Eine andere Bildung für eine andere Gesellschaft!

Dafid S.
aus Debatte Nummer 11 -Dezember 2009
An über 80 Universitäten in ganz Europa (und darüber hinaus) haben sich diesen Herbst Protestbewegungen formiert. Dabei lassen sich nicht nur zahlreiche Gemeinsamkeiten bezüglich Aktionsform und Funktionsweise, sondern vor allem auch im Vergleich ihrer Forderungen erkennen. Der folgende Artikel beleuchtet einige zentrale Forderungen der Protestbewegungen.

“Wir sind der Auffassung, dass Studierende fähig sind, ihr Studium selbst in die Hand zu nehmen und zu gestalten. Das sollte jeder und jedem ermöglicht werden– vor allem, wenn eine kritische, mündige Gesellschaft das Ziel ist.” Mit diesen Worten leiten die Studierenden der Universität Wien ihren Forderungs-katalog ein, und machen von Beginn an deutlich: Es geht um selbstbestimmte und kritische Bildung, um mehr Demokratie und um echte Chancengleichheit. Es geht aber auch um eine Öffnung des Hochschulwesens für die Gesellschaft und um eine Veränderung der Gesellschaft selbst.

Demonstration der Studierenden der Universität Wien.

Gegen kapitalistische Wettbewerbslogik

Schnittpunkte bildungs- und gesellschaftspolitischer Anliegen lassen sich in fast allen Bereichen finden. Wie viele Aktivistinnen kritisieren auch die Studierenden der Universität München die seit mehreren Jahren in allen Lebensbereichen herrschende Logik des Wettbewerbs- und Verwertungsdenkens. Was sich an den Universitäten als Orientierung von Lehre und Forschung an Drittmittelgeldern oder der Arbeitsmarkttauglichkeit äussert, manifestiert sich im Alltag und Arbeitsleben beispielsweise „in den Hartz-Gesetzen, in der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, (…) und ähnlichem.
“Dieselbe Wettbewerbslogik, die zu immer mehr Leistungsdruck und Stress bis hin zu psychischen Belastungserkrankungen in der gesamten Arbeitswelt führt, bedroht auch die kritische Lehre und Forschung, da Bildung nicht als Baustein eines selbstbestimmten Lebensgesehen, sondern lediglich als eine Investition in die berufliche Zukunftinterpretiert wird. „Nicht die Bildung als Grundrecht steht im Mittelpunkt, sondern die Verwertbarkeit des Menschen als Humankapital für Wirtschaft und Arbeitsmarkt.“

Hochschulbildung für alle!

Der Idee von Bildung als Standortvorteil und wichtigste Ressource Europas steht diejenige von Bildung als Grundrechtgegenüber. In diesem Sinne fordern zahlreiche Universitäten in Deutschland sofortige “Barrierefreiheit an der Universität”. Hochschulbildung soll für alle frei zugänglich sein, ausländische (auch nichteuropäische) Abschlüsse sollen anerkannt werden, Zugangsbeschränkungen wie der Zwang eines geregelten Aufenthaltsstatus, Studiengebühren, mangelnde Ausbildungsbeiträge oder gar Numerus-Clau-sus-Systeme sollen aufgehoben werden. Für künftige Studierende ohne Maturitätsabschluss sollen spezielle, natürlich kostenlose Vorbereitungspro-gramme angeboten werden. Mit der damit geforderten Öffnung der Universitäten „nach unten“ unterstreichen die Studierenden ihren Willen, sich nicht nur um die Verbesserung oder den Erhalt ihres eigenen Status zu bemühen, sondern Bildung in einem demokratischeren und gerechteren Rahmen zu fordern.

Demokratie statt Kapitalismus

Noch grundsätzlicher werden die Protestierenden der Universität Salzburg: „Wir verstehen Demokratie als breites partizipatives Gesellschaftsprinzip, welches alle gesellschaftlichen Teilbereiche, also auch die Ökonomie, umfasst. Mit einer demokratischen Ökonomie meinen wir eine gesellschaftliche Produktion, in der die Bedürfnisse aller Menschen befriedigt werden, die lebensnotwendigen Güter für alle frei verfügbar sind, und die Produktion selbst gemeinsam kontrolliert wird.(.) Andererseits verstehen wir Kapitalismus als Wirtschafts- und Gesellschaftsform, welche auch politische Entscheidungsprozesse im Widerspruch zu unserem breiten Demokratie-verständnis formt.

”Die kapitalismuskritischen Grundsätze und Forderungen vieler Studierender erklären teilweise, warum grosse Teile der Medien nur wenig Verständnis für die aktuellen Proteste aufbringen wollten. Nicht selten wurden die Proteste mit dem Vorwurf, rücksichtslos vorzugehen, konfrontiert. Andere Zeitungen wiederum begnügten sich damit, der Bewegung jeglichen politischen Inhalt und Realitätsbezug abzusprechen und/oder ihre Anliegen in einen falschen Kontext zu stellen.

Erst der Anfang

So zahlreich die Erfolge der gegenwärtigen Bewegungen sind, so zahlreich auch ihre Probleme. Eine wirklich politisierte Studierendenschaft, die einen kritischen und verantwortungsbewussten Platz in der Gesellschaft einnimmt, muss – vor allem in der Schweiz – erst wieder entstehen. Auch hat es die Bewegung bisher nur sehr vereinzelt geschafft, eine Verbindung zu anderen Teilen der Lohnabhängigen aufzubauen, obwohl über 70 Prozent der Studierenden erwerbstätig sind. Die Auseinandersetzung mit den Arbeits-bedingungen der Angestellten der Universität seien hier als Beispiel genannt. Erst wenn es aber gelingt, die gemeinsamen Interessender Studierenden und der Lohnabhängigen aufzuzeigen und zu verdeutlichen, besteht die Möglichkeit, dass die Studierendenproteste zu einer breiten sozialen und politischen Bewegung werden. Dennoch haben die Studierenden diesen Herbst einen wichtigen Schritt getan.

Solidaritätserklärung der Lehrenden und Forschenden

Im Rahmen einer internationalen Aktionswoche „Education is not for sale“ haben auch an schweizerischen Universitäten (Basel, Bern, Fribourg, Genf, Zürich) zahlreiche Studierende mit Demonstrationen, Besetzungen, Diskussionsveranstal-tungen und oft originellen Aktionen auf ihre Anliegen aufmerksam gemacht. Sie kritisieren die Bologna- Reform, die allgemeine Tendenz zur Ökonomisierung der Hochschulen, undemo-kratische Strukturen, die Untervertretung der Frauen bei Professuren und Leitungsfunktionen, die soziale Selektivität (Studiengebühren u.a.) sowie die oft schlechten Studien- und Arbeits-bedingungen (dabei haben sie nicht selten auch an das Reinigungspersonal und andere Angestellte in unqualifizierter Beschäftigung gedacht). (…)

Aufgrund unserer Erfahrungen in Forschung und Lehre sind wir überzeugt, dass die von den Studierenden aufgeworfenen Fragen von grosser Bedeutung für die Zukunft der Hochschulen sind. Wir wissen zudem, dass auch unter den Forschenden und Dozierenden viel Unmut und Kritik an den gegenwärtigen Entwicklungen im Hochschulbereich verbreitet ist. Der mit der Verschulung des Studiums gestiegene Betreuungs-/Kontrollaufwand, die mit der forcierten Drittmittelorientierung verbundene Gefahr des Verlusts an kritisch-unabhängiger Forschung oder die in Managerdiskurse gehüllte Bürokratisierung der organisatorischen Strukturen der Hochschulen führen zu einer schleichenden Verschlechterung der Arbeitsbedingungen des wissenschaftlichen Lehr- und Forschungspersonals.

Wie die protestierenden Studierenden setzen wir uns dafür ein, dass die Hochschulen nicht auf die doppelte Funktion zugeschnitten werden, einerseits mit wenig Aufwand eine grosse Zahl von „arbeitsmarktbefähigten“ Subjekten sowie darüber hinaus eine schmale Elite der „Exzellenz“ zu produzieren. Wir schliessen diese Erklärung mit einem dreifachen Aufruf:

1) An die Hochschul-verantwortlichen und die bildungspolitischen Behörden richten wir die Aufforderung, die studentischen Proteste ernst zu nehmen und die Bedingungen für eine breite öffentliche Diskussion zu schaffen, in der die an den Hochschulen studierenden und arbeitenden Menschen in angemessener Weise zu Wort kommen.

2) An die Kolleginnen und Kollegen in Forschung und Lehre wenden wir uns mit der Aufforderung, in die aktuellen politischen Auseinandersetzungen einzugreifen, ihren Unmut und ihre Kritik öffentlich zu äussern und in einen ehrlichen und (selbst)kritischen Dialog mit den Studierenden zu treten; dabei könnte das Ziel verfolgt werden, ähnlich wie die Kollegen und Kolleginnen in Österreich einen eigenen Forderungskatalog aufzustellen (siehe unter: http://unsereuni.at/?p=6188).

3) An die protestierenden Studierenden richten wir die Ermunterung, sich durch ignorante oder arrogante Reaktionen nicht entmutigen zu lassen, sowie den Wunsch, den Austausch mit Forschenden und Dozierenden zu suchen sowie bei ihren Diskussionen und Forderungen auch an die Menschen zu denken, die keinen Zugang zu Hochschulbildung haben.

(Gegenwärtig haben über 200 Lehrende und Forschende die Erklärung unterzeichnet. Anm. der Redaktion)

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