Eins, zwei, drei – viele Officine!

Hanspeter Gysin
aus Debatte Nummer 8 – März 2009
Am 7. Februar haben sich im Tessin, auf Einladung des Streikkomitees der SBB-Cargo-Werkstätte von Bellinzona erneut über 200 AktivistInnen getroffen. Sie haben dabei einerseits die Grundlage für ein «Netzwerk für eine kämpferische Bewegung der ArbeiterInnen» gelegt, aber auch über die Krise und ihre Folgen für die Lohnabhängigen diskutiert.

In der am 7. Februar verabschiedeten Plattform sind folgende Ziele formuliert: Das «Netzwerk für eine kämpferische Bewegung der ArbeiterInnen» will Lohn- abhängige, GewerkschaftsaktivistInnen und solidarische Gruppen dazu ermuntern, sich gegenseitig in folgenden Bereichen zu unterstützen:

  • demjenigen, sich bessere Möglichkeiten anzueignen, um am Arbeitsplatz ihre Interessen gemeinsam zu verteidigen (Austausch von Erfahrungen und Unterstützung bei Organisierungsbestrebungen),
  • dem, die unterschiedlichen Facetten der laufenden unternehmerischen Angriffe nachzuvollziehen (Information und Analyse),
  • der Solidaritätsarbeit und dem Austausch unter Lohnabhängigen, die sich in der Schweiz oder im Zusammenhang mit Schweizer Firmen im Ausland dafür einsetzen, im gemeinsamen Kampf ihre Interessen zu verteidigen.

Das Umfeld

Die Schweiz ist ein Land mit wenig Tradition in Arbeitskämpfen. Die etablierten Gewerkschaften ziehen es in der Regel vor, Konflikte mit einigen «vernünftigen» Vorschlägen (z.B. Sozialplänen) am Verhandlungstisch zu behandeln, bevor sie überhaupt eine gewisse Dynamik und Radikalität erreichen können. Aktivitäten, die eine gewisse Militanz erfordern, verstehen sie eher als propagandistische Aktivität – von Zeit zu Zeit und wenn günstige Voraussetzungen vorliegen. Der Streik wird nicht als Mittel zur Durchsetzung eines gesetzten Ziels betrachtet, sondern als (letztes!) politisches Druckmittel im Hinblick auf einen («fairen») Kompromiss mit den Unternehmern. Der Streik wird damit auf seinen symbolischen Charakter reduziert.

Mittel und Vorgehensweise

Für die Zielerreichung entscheidend ist es, einen Ort für den Austausch von Erfahrungen unterschiedlicher Arbeitskämpfe zu schaffen.

Eine weitere Aufgabe des Netzwerkes muss die Information über Konflikte in der Arbeitswelt gegenüber der Öffentlichkeit sein. Hier geht es – soweit die Kräfte es erlauben – darum, einen Gegenpol zur demobilisierenden Berichterstattung der Mainstream-Medien zu bilden.

Finden Arbeitskämpfe statt, bietet das Netzwerk oder seine Vertretungen in der entsprechenden Region eine solidarische Unterstützung an. Diese kann – immer den Bedürfnissen der aktiven Belegschaftsmitglieder entsprechend – die Form von Öffentlichkeitsarbeit, von Demonstrationen bis hin zu Betriebsblockaden haben.

Unsere Initiative muss den Bedürfnissen eines wesentlichen Teils der Lohnabhängigen entsprechen.

Selbstorganisation

In der erwähnten Plattform steht auch: «Das Netzwerk unterstützt also die Selbstorganisierung und Selbstbestimmung der ArbeiterInnen. Das Netzwerk versteht sich weder als eine oder mehrere Oppositionsströmungen innerhalb der bestehenden Gewerkschaften, noch als eine Alternative zu diesen Gewerkschaften.»

Die Entwicklung von Bewusstsein hat dann einen guten Nährboden, wenn eine Bewegung vorhanden ist. Fehlt die Bewegung, die Selbstaktivität, lauert die gegenteilige Entwicklung. Schwindet die Hoffnung, (gemeinsam) ein Ziel zu ereichen, wächst die Gefahr, dass viele sich der Wahl zwischen dem kleineren und dem grösseren Übel zuwenden – nach dem Motto: lieber einen Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach.

Bewegung kann man behindern oder fördern – auf Knopfdruck auslösen kann man sie nicht. Es gilt unter anderem, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu intervenieren. Dazu kann das Netzwerk und ein regelmässiger Informationsaustausch nützlich sein. Der Ausdruck «Eins, zwei, drei – viele Officine» muss unter diesem Aspekt betrachtet werden.

Wir erwarten als Folge der aktuellen Krise des Kapitalismus eine Zunahme von Entlassungen und Betriebsschliessungen. Dies bedeutet jedoch nicht automatisch ein Ansteigen von Arbeitskämpfen, denn die Gewerkschaften werden in der Regel schnell zur Stelle sein und Sozialplanverhandlungen und Schiedsgerichtsverfahren vorschlagen, die zur Beruhigung der Lage führen.

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