Eine revolutionäre Sexualreformerin

Anette Erzinger*
aus Debatte Nummer 16 – Frühling 2011
Paulette Brupbacher-Rajgrodski hielt in den 1930er Jahren in mehreren Städten der Schweiz Vorträge zur Aufklärung der Arbeiterschaft. Die Forderungen der Sexualreformerin waren für ihre Zeit revolutionär, was in den Kantonen Solothurn und Glarus mit einem Redeverbot bestraft wurde.

brupbacher03

Paulette Brupbacher-Raygrodsky ca. 1920 (Bild Schweizerisches Sozialarchiv).


«Sehr geehrte Frau Dokt. möchte mir erlauben zu fragen wo das von Ihnen beste Mittel zur Verhütung zu erhalten sind?»
1 Diese und sehr viele weitere Fragen wurde Paulette Brupbacher an ihren Vorträgen gefragt. Doch wer war die Frau Doktor, die diese Fragen beantwortete? Pelta Rajgrodski wurde am 16. Januar 1880 in Pinsk, in der Gegend von Minsk, im damaligen russischen Zarenreich als Tochter eines jüdischen Privatgelehrten geboren.2 Wann Pelta begann, sich Paulette zu nennen, ist nicht bekannt. Bekannt ist aber, dass Pelta Rajgrodski bei ihrer Ankunft 1902 in Bern Pelta Goutzait hiess. Sie war zu dieser Zeit bis ungefähr 1923 mit Abraham Goutzait verheiratet, welcher ebenfalls aus dem russisch-jüdischen Milieu stammte. Das Ehepaar hatte eine Tochter und einen Sohn. Von 1902 bis 1907 studierte Pelta Goutzait an der Universität Bern. Wie viele andere Russinnen war sie in die Schweioz gekommen, weil hier Frauen zum Studium zugelassen waren. Sie schloss ihr Studium mit einer Dissertation an der Philosophischen Fakultät zum Thema der Bodenreform im Zarenreich ab. Bis 1914 studierte sie dann in Berlin Medizin, um mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wieder in die Schweiz, diesmal nach Genf, zurückzukehren. Während des Studiums arbeitete sie dort in einer Klinik für Drogenabhängige. Paulette Goutzait schloss das Medizinstudium in Genf ab und besass damit zwei Doktortitel.

Nach der Scheidung von Abraham Goutzait heiratete Paulette 1923 Fritz Brupbacher, mit welchem sie fortan in Zürich lebte und arbeitete. Zusammen führten sie eine gemeinsame Arztpraxis an der Kasernenstrasse 17 in Zürich-Aussersihl, dem traditionellen Einwanderer- und Arbeiterinnenviertel von Zürich. Dort fanden nicht nur finanziell schwache und notleidende Patient_innen Unterstützung, sondern auch politische Flüchtlinge und Oppositionelle. Ihre Erfahrungen und Erlebnisse mit den Patientinnen der Arztpraxis veröffentlichte Paulette Brupbacher 1953 im Buch «Meine Patientinnen». Paulette Brupbacher war auch in verschiedensten Gruppierungen tätig. Sie war Mitglied der Weltliga für Sexualreform und der kommunistischen Partei der Schweiz. Sie war im Zentralkomitee der Internationalen Arbeiterhilfe und Mitarbeiterin der Berliner Zeitschrift «Der Weg der Frau» und Gründerin des Zürcher «Eisenbahner-Samaritervereins». Die Ideen und öffentlich geäusserten Ansichten des Ehepaars Brupbacher stiessen selbst in den Organisationen und Parteien, in welchen sie sich engagierten, nicht immer auf Zustimmung. So wurde Fritz Brupbacher 1933 aufgrund seiner Kritik an der zunehmenden Stalinisierung aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen.3

Sexualaufklärung für die Arbeitenden

Bei seiner Arbeit in der gemeinsamen Arztpraxis sah das Ehepaar Brupbacher die Not und den schlechten gesundheitlichen Zustand der Arbeiterinnen. Viele von ihnen wollten aus finanziellen Gründen verhindern, zusätzliche Kinder zu kriegen.4 Die Aufklärung darüber, wie eine Schwangerschaft verhindert werden konnte, war oft nicht vorhanden, Verhütungsmittel waren zu dieser Zeit nur schwer erhältlich und oft auch teuer.5 So versuchten die Frauen, Schwangerschaften mit sogenannten Hausmittelchen zu verhüten, mit der Folge, dass als letztes Mittel zur Geburtenregelung oft nur der illegale Schwangerschaftsabbruch blieb.

Die Not liess Frauen oft zu gefährlichen, aber unnützen Mitteln greifen, um eine ungewollte Schwangerschaft abzubrechen. Da die Abtreibung verboten war und die betroffenen Frauen, wie auch die ausführenden Ärzte, dafür bestraft wurden, war es verbreitet, den Schwangerschaftsabbruch von einem «Pfuscher» vornehmen zu lassen. Oft endete dies für die Frauen mit schweren gesundheitlichen Problemen oder gar mit dem Tod.

Bereits in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts begann Fritz Brupbacher mit Veranstaltungen und Broschüren, insbesondere die Arbeiter_innen über das Thema Verhütung und die Tauglichkeit der Verhütungsmittel zu informieren. Sein eigenes und später auch das Ziel von Paulette Brupbacher war es vor allem, die Lebensbedingungen der Arbeiter_ innenfamilien zu verbessern.

