderte sich im Zuge der Urbanisierung, denn nun begannen die Menschen über die Nahrung systematisch Nährstoffe aus Acker und Weideland in die Städte zu exportieren. Die allermeisten Nährstoffe wurden nicht wieder den Feldern zugefügt, sondern flossen in Abwasserkanäle, Flüsse und Meere ab. Nur an manchen Orten, etwa in Japan und China, wurden über längere Zeit menschliche Exkremente gesammelt und den Bauern wieder als Dünger zur Verfügung gestellt. Der Entzug von Nährstoffen aus dem Boden, insbesondere von Stickstoff und Phosphor, vermindert das Pflanzen-wachstum und somit den Erntenertrag. Die Geschichte des Ackerbaus ist geprägt vom Ankämpfen gegen diese Tatsache. Früh schon wurde Rotationsfeldbau (Fruchtfolge) praktiziert, um Nährstoffverluste zu reduzieren infolge von Monokulturen, welche über mehre Jahre angebaut werden. Auch der Anbau von bestimmten Gemüsesorten, welche mit Hilfe von Wurzelbakterien atmosphärischen Stickstoff im Boden binden, verbesserte die Situation. Als im 19. Jahrhundert die Kosten für Überseetransport sanken, konnten die reicheren Länder dem Nährstoffverlust entgegenwirken, indem sie fossile Düngemittel in Form von Guano aus Peru und Chile einführten.

McNeill beschreibt detailliert die Entwicklung von Kunstdünger im 19. und 20. Jahrhundert. Deren Einsatz lag 1940 global bei rund 4 Millionen Tonnen. 1965 waren es bereits 40 und 1990 fast 150 Millionen Tonnen. McNeill sagt dazu: «Diese Entwicklung war und ist ein entscheidender Eingriff in die Chemie des Erdbodens, dessen wirtschaftliche, soziale, politische und ökologische Folgen unermesslich sind.» Kunstdünger, Pestizide, motorisierte Langstrecken-Transporte sind, zusätzlich zum optimierten Züchten, Säulen der enormen Expansion der industriellen Landwirtschaft, mit ihrem gigantischen Energieverbrauch und Schadstoffausstoss. Kunstdünger führte zu massiv erhöhten Ernteerträgen, liess die Ernährung von rund 2 zusätzlichen Milliarden Menschen zu und ermöglichte es, die Anbaufläche pro Ertrag um etwa 30% zu reduzieren. Gleichzeitig vergrösserte die kostspielige Anwendung von Kunstdünger in den Jahrzehnten von 1950-85 systematisch die Kluft zwischen armen und reichen Bauern und Farmern, sowohl innerhalb der einzelnen Ländern als auch zwischen ihnen. Weltweit wurden Millionen von kleinen Höfen verdrängt, ehemalige Bauernfamilien als ArbeiterInnen in die Städte getrieben und die internationale Arbeitsteilung bezüglich der Nahrungsmittelproduktion geschaffen bzw. konsolidiert.

Basel im Würgegriff der Chemie
Gemäss einer umsichtig recherchierten Untersuchung von Martin Forter lagern heute in den regionalen Chemiemülldeponien in Basel rund «160’000 Tonnen Chemieabfall mit 5-7000 Substanzen». Allein bei den Muttenzer Deponien sind bisher «600 Chemikalien im Müll, 300 im Grundwasser und 40 Schadstoffe im Trinkwasser nachgewiesen» worden.1 Mittlerweile wurde ein Teil der kreativen Zerstörung nach Ostasien ausgelagert. Man ist da geneigt, Tom Lehrer zu paraphrasieren:
If you visit Basel city, You will find it very pretty. Just two things of which you must beware: Don’t drink the water and don’t breathe the air.2

Ob die (Baselbieter) Bevölkerung angesichts dieses Umweltskandal ein klares Signal lanciert durch die Annahme der Doppeliniative zur Sanierung der Chemiemülldeponien auf Kosten der Verursacher, sprich Novartis, Syngenta, Clariant und Co., wird sich Mitte Juni zeigen, nach Redaktionsschluss dieser Nummer. Wir werden darauf zurückkommen. (Red.)

1 Martin Forter, Falsches Spiel. Die Umweltsünden der Basler Chemie vor und nach «Schweizerhalle», Zürich, Chronos, 2010, S. 73 & S. 142f .

2 Tom Lehrer, Pollution, in: That Was The Year That Was, Reprise Records, 1965.

McNeill’s Buch offeriert reiches Anschauungsmaterial für die Vertracktheit der Kausalitäten und die schwindelerregenden Ausmasse der ökologischen Umbrüche im 20. Jahrhundert. Als Historiker hält er sich aber fern von den impliziten Fragen nach den anstehenden ökologisch-politischen Achterbahnfahrten auf dem Weg zu neuen energie- und ressourcenökonomischen Lebensformen. Dafür gibt es aber andere Quellen. Einen wertvollen historischen Rahmen zu diesem Themenkomplex, der unsere Hochenergie-Kultur bekanntlich ins Mark trifft, vermittelt er allemal.

*Sacha Fels ist Forscher mit den Schwerpunkten Ökologie, Philosophie und Psychosomatik.

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