Die USA von unten

Peter Streckeisen
aus Debatte Nummer 4 – März 2008
Geschichte und soziale Realität der USA werden in der Show des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Die Bücher von Howard Zinn und Barbara Ehrenreich werfen interessante Blicke hinter diese Fassade.

Hand aufs Herz: Als europäische Linke wissen wir nicht allzu viel über die USA, obwohl sie in unserem politischen Koordinatensystem zentral sind. Wir sind überzeugt, dass es sich um eine imperialistische Macht und ein brutales Gesellschaftssystem handelt. Aber wie sehen die Geschichte und das soziale Innenleben des «Ungeheuers» wirklich aus?

Der US-Wahlkampf – bei dem es um die Frage geht, welches Mitglied des Establishments in den nächsten vier Jahren das amerikanische Volk «ver-und zertreten» (Marx) darf – bietet Anlass, um solchen Fragen nachzugehen. Dafür sind 2 Bücher zu empfehlen, die den Standpunkt der Eliten verlassen und aus einer Perspektive von unten geschrieben sind.

Unknown

Eine blutige Geschichte

Howard Zinns People’s history of the United States räumt mit dem Mythos einer Geschichte von «grossen Männern» auf, die für die Ideale der Demokratie gekämpft hätten, um jenseits des Atlantiks ein neues «Reich der Freiheit» zu errichten. Von der Vertreibung der Indianer über das Sklavereigeschäft und die brutale Zerschlagung der Arbeiterbewegungen bis zur imperialistischen Expansion zeichnet er nach, wie die Geschichte des Landes stets durch Kämpfe zwischen Herrschenden und Beherrschten geprägt war, während die offizielle Geschichtsschreibung das Bild einer nationalen Gemeinschaft mit gemeinsamen Werten beschwört. «In einer solchen Welt der Konflikte, einer Welt von Opfern und Henkern», hält Zinn mit Bezug auf Camus fest, «ist es die Aufgabe der denkenden Menschen, nicht auf der Seite der Henker zu stehen.» Er kratzt an der Aura der USA als Macht für Freiheit und Demokratie, wenn er nüchtern analysiert, dass sowohl der als «amerikanische Revolution» gefeierte Unabhängigkeitskrieg (nach 1776) als auch der zur «Befreiung der Schwarzen» verklärte Sezessionskrieg (1865) für wohl verstandene Geschäftsinteressen ausgetragen wurden. Er zeigt aber auch, dass es in den USA eine lange Tradition von Kämpfen gibt, die trotz der brutalen Repression nie vollständig abriss: Vom Widerstand der Indianer bis zu den Protesten gegen den «Krieg gegen den Terrorismus» durchzieht dieses Buch ein roter Faden der Hoffnung, den Howard Zinn nie aus den Augen verliert.

Unknown

Wenn der Lohn nicht zum Leben reicht

Barbara Ehrenreichs Nickel and Dimed zeichnet ein eindrückliches Bild der sozialen Lage von Menschen in den USA, die zu wenig verdienen, um grundlegende Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Um das Buch zu schreiben, hat sie einige Monate am eigenen Leib Erfahrungen im Niedriglohnsektor gesammelt: Sie arbeitete als Kellnerin in Florida, als Putzfrau in Maine und als Supermarktverkäuferin in Minnesota. Bei allen 3 Einsätzen stellte Ehrenreich fest, dass ihr am Monatsende das Geld nicht reichte und sie von der Arbeit so zermürbt war, dass sie die Stelle verliess. Insbesondere das Missverhältnis zwischen tiefen Löhnen und hohen Mietkosten erwies sich als Problem, mit dem Working Poor unablässig kämpfen müssen. Dies schlägt sich in dauerhaften Mangelerscheinungen – wie schlechter Ernährung (Doritos und Hot Dogs) und miserablen Wohnverhältnissen (in Wohnwagen, Autos, auf dem Sofa bei Bekannten) – nieder. Scharfsinnig analysiert Ehrenreich auch das Betriebsregime, dem die Beschäftigten im Niedriglohnsektor unterworfen sind. Von Einschüchterungsstrategien beim Einstellungstest über Mobbing durch Vorgesetzte bis zu Vereinnahmungsversuchen durch die Verbreitung einer «Unternehmenskultur» herrschen am Arbeitsplatz Verhältnisse vor, die jeder Vorstellung von Freiheit und Demokratie spotten und die Würde der Lohnabhängigen permanent angreifen.

Angaben zu den Lesetipps

Howard Zinn: Eine Geschichte des amerikanischen Volkes. Schwarzerfreitag, Berlin, 2007. 689 Seiten (auch in 8 Einzelbänden erhältlich).

Barbara Ehrenreich: Arbeit poor. Unterwegs in der Dienstleistungsgesellschaft. Kunstmann, München,
2001. 255 Seiten.

Dieser Beitrag wurde unter Debatte Nr. 04, International, Kultur veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *