Ein Irrweg von Potsdam nach Moskau

Karin Vogt
aus Debatte Nummer 2 – August 2007
Die „gläubige Kommunistin“ M. Buber-Neumann wurde 1937, nachdem ihr Mann in Moskau in Ungnade gefallen und hingerichtet worden war, im Gulag gefangen gehalten. Nach dem Hitler-Stalin-Pakt wurde sie an die Gestapo ausgeliefert und überlebte den Krieg in einem Konzentrationslager. Sie hat ein Buch über diese Erfahrungen geschrieben. Ein trauriges Schicksal, in dem auch die Unmenschlichkeit des stalinistischen Regimes zum Ausdruck kommt.

Die Margarete Buber-Neumann hat überlebt, ihre Erfahrungen niedergeschrieben und in Vorträgen mitgeteilt. Ihr tragisches Schicksal ist von Interesse für die Perspektive des Kommunismus oder Sozialismus heute, selbst wenn sich Margarete Buber-Neumann auf Grund dieser Brüche von ihrem Engagement – sie bezeichnete sich in der Rückschau als „gläubige Kommunistin“ – lossagte und nach dem Zweiten Weltkrieg Freiheit und Demokratie nur noch mit dem westlichen Kapitalismus identifizieren konnte.

„Nach Mitternacht pflegten die schweren Schritte zu kommen.“

Revolutionäre Zeiten in Deutschland

Ihre Lebensgeschichte spielt sich in einer geschichtlich einschneidenden Zeit ab, sie erlebt als junger Mensch die deutsche Revolution, später die Machtergreifung Hitlers, Emigration, dann Deportation innerhalb der Sowjetunion und schliesslich das KZ-Regime der Nazis. Obwohl sie in den Zusammenhängen der Kommunistischen Partei Deutschlands, der KPD, immer nur als Anhängsel ihres Ehemanns Heinz Neumanns galt und entsprechend abgeschirmt wurde von Informationen, ist gerade ihre Schilderung des Bewusstseinsprozesses ergreifend, durch den sie nach und nach die menschenverachtende Politik stalinistischer Prägung wahrnimmt, die sie letztlich ins KZ führt.

Ihre Aufzeichnungen sind von eigenartiger Besonnenheit und nicht im Stil von Hetzschriften gegen den „Kommunismus“ gehalten. Dennoch wurde Margarete Buber-Neumann immer wieder als Lügnerin attackiert. Sie erwähnt einen Vortrag, den sie anfangs der 1950er Jahre in Zürich gehalten hat: Es brach ein Saalschlacht aus, ihre Gegner wollten ihre „Anhänger“ in die Limmat werfen. Der Vorwärts, die Zeitung der Partei der Arbeit, beschimpfte sie als “alte Trotzkistin und amerikanische Agentin”, wie der Historiker Peter Huber in seinem Buch “Stalins Schatten in die Schweiz” notiert.

Parteifunktionärin der KPD

Margarete Buber-Neumann ist 1901 in Potsdam geboren, ihr Vater ist ein Bauernsohn, der sich durch „Arbeit und Disziplin“ zum Brauereidirektor hochgearbeitet hat; sie erinnert sich an seine Kriegsbegeisterung 1914. Ihre Mutter dagegen, ebenfalls bäuerlicher Herkunft, hält Militärparaden für „lächerliches Theater“ und nennt den Kaiser einen „grössenwahnsinnigen Säbelrassler“. Ein Onkel mütterlicherseits sympathisiert schon früh mit sozialistischen Ideen.

Über die Beteiligung an der Jugendbewegung kommt Margarete Buber- Neumann in Kontakt mit sozialistischen Ideen. 1926 tritt sie der KPD bei, ab 1928 arbeitet sie als Redaktorin für die KPD-Zeitschrift Internationale Pressekorrespondenz (Inprekorr) in Berlin. Wegen ihres politischen Engagements verliert sie das Sorgerecht für ihre zwei Kinder aus der bald geschiedenen Ehe mit Rafael Buber, dem Sohn des jüdischen Philosophen Martin Buber. Während ihrer Arbeit in der Parteizentrale in Berlin, wo sich auch die Büros der Inprekorr befinden, lernt sie Heinz Neumann kennen, der 1929 bis 1932 zum Führungstrio der KPD gehört, zusammen mit Ernst Thälmann und Hermann Remmele. Heinz Neumann gilt damals als Günstling Stalins, bevor er 1932 als Sekretär abgesetzt und nach und nach politisch abgesägt und kaltgestellt wird, bis hin zu seiner Verhaftung und Hinrichtung durch das Sowjetregime 1937.

Die Sozialfaschismusthese

Gründe für die Absetzung Heinz Neumanns waren unter anderem Differenzen mit Moskau betreffend die Deutschlandpolitik der Kommunistischen Internationale. Der aufkommende Nationalsozialismus sollte der ArbeiterInnenbewegung in Deutschland einen vernichtenden Schlag zufügen, wie die Geschichte gezeigt hat. Die Einheitsfront, das Zusammengehen der kommunistischen und nicht – kommunistischen Teile der ArbeiterInnenbewegung zur Bekämpfung des Faschismus, wurde jedoch erst 1935 von Stalin verordnet. Davor galt die von Moskau vorgegebene Sozialfaschismusthese, nach der im Deutschland der frühen 1930er Jahre die Sozialdemokratie der Hauptfeind der Kommunisten sei. Es ist heute unbestritten, dass diese Sozialfaschismusthese durch die Feindschaft zwischen SPD und KPD den Nationalsozialisten die Machtübernahme erleichterte.

Wie Peter Huber schreibt, hat Heinz Neumann zwischen 1929 und 1932 den Apparat der KPD unzimperlich von nicht linientreuen Genossen „gereinigt“. Er gerät selbst in Ungnade, wegen seiner Kritik, Stalin würde die Gefahr einer Machtübernahme der Nationalsozialisten unterschätzen.

Margarete Buber-Neumanns Schicksal ist fest an den Werdegang Heinz Neumanns geknüpft. Sie wird mit ihm nach Moskau berufen, dann für eine Mission nach Spanien geschickt und schliesslich zurückgerufen. Ihr Weg nach der Emigration aus Deutschland infolge der Machtergreifung Hitlers 1933 beinhaltet auch einen Aufenthalt in der Schweiz. Der Wechsel zwischen Absägen, Verleumden, Hinhalten und Demütigen seitens der Organe der Komintern treibt Heinz Neumann schliesslich dazu, 1935 der verhängnisvollen Aufforderung Folge zu leisten, nach Moskau zu reisen. Er hat vor, die falschen Anschuldigungen gegen ihn zu berichtigen. Seine Treue zur Sache des Kommunismus sucht er wie viele andere unter Beweis zu stellen, indem er mit als Verrätern gebrandmarkten Genossen besonders hart abrechnet.

Im Hotel Lux

Margarete Buber-Neumann und Heinz Neumann leben ab 1935 im Moskauer Hotel Lux, wo in den frühen Jahren der Sowjetunion führende politische Emigranten einquartiert wurden. Dort geraten sie – im Klima der aufkommenden stalinistischen Säuberungen – mehr und mehr in die Isolation. „Nach Mitternacht pflegten die schweren Schritte zu kommen. Aus dem Zimmer von gegenüber hatten sie einen Bulgaren geholt, aus dem Stockwerk unter uns einen Polen. Wenn ich am Tage durch die Gänge des ‘Lux’ ging, musterte ich scheu die Türen, ob wieder irgendwo eine von der NKWD versiegelt worden war“, schreibt Margarete Buber-Neumann über die gespenstigen Verhaftungen im Hotel Lux durch das Volkskommissariat des Inneren (NKWD). Sie und Heinz Neumann leben in dieser Zeit von Übersetzungsarbeiten. Eines Tages wird ihnen ein unfangreiches Manuskript zur Übersetzung ins Deutsche übergeben: Das Protokoll des ersten Moskauer Schauprozesses, im August 1936 gegen Sinowjew, Kamenew und weitere Angeklagte durchgeführt.

Kurz danach wird ein Freund, Heinrich Süsskind, im Hotel Lux verhaftet. „Es ist eine der seltsamsten menschlichen Eigenschaften, dass wir erst dann eine Gefahr wirklich erfassen, wenn das Unheil einen nahen Freund ereilt. Dabei hatten wir als Übersetzer doch soeben den Schauprozess gegen Sinowjew und Kamenew miterlebt und hörten jeden Tag von immer neuen Verhaftungen! Natürlich jagte der Gedanke an diese Ungeheuerlichkeiten mir Schauer über den Rücken, aber trotzdem war dieser Schrecken unpersönlich geblieben, ein abstrakter Schrecken, der mich zwar lähmte und aus der Fassung brachte, den ich aber noch nicht vollends in die Wirklichkeit meines Lebens einzubeziehen vermochte.“ Für Heinz Neumann, der wenige Monate später selbst verhaftet und erschossen wird, ist die Verhaftung Süsskinds der Schock, der ihn endlich feststellen lässt: „Nun ist für mich der letzte Zweifel beseitigt, jetzt weiss ich, dass sie Unschuldige verhaften“.

Vom Gulag ins Konzentrationslager

Im gleichen Jahr – 1937 – wird Margarete Buber-Neumann vom NKWD verhaftet und landet etwas später im sowjetischen Gulag. 1940 liefert sie Stalin an Hitler aus, sie überlebt bis 1945 im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Dass eine, die ihr Leben für den Kommunismus sowjetischer Prägung gegeben hat und „geopfert“ wurde, wieder aufsteht und von ihren Erfahrungen berichtet, zeugt von beachtlicher Kraft und Aufrichtigkeit. Dass sie im einzelnen schildert, wie lange sie aufkommende Zweifel an der Richtigkeit der stalinschen Politik unterdrückte, zeigt eine grosse Bereitschaft, aus der eigenen Geschichte zu lernen. Dieselbe Bereitschaft ist der Linken zu wünschen, sofern sie eine neue, glaubwürdige Perspektive für den Sozialismus, den Kommunismus entwickeln will.

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