In den 1920er und 30er Jahren leisteten Paulette und Fritz Brupbacher Pionierarbeit in der Sexualaufklärung der Arbeiterschaft. Neben den öffentlichen Auftritten und schriftlichen Veröffentlichungen nutze das Ehepaar auch die eigene Praxis um die Arbeiterinnen zu informieren. Die Vorträge von Paulette Brupbacher behandelten Themen wie: die Befreiung der Frau, die Stellung der Frau in der Gesellschaft oder das Sexualstrafrecht. Aber die Frauenrechtlerin äusserte sich auch gegen die «unmenschlichen Arbeitsbedingungen im Kapitalismus».

Inhaltlich waren die Forderungen der Sexualreformerin für die 20er und 30er Jahre revolutionär: Sie sprach sich unter anderem für das freie Ausleben des Sexualtriebs, für mehr Hygiene beim Geschlechtsverkehr, für den Gebrauch von Verhütungsmitteln und für die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs aus.

Redeverbot gegen Aufklärung

Anonyme Zettel mit Fragen der Arbeiter_innen an Paulette Brupbacher
«Was ist zu tun gegen die Gefühlskälte infolge Angst vor neuer Mutterschaft?»

«Wir bitten als junge Proleten noch um die Angabe von einigen Verhütungsmitteln.»

«Ist eine Befruchtung möglich, wenn der Orgasmus nur männlicherseits stattfindet?»

«Warum ist es nicht gestattet über unseren Leib selbst zu verfügen?»

«Warum beschneiden die Juden ihre Söhne? Doch dass sie gegen Sexualität abgestumpft werden, und sich so geistig besser entwickeln. Warum sich also durch Onanie geistig höher entwickeln?»

«Sind Sie nicht der Ansicht, dass die Lösung der sexuellen Frage nur dadurch gefunden wird, dass man statt nur aufklärt systematisch zur Sexualität erzieht. Aufklärung gehört ja sicher dazu, aber mit dem verstandesmässigen Klarwerden allein ist es doch nicht getan?»

Die Forderungen von Paulette Brupbacher gingen den konservativen Schweizer_innen zu weit. Nach einem Vortrag, in welchem sie unter anderem die Finanzierung von Verhütungsmitteln durch die Krankenkassen forderte, erliess der Kanton Solothurn ein Redeverbot gegen sie. Dieser Entscheid wurde später sogar durch das Bundesgericht bestätigt. Dieser Gerichtsentscheid veranlasste auch den Kanton Glarus, Paulette Brupbacher das öffentliche Referieren über sexuelle Themen zu verbieten.

Dieses Redeverbot stand im krassen Widerspruch zu den Bedürfnissen der Arbeiterschaft nach Aufklärung. Ein eindrücklicher Nachweis dieser Bedürfnisse findet sich im Nachlass von Fritz Brupbacher, welcher sich im Schweizerischen Sozialarchiv befindet. Dort sind auf kleinen Zetteln anonyme Fragen aus dem Publikum der Vorträge von Paulette Brupbacher notiert. Diese Fragen geben Einblick in die Lebensverhältnisse der Arbeitenden, für welche ein weiteres Kind eine enorme zusätzliche finanzielle Belastung darstellte. Der grösste Teil der Fragen betrifft dann auch die Schwangerschaftsverhütung. Die Fragen zeigen aber auch eine erstaunliche Offenheit und Neugierde, mehr zu erfahren über die Sexualität. Das Redeverbot gegen Paulette Brupbacher und die vielen Stimmen, welche die öffentliche Aufklärungsarbeit als «Schädigung der öffentlichen Moral» oder einfach als kommunistische Propaganda verurteilten, richteten sich gegen den Versuch der Arbeitenden, ihre Sexualität mehr selbst zu bestimmen und ihre Lebensverhältnisse zu verbessern.

*Annette Erzinger studiert an der Universität Basel Soziologie und Geschichte.

1 Diese und alle folgenden zitierten Fragen stammen aus dem Bestand des Schweizerischen Sozialarchivs: Ar.101.70.3 Nachlass Fritz Brupbacher. Abort und Sexualität: Fragen aus dem Publikum.

2 Alle biographischen Daten aus: Huser, Karin: Paulette Brupbacher-Rajgrodski. Sexualreformerin. In: Maeder, Eva, Peter Niederhäuser (Hrsg.): Käser, Künstler, Kommunisten. Vierzig russischschweizerische Lebensgeschichten aus vier Jahrhunderten. Zürich 2009. S. 191-194.

3 Bürgi, Markus: Brupbacher, Fritz. In: Historisches Lexikon der Schweiz. hrsg. von der Stiftung Historisches Lexikon der Schweiz (HLS) ; Chefred.: Marco Jorio. Basel 2002. 4 Brupbacher, Fritz: Kindersegen – und kein Ende. Zürich 1903. S 4.

5 Joris, Elisabeth, Heidi Witzig (Hrsg.): Frauengeschichte( n). Dokumente aus zwei Jahrhunderten zur Situation der Frauen in der Schweiz. 4., erg. Aufl. Zürich 2001. S. 324.

Dieser Beitrag wurde unter Debatte Nr. 16, Feminismus veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *