Ende einer Ära der Arbeitsbeziehungen?

Maurizio Coppola
aus Debatte Nummer 16 – Frühling 2011
Die Fiat-Werke zählten bis zu den 1980er Jahre zu den Bastionen der Arbeiter_innen-widerstände Italiens. Der aktuelle CEO von Fiat Sergio Marchionne hat nun unter Androhung der Standortverschiebung das Projekt «Fabbrica Ita- lia» erzwungen, was schwerwiegende Folgen für die Arbeitsbedingungen und die Arbeitsbeziehungen in Italien allgemein haben wird.

Ende 1970er Jahre zählte die Produktionsstätte der Fiat in Turin (Mirafiori) über 100‘000 ArbeiterInnen und Angestellte. Sie war eine Bastion der ArbeiterInnenwiderstände zwischen 1969 und 1980. In jenen Jahren war die Autoindustrie der fortgeschrittenste Punkt der kapitalistischen Produktion. Gleichzeitig entwickelten sich die Fiat-ArbeiterInnen zu einem «öffentlichen Subjekt». Ihre Kämpfe und ihre Organisationsformen (kollektiv, nicht von den Gewerkschaften bestimmt) warfen die Frage nach Gesellschaftsveränderung auf. Mit der Krise des Automobils in der ersten Hälfte der 70er Jahre kamen die ersten Entlassungen, die vor allem die kämpferischen Kerne in der Fabrik trafen. Ab 1978 wurde die Produktion wieder erhöht und neue Arbeiter_ innen eingestellt. Es war eine Generation, die sich von der vorigen unterschied und neue Widerstandsformen in die Fabrik brachte. 1980 kam dann die Wende. Ein 35-Tage-Streik gegen die Ankündigung von 15’000 Entlassungen wurde zur entscheidenden Niederlage der Arbeiter_innen.1 Heute arbeiten etwas weniger als 5‘500 Leute in Mirafiori.

Die Autoindustrie in der Krise

Heute befindet sich die Automobilindustrie in einer tiefen strukturellen Krise auf Grund der Überkapazitäten in der Produktion. Die Weltwirtschaftskrise von 2008-2009 hat sie verschärft. Alleine in Westeuropa brach der Verkauf von Autos zwischen 2007 und 2009 von 17,2 Mio. auf 13,5 Mio. Fahrzeuge ein. Somit verringerte sich die Auslastung von 75-80% auf 50-60%2 der Produktionskapazität. Grund dafür sind die progressive Sättigung des Automobilmarktes, die Konkurrenz zwischen grossen Automobil-Gruppen und der Rückgang der Kaufkraft in den Ländern des Zentrums durch die Angriffe auf die Lohnbedingungen der Arbeiter_innen.3 In diesem globalen Kontext hat Sergio Marchionne, CEO von Fiat, einen neuen Plan lanciert mit dem Ziel, die Produktion in Italien und die Profitabilität des Unternehmens wieder anzukurbeln.4 Dieser unter dem Namen Fabbrica Italia (Unternehmen Italien) bekannt gewordene Plan soll laut dem CEO «das Volumen erhöhen und die Kosten senken. Es gibt nichts anderes und es ist nicht kompliziert».5 Fabbrica Italia basiert auf vier wesentliche Strategien6: Erstens sollen neue Absatzmärkte im Ausland erschlossen werden. Der Anteil der exportierten Fahrzeuge soll bis zum Jahre 2014 von 40 auf 65% steigen; zweitens sollen die Arbeitskosten über die «rationalisierte» Produktionsorganisation gesenkt werden; drittens sollen Investitionen (30 Milliarden Euro) eine Flexibilisierung der Produktion garantieren und somit die Schwankung der Nachfrage nach Fahrzeugen (sowohl quantitativ wie auch qualitativ) besser auffangen; schliesslich zielt das Abkommen auf die Herstellung neuer Arbeitsbeziehungen, in denen unternehmerfreundliche Gewerkschaften (sidacati collaborazionisti) über paritätische Institutionen integriert und kämpferische Gewerkschaften ausgeschlossen werden.

