«Ekta Parishad Zindabad!»

Philippe Blanc*
aus Debatte Nummer 17 – Sommer 2011
Fäuste schnellen in die Höhe. In atemberaubender Lautstärke wiederholen 10‘000 Stimmen aus der Bewegung der Landlosen den Ruf: «Es lebe Ekta Parishad». Aus ganz Indien sind sie nach Neu-Delhi gekommen, um der Regierung ihren Unmut mit der aktuellen Landreformpolitik zu zeigen.

Der Premierminister kennt die Hartnäckigkeit von Ekta Parishad (dt. Solidarisches Forum). Bereits 2007 führte die Landlosenbewegung einen dreissigtägigen Marsch mit 25‘000 Personen in die indische Hauptstadt. Damals hatte der Premierminister versprochen, einen Rat zu berufen, der die zuvor längst verabschiedeten Landreformen umsetzen sollte. Bei dem Versprechen ist es bis heute allerdings geblieben: Der Rat hat niemals getagt und das stösst bei denen, die ganz unten sind, auf Unverständnis. «Wir stehen für alle, die in Indien nicht zu Wort kommen. Die landlosen und armen Bauern sind offen für Gespräche, doch wir haben genug gewartet, nun wollen wir mitbestimmen», erklärt Rajagopal P.V., der Ekta Parishad vor mehr als zwanzig Jahren gegründet hat und heute noch anführt. Für Oktober 2012 ist wieder ein 300 Kilometer langer Marsch geplant. Hunderttausend sollen am «Jan Satyagraha», dem Marsch für Wahrheit und Gerechtigkeit, teilnehmen.

Von Gandhi inspiriert

1947 befreite sich die indische Bevölkerung von der britischen Kolonialmacht. Eine entscheidende Figur in diesem gewaltlosen Befreiungskampf war Mahatma Gandhi. Für ihn beginnt Widerstand und sozialer Wandel mit einer individuellen Haltung, die als Streben nach Liebe und Wahrheit beschrieben werden kann. Bedingungslose Nächstenliebe und die Überzeugung, dass niemand über die absolute Wahrheit verfügt, begründen denn auch sein Postulat der Gewaltlosigkeit. Denn wer Gewalt anwendet, schürt Hass und drängt seine Wahrheit anderen auf, sagt Gandhi und empfiehlt Bescheidenheit und Zurückhaltung.

Nächstenliebe, Wahrheitssuche und Gewaltlosigkeit sind nicht nur individuelle Prinzipien, sondern stellen auch Widerstandsstrategien (Mittel) und Grundwerte einer gerechten Gesellschaft (Ziele) dar. Gandhi war überzeugt, dass nur gewaltlose Revolutionen zu einer friedlichen und gerechten Gesellschaft führen können. Mittel lassen sich für ihn nicht durch Ziele legitimieren. Seine bevorzugten Widerstandsformen zeichneten sich unter anderem durch zivilen Ungehorsam, Nicht-Kooperation, aber auch durch die Achtung politischer Gegner aus.

Im Kampf um die Kontrolle über Land und das Recht auf ein würdiges Leben inspiriert sich Ekta Parishad stark von Gandhis Prinzipien. Die Bewegung existiert seit den 1990er Jahren, als sie von Rajagopal P.V. gegründet wurde: «Wir haben mit den Menschen in den Dörfern angefangen über ihre Bedürfnisse zu sprechen. Mit der Zeit gelang es uns, immer mehr Dörfer zu vernetzen. Heute sind wir in mehr als siebzehn Teilstaaten verankert». Ekta Parishad steht kompromisslos auf der Seite der Armen und Landlosen Indiens. Vor allem die kastenlosen Dalits und die Adivasis, Indiens Urbevölkerung, sind von Landlosigkeit und massiven Umsiedlungen betroffen. Hunderttausende von ihnen hat Ekta Parishad bereits organisiert. Heute vereint Ekta Parishad sowohl Individuen als auch Organisationen und NGO‘s. Derzeit gibt es auf nationaler Ebene keine einflussreichere Bewegung, die sich kompromisslos zu Gandhi bekennt. Rajagopal P.V. wird deshalb intern von vielen als neuer Gandhi gefeiert. Obwohl der Einfluss der Bewegung für die indische Elite objektiv noch keine Bedrohung darstellt, muss gesagt werden, dass kaum jemand Gandhis Ideen so modern vertritt. Es ist Rajagopal P.V. gelungen, Gandhi aus den Ashrams – Wohn- und Ausbildungszentren, in denen Gandhis Prinzipien gelernt werden und nach ihnen gelebt wird – in die Dörfer und die politischen Debatten zurückzuführen.

