Die Stimme der Rechtlosen

Sarah Schilliger
aus Debatte Nummer 8 – März 2009
Mit engagierten Song-Texten und in einer gelungenen Mischung aus Roots-Reggae, afrikanischem Folk und Pop kämpft Tiken Jah Fakoly gegen die herrschenden Missstände in Afrika und die neokoloniale Politik Frankreichs an.

«Wisst ihr eigentlich, dass ein paar Meter weit entfernt von hier, am Zürcher Paradeplatz, die gestohlenen Millionen unserer korrupten Herrscher in Afrika auf den Konten eurer Banken liegen?» So begrüsste Tiken Jah Fakoly, Reggae-Musiker von der Elfenbeinküste, die BesucherInnen seines Konzerts vor gut drei Jahren im Zürcher Kaufleuten. Das Echo auf sein Begrüssungsvotum war gering, das Kaufleuten-Publikum vielleicht nicht grad das politisierteste…

Die Kolonisation Afrikas geht weiter

Tiken Jah Fakoly, geb. Moussa Doumbia, hat sich mit seiner Musik inzwischen zum Staatsfeind in seiner Heimat gemacht – seit 2003 lebt er im Exil in Mali, um der zunehmenden politischen Repression zu entfliehen. Seine Songtexte, mal in Französisch, mal in Dioula (die am weitesten verbreitete Sprache der Elfenbeinküste), machten ihn bei den Herrschenden unbeliebt. 1996 greift er mit seinem Album «Mangercratie» das damalige Regime unter Henri Bédié an, das die Elfenbeinküste unter einem demokratischen Deckmäntelchen ausplünderte, während die Bevölkerung Hunger litt. 2002 folgt die Platte «Françafrique», mit der er auf die fortwährende Kolonisation Afrikas aufmerksam macht: «Die Realität sieht doch so aus, dass die Kolonialisten niemals gegangen sind. Es gab die Sklaverei – wir haben die Sklaverei bekämpft. Nachdem sie gesehen haben, dass sie den Kampf verloren hatten, begannen sie mit der Kolonialisierung. Als sie auch diesen Kampf verloren hatten, begannen sie (Wirtschafts-) Allianzen zu bilden. Die Kolonialisten sind zwar am Tag gegangen, aber über Nacht waren sie schon wieder da!»

Die Ausbeutung werde mit grossem Zynismus betrieben – Tiken Jah singt von «blaguer tuer» (Witze machen und töten):

La politique Françafrique
C’est du blaguer tuer
Blaguer tuer

Ils nous vendent des armes
Pendant que nous nous battons
Ils pillent nos richesses
Et se disent être surpris de voir l’Afrique toujours en guerre…

Erst verkaufe man Afrika Waffen und plündere den Reichtum, um sich dann angeblich darüber zu wundern, dass mit diesen Waffen in Afrika Bürgerkriege geführt werden.

Öffnet die Grenzen!

«Qu’est-ce qu’il nous reste quand on a les mains vides – was bleibt uns, wenn wir nun mit leeren Händen da stehen?» fragt Tiken Jah in seinem aktuellen Album «L’Africain». In «Où aller, où?» – wohin gehen, wenn man denn könnte? – schildert er die Migration in Richtung Norden als letzte Hoffnung der Verzweifelten, weist dann aber sogleich in «Ouvrez les frontières» auf die Festung Europa hin und schildert in «Africain à Paris» das prekäre Leben ohne Papiere in Paris. Tiken Jah, der den Rechtlosen eine Stimme geben möchte, singt von den Wünschen und Hoffnungen unzähliger Afrikaner- Innen, die durch die aktuelle Migrationspolitik unerfüllt bleiben: «Wir möchten die Möglichkeit haben zu studieren, zu sehen, wie sich unsere Träume verwirklichen, wir wollen einen guten Beruf, möchten reisen, kennenlernen, was ihr Freiheit nennt. Wir wollen, dass es unseren Familien an nichts fehlt, wir wollen ein Leben, in dem man so viel essen kann, wie man Hunger hat. Wir wollen dieses tägliche Elend hinter uns lassen, für et- was Besseres.» Zweifellos liegt die Sprengkraft seiner Musik in den klaren Worten. Aber auch ohne alles zu verstehen, groovt seine Musik vom ersten bis zum letzten Track. Ticken Jah sucht mit Hip-Hop-Einflüssen die Nähe zur urbanen Gegenwart, knüpft aber gleichzeitig mit Instrumenten wie der Kora an Traditionen seiner Heimat an. Das gefällt definitiv auch Nicht-Reggae-Fans!

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