Intensivierung der Arbeit

Das neue Abkommen, das die Leitung von Fiat den Arbeiter_innen und Angestellten von Mirafiori zur Abstimmung unterbreitet hat, sieht wesentliche Veränderungen der Arbeitsorganisation vor, die unter dem Leitmotiv «Intensivierung der Arbeit» subsumiert werden können. Die folgende Tabelle stellt die wichtigsten Veränderungen dar. Mit diesem Abkommen hat die Fiat die Arbeiter_ innen vor eine nicht existierende freie Wahl gestellt: Entweder sie akzeptieren das neue Abkommen oder die Produktion wird ins Ausland verlegt. Unter solchen Bedingungen ist es schwierig, der Intensivierung der Arbeit nicht zuzustimmen, vor allem in einem sozioökonomischen Krisenkontext, wie ihn Italien erlebt.8

Nebst der antigewerkschaftlichen Politik der Fiat wird das neue Abkommen auch eine wesentliche Verschlechterung der Gesundheitsbedingungen herbeiführen. Diese haben sich schon mit der Einführung neuer Methoden der Arbeitsorganisation an den Fliessbändern im Jahre 2006 verschlechtert. Die unter dem World Class Manufacturing fallenden Methoden haben zum Ziel, die Arbeiter_ innen mehr arbeiten zu lassen, indem die «tote Zeit» und die Ausführung von Arbeitsschritten, die keinen Mehrwert produzieren, reduziert werden. Dadurch erhöhen sich jedoch die Erkrankungen an Muskeln und Gelenken, wie unterschiedliche Studien belegen. 9

Die Leitung der Fiat hat ein Referendum innerhalb des Betriebes organisiert, um dem neuen Abkommen eine «demokratische Legitimität » zu verschaffen. Die Abstimmung vom 14. Januar 2011 fiel jedoch wider Erwartungen äusserst knapp aus (siehe Tabelle unten rechts). Vor allem diejenigen Personen, die an den Fliessbändern tätig sind, haben dem neuen Abkommen nicht zugestimmt. Hingegen äusserten sich die Angestellten praktisch geschlossen positiv zum neuen Vertrag. Der Ausgang dieser Wahl wirft Fragen zur Klassenzusammensetzung und zur gemeinsamen bzw. unterschiedlichen Interessenlage von Arbeiter_innen und Angestellten auf – wesentliche Fragen für die gewerkschaftspolitische Praxis.

Eine neue Art von Arbeitsbeziehungen

Die Neuheit dieses Abkommens liegt in erster Linie im System der Vertretungen von Arbeiter_innen und Unternehmen. Marchionne hat für die Investitionen bei Fiat die newco gegründet, die nicht Mitglied der Confindustria10 wird. Die newco ist ein durch Fiat ad hoc gegründetes Unternehmen mit dem Ziel, die Arbeiter_innen eines Betriebes zu entlassen und sie anschliessend wieder einzustellen, ohne den Gesamtarbeitsvertrag des Sektors zu respektieren. Das Unternehmen entzieht sich den bis dahin national gültigen Regeln bezüglich Arbeitsbedingungen und gewerkschaftlicher Vertretung in der Industrie. Dahinter steht die Logik eines puren, transnationalen Kapitalismus, der keine nationale Vertretung akzeptiert. Damit ergibt sich eine neue Art von Korporatismus, der einerseits die Gewerkschaften stark in die unternehmerische Logik miteinbezieht (amerikanisches Modell), andererseits Unternehmen erlaubt, aus den unternehmerischen Dachverbänden und somit aus dem Geltungsbereich von Gesamtarbeitsverträgen auszutreten (deutsches Modell).11 Somit wird die Dezentralisierung der Vertragsverhandlungen gefördert.12 Die Rede ist von einer «Rückkehr in die 50er Jahre»13 und einer «modernen Sklaverei».14

Im Unterschied zu den «gelben» Gewerkschaften, die sich mit dem neuen Abkommen v.a. einen mittelfristigen Standorterhalt erhoffen,15 haben die zwei kämpferischen Gewerkschaften Fiom und Cobas das Abkommen nicht unterzeichnet und verlieren somit ihre Vertretung innerhalb der Betriebe. Die neuen Arbeitsbeziehungen in der Fiat werden in Zukunft als Beispiel für andere Unternehmen dienen. Daraus resultieren faktisch nur zwei Handlungsoptionen: Entweder fügen sich die Fiom, die Cobas und mit ihnen die kämpferischen Arbeiter_innen diesen neuen Bedingungen oder der betriebliche Konflikt wird durch eine breite Mobilisierung zu einer gesellschaftlichen Angelegenheit gemacht. Nur so können weitere sozialen Angriffe verhindert werden. Ein Dazwischen existiert in der aktuellen Phase des Klassenkampfes nicht.

Nach dem 28. Januar: Die Mobilisierung geht weiter
Nach der knappen Annahme des neuen Abkommens für die Fiat-Produktionsstätte in Mirafiori hat die Basisgewerkschaft Fiom zu einem landesweiten Streiktag gegen die Angriffe der Patrons und der italienischen Regierung aufgerufen. Ausgehend von den Geschehnissen rund um Mirafiori hat sich der Protest auf die allgemeine soziale und politische Lage des Landes ausgeweitet. Denn Berlusconi hatte wenige Tage vor der Abstimmung zum neuen Abkommen während eines Treffens mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel kommentiert: «Wenn das Nein gewinnt, ist es richtig, dass Fiat Italien verlässt» (corriere.it, 12.1.11). Damit hat sich der italienische Ministerpräsident einmal mehr als verlängerter Arm der Kapitalinteressen des CEO der Fiat Sergio Marchionne entpuppt. Am 28. Januar liefen dann neben den Arbeiter_innen der Metallindustrie auch die Student_innen an den Demonstrationen mit. Gerade ihnen war es im Dezember 2010 gelungen, breite Mobilisierungen gegen die Sparmassnahmen im Bildungsbereich (legge Gelmini) zu organisieren. Gleichzeitig mobilisierten sich in mehreren Städten Migrant_innen-Kollektive gegen die xenophobe Politik des italienischen Innenministers Roberto Maroni der Lega Nord. Mitte Februar 2011 waren in über 230 Ortschaften Italiens mehrere Hundetausend Frauen auf die Strasse gegangen, um gegen den Sexskandal (Rubygate) von Silvio Berlusconi, das machistische Frauenbild in Italien und Frauendiskriminierung bei der Arbeit und in der Gesellschaft zu protestieren. Um diesen verstreuten sozialen Bewegungen eine konvergierende Tendenz zu geben, wurde zu einem «Forum der Oppositionen» (ilmegafonoquo-tidiano.it, 10.2.11) aufgerufen, welches ausgehend von sozialen Konflikten die Voraussetzungen für eine neue Linke schaffen soll (sinistracritica.it, 10.2.11). Erfolgreich kann eine solche Initiative jedoch nur sein, wenn die Radikalisierung der Bewegungen über weitere Mobili-sierungen in den Fabriken, den Universitäten und auf der Strasse weitergeht.

1 Vgl. zur Geschichte von Fiat TheKla 15. Schichtwechsel. Fiat und die Arbeiter(innen). Die Immigration – der Heisse Herbst – der Waffenstillstand – die 35 Tage.

2 Il sole 24 ore, 10.3.2009.

3 Die Ausweitung des «Leasings» muss in diesem Zusammenhang analysiert werden: Da sich die Lohnabhängigen immer weniger Konsumgüter leisten können, werden neue Kaufmodelle entwickelt, die Ratenzahlungen erlauben.

4 Fiat hat in Europa neun Produktionsstätten, sechs davon in Italien, je eine in Polen, in der Türkei und in Serbien. Das Projekt Fabbrica Italia wurde zuerst in der Produktionsstätte bei Pomigliano d’Arco (Neapel) durchgesetzt und hätte ein Unikum bleiben sollen. Wenige Wochen später wurde es aber auch in Mirafiori gestartet.

5 Corriere della sera, 22.4.2010.

6 Vgl. Cianferoni, Nicola. Quand la Fiat veut briser les droits syndicaux. Januar 2011. www.aleoncontre.org.

7 Die Fiom organisiert die Arbeiter_innen der Metallindustrie innerhalb der Cgil, der grössten «roten» Gewerkschaft Italiens. Die Cobas sind eine Basisgewerkschaft, die sowohl kämpferisch wie auch minoritär ist.

8 Italien befindet sich in einer permanenten sozialen, politischen und ökonomischen Krise. Seit der Weltwirtschaftskrise 2007-2008 hat sich die Situation noch einmal zugespitzt. Auf der Ebene der Binnenproduktion und des Binnenkonsums stagniert Italien seit Jahren. Nur der Exportsektor hat sich in den letzten zwei Jahren wieder erholt, was auf tiefe Lohnkosten und kapitalfreundliche Produktionsbedingungen hinweist. Dabei sind die Nord-Süd-Unterschiede markant. Vgl. La Repubblica, 19.2.2011, S. 28.

9 Vgl. Cannavò, Salvatore. La fatica di lavorare alla Fiat. Januar 2011. www.ilfattoquotidiano.it

10 Die Confindustria ist der Dachverband der italienischen Industrieunternehmen und -betriebe, der mit den Gewerkschaften einen national gültigen Vertrag abgeschlossen hat.

11 Die Unterscheidung zwischen deutschem und amerikanischem Modell des Korporatismus wird in einem Artikel in La Repubblica vom 13.12.2010 vom Professor für politische Ökonomie an der Universität Cattolica in Mailand Carlo Dell’Aringa gemacht.

12 Vgl. Così lo «tsunami Marchionne» sconvolge le relazioni industriali. La Repubblica, 13.12.2010.

13 La Repubblica, 24.12.2010.

14 Operai Contro, 31.12.2010.

15 Il sole 24 Ore, 31.12.2010.

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