Der Kampf der Landlosen

Rund zwei Drittel der indischen Bevölkerung leben in ländlichen Gebieten und sind von der Landwirtschaft abhängig. Für sie bedeutet ein Leben ohne eigenes Land ein Leben ohne Würde. Diese Tatsache hat Ekta Parishad vor Augen, wenn sie sich für ein dezentral gesteuertes Landwirtschaftssystem einsetzen, indem kleine Bauernbetriebe den Ausgangspunkt der Agrar- und Landpolitik darstellen. Das Leiden im ländlichen Indien ist gross. Zwei Drittel der Armen leben auf dem Land und viele von ihnen hungern regelmässig. Zudem herrscht in den Dörfern ein akutes Alkoholproblem. Viele haben sich wegen ihrer Sucht verschuldet und die Gewalt gegen Frauen ist drastisch angestiegen. Am deutlichsten zeigt sich die Verzweiflung der indischen Kleinbauern jedoch am massiven Anstieg der Selbstmordrate: In den Jahren 1993 bis 2006 haben sich über 160‘000 Kleinbauern das Leben genommen.

Die neoliberale Wachstumspolitik, die sich in Indien seit den 1990er Jahre durchgesetzt hat, steht den Interessen und Bedürfnissen der leidenden Bevölkerung in den Dörfern diametral entgegen. Auf Empfehlung der Weltbank und des IWF senkte die Landesregierung ihre Landwirtschaftsinvestitionen und stoppte die ohnehin schleppend laufenden Landreformen. Um die Wachstumsrate in die Höhe zu treiben, wurden riesige Ländereien für den Rohstoffabbau, eine industrielle Nutzung, Infrastrukturmassnahmen und den Tourismus freigeben. Im Zuge der aktuellen Wirtschaftskrise spitzt sich der Kampf um Land weiter zu. So interessieren sich mittlerweile nicht nur Minenkonzerne oder Industrielle für Land. Der Boden ist zum Spekulationsobjekt für Investoren der Finanzbranche geworden. 

Aufgrund des «Landgrabbings» (Landraubs) verloren bereits Millionen von Menschen ihre Lebensgrundlage. Sie werden auf brutale Weise von ihren Höfen vertrieben. Weil die meisten ihren Landbesitz nicht belegen können, werden nur die wenigsten entschädigt. So bleibt als einziger Ausweg häufig nur die Flucht in die Stadt. Dort leben sie entwurzelt in ärmsten Verhältnissen und hängen mehrheitlich von den Launen des informellen Arbeitsmarkts ab.

Obwohl Indiens Wirtschaft in den letzten Jahren doppelt so schnell gewachsen ist wie der Weltdurchschnitt, profitiert davon nur eine kleine Minderheit. Armut und soziale Ungleichheit stiegen stetig an. 75 Prozent der Bevölkerung müssen mit weniger als einem halben Franken pro Tag auskommen. Genau diese Gruppe würde von der Umverteilung des Landbesitzes profitieren.

Davon will auf der Ebene von Bürokratie und Parteien niemand etwas hören. Sämtliche Parteien in Indien sind auf die neoliberale Agenda ausgerichtet. Und doch bleibt das Thema virulent, denn Armut, Umsiedlungen und Enteignungen führen zu steigendem Unmut und münden auch in Gewalt. In einem Fünftel des Landesgebietes liefern sich Polizei und die maoistische Guerilla blutige Gefechte. Auch vor diesem Hintergrund gewinnt Ekta Parishads gewaltloser Widerstand an Bedeutung. In ihrem Kampf geht es nicht nur um Gerechtigkeit, sondern auch um Frieden in einem Land mit über einer Milliarde Einwohner_innen.

* Philippe Blanc arbeitete während seines neunmonatigen Zivildiensteinsatzes in unterschiedlichen Städten Indiens für die Bewegung Ekta Parishad. In dieser Zeit wurde das Interview mit Rajagopal P.V. durchgeführt. Er beteiligt sich an der Vorbereitung einer Europatournee von Vertreter_innen der Ekta Parishad, die im kommenden Winter auch in der Schweiz Halt machen soll. Mehr Informationen zur Bewegung unter www.ektaparishad.com.

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