Eingliederung ohne entsprechende Arbeitsplätze?

Nikolaus Beyersdorf
aus Debatte Nummer 10 – Oktober 2009
Nikolaus Beyersdorf ist seit rund sieben Jahren in der Auftragsbearbeitung eines „geschützten“ Betriebes in Bern angestellt. Er lebt seit Geburt mit einer Behinderung, ist 44 Jahre alt und seit mehreren Jahren Vorstandsmitglied von Cerebral Bern.

Die IV ist eines der wichtigsten Sozialwerke der Schweiz. Laut einer Umfrage des Meinungs-forschungsinstitut Demoscope vom März 2008 halten 99% der Schweizer Bevölkerung die IV für unentbehrlich. Die Schlussfolgerung daraus wäre, dass ein so wichtiges Sozialwerk durch den Staat, die Bevölkerung und der Unternehmerschaft getragen, sprich saniert, werden sollte. Dem ist jedoch nicht so. Mittlerweile musste auch Alard du Bois-Reymond, Chef der Invalidenversicherung, im Interview des Mittagsgespräches von Radio DRS 1 von Ende April 2009 eingestehen, dass eine Eingliederung von Menschen mit Behinderung in den 1. Arbeitsmarkt zweifellos der wirksamste Weg ist, um die IV zu entlasten.

Leider war das Lobbying der Behin- dertenvertreter, falls diese in den Parlamenten überhaupt existieren, bei weitem nicht so erfolgreich und schlagkräftig wie jenes der Arbeit- gebenden. Sie liessen sich zu einer Vorlage überrumpeln, welche gar nicht in ihrem Sinne sein kann. Tatsa- che ist, dass die Behindertenverbän- de, die sich für die Vorlage einsetz- ten, diese nicht nur zur Annahme empfehlen, sondern mit grossen An- strengungen gezielt auf dieses Resul- tat hinarbeiten. Bei genauerem Hin- sehen erstaunt diese Haltung. Es existiert wohl kaum ein Behinderten- verband, der die Integration von Menschen mit Behinderung nicht fordert. Trotzdem wird bei der Sanie- rung der Invalidenversicherung keine Forderung nach Arbeitsplätzen im 1. Arbeitsmarkt erhoben. Die Motivati- on der Empfehlung richtet sich nur auf die finanzielle Sanierung des Sozialwerkes per Ende 2017. Diese Optik könnte sich als sehr kurzsichtig erweisen. Denn auch am 1. Januar 2018 wird sich der Widerwillen der Patrons kaum ändern, Arbeitnehmende mit Behinderung einzustellen.

Es kann bereits heute davon ausge- gangen werden, dass mit der Einfüh- rung der 6. IV-Revision bestehende Renten in Frage gestellt werden und zwecks Optimierung überprüft wer- den. „Optimierung“ bedeutet in die- sem Fall, dass bestehende Leistungen nach Sparpotential durchwühlt wer- den. Die finanzielle Lage der IV ist zurückzuführen auf einen steigenden Anspruch auf Renten von Arbeitneh- menden, welche aus dem 1. Arbeits- markt nach ökonomischen Grundsät- zen aussortiert wurden. Der Forde- rung nach einer realistischen Wie- der- oder Eingliederung in den 1. Arbeitsmarkt, die den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderung ent- spricht und ihr Potential und Kreati- vität zur Entfaltung bringen kann, kommt diese Vorlage nicht nach. Stattdessen wird eine zwangsweise Scheineingliederung durch Streichung von Renten propagiert, welche die Leute letztlich in die Sozialhilfe abgleiten lässt, betrieben. Einmal mehr wurde es verpasst, die sinnvolle Forderung nach Arbeitsplätzen im 1. Arbeitmarkt zu erheben – also in den Bereich, der in unserer Gesell- schaft einen hohen Stellenwert ge- niesst.

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