Editorial aus Debatte Nummer 15 – Winter 2010

«Wenn diese Streiks weitergehen, wird China kommunistisch werden», liess der konservative Wirtschaftsnachrichtensender Bloomberg im Juni dieses Jahres verlauten. Bei genauerer Betrachtung der wirtschaftlichen und politischen Situation Chinas wird klar, dass diese Einschätzung wohl etwas zu optimistisch war. Vorläufig.

Und doch ist die Streikwelle, die sich, ausgehend von einem kleinen und anfangs wenig erfolgreichen Streik in einer chinesischen Autofabrik ausbreitete, sehr beeindruckend. Die Lage der chinesischen Lohnabhängigen ist schwierig. Der autoritäre und arbeiterfeindliche Staatsapparat geht mit grosser Härte gegen Widerstandsbewegungen der Arbeiter_innen vor, der All-Chinesische Gewerkschaftsbund (ACGB) steht hinter Partei und Staat und versucht im Wesentlichen die Selbstorganisation der Lohnabhängigen zu verhindern. Trotzdem gelingt es den chinesischen Lohnabhängigen immer besser, sich mittels moderner Kommunikationstechnologien und dank zahlreicher Basisaktivist_innen und Organisationen zu wehren und Verbesserungen ihrer Arbeitsbedingungen zu erreichen. Die «neue» Arbeiterklasse Chinas ist nicht nur dezentral und von den Apparaten unabhängig organisiert, sie ist auch durch eine zunehmende Feminisierung geprägt: Die Millionen Wanderarbeiterinnen, die in Chinas Fabriken täglich bis zu 14 Stunden Schwerstarbeit verrichten, spielen bei der neuen Protestbewegung eine zentrale Rolle.

Auch deswegen lohnt es sich, die derzeitigen Auseinandersetzungen des bevölkerungsreichsten Landes der Erde genauer unter die Lupe zu nehmen. Das Autorenkollektiv des neuen Buches «Aufbruch der zweiten Generation. Wanderarbeit, Gender und Klassenzusammensetzung in China» leistet einen wertvollen Beitrag dazu.

Doch auch in Europa haben in diesem Jahr Kämpfe grossen Ausmasses stattgefunden. Vor allem die französischen Lohnabhängigen haben die Regierung mit ihren Protesten gegen die Rentenreform herausgefordert. Die Lehren aus dieser Mobilisierung sind noch zu ziehen, sicherlich aber für ganz Europa von grosser Bedeutung.

Die Redaktion

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