Die Schweinegrippe – Bedrohung oder Geschäft?

Thadeus Pato
aus Debatte Nummer 10 – Oktober 2009
Würde man die Gefährlichkeit der neuen Grippevirusvariante H1N1 an dem Aufwand messen, der zu ihrer Untersuchung und Bekämpfung betrieben wird, dann müsste es sich eigentlich um eine Erkrankung handeln, die in der Lage wäre, ganze Landstriche zu entvölkern. Aber das ist blanker Unsinn.

Grippeepidemien, das heisst das massenhafte Auftreten von grippeartigen Erkrankungen, gibt es seit mindestens hundert Jahren – wahrscheinlich aber seit es den Menschen gibt. Dabei handelt es sich um Erkrankungszustände mit plötzlich einsetzendem hohen Fieber, Husten, Schnupfen und Gliederschmerzen. Genau genommen ist die „Grippe“ keine exakt definierte Krankheit, sondern eine Sammelbezeichnung. Nur etwa sieben Prozent der Influenzafälle werden tatsächlich von Influenza- Viren wie den bisher gängigen Varianten oder der die derzeitige Hysterie produzierenden Variante ausgelöst. Die restlichen 93 Prozent stammen von mehr als 200 verschiedenen anderen Erregern, z.B. den sogenannten Rhinoviren, von denen einige den „echten“ Grippeviren in der Gefährlichkeit um nichts nachstehen. Folglich kann man auch gar nicht exakt sagen, wie viele der geschätzten 10 000 bis 30 000 Todesfälle, die die jährlich wiederkehrenden Grippewellen z.B. in Deutschland fordern, auf welche Virenstämme zurückzuführen sind.

Plakat einer Protestwoche gegen die AIDS-Politik von Roche.

Dabei ist die Sterblichkeit, gemessen an der Zahl der Erkrankten, eher niedrig. Hinzukommt, dass die Grippe eine wirkliche Bedrohung eigentlich nur für abwehrgeschwächte Menschen darstellt, z.B. chronisch Kranke, die mit Immunsuppressiva behandelt werden, sehr Alte oder an Mangelerkrankungen Leidende. Ausserdem ist seit dem Zweiten Weltkrieg die sogenannte Grippesterblichkeit stupend zurückgegangen und beträgt heute nur noch einen Bruchteil derer beispielsweise der Grippepandemie von 1918/1919.

Der jetzt neu entdeckte Virustyp, der unter dem bedrohlich klingenden Namen „Schweinegrippe“ die derzeitige Hysterie ausgelöst hat, unterscheidet sich in seinem Verhalten – Infektiosität, Kontagiosität, Erkrankungsverlauf und Sterblichkeit – nach allen bisher vorliegenden epidemiologischen Daten nicht wesentlich von den bisher bekannten Varianten. Er ist mitnichten gefährlicher.

Trotzdem hat die Weltgesundheitsorganisation vor kurzem Pandemiealarm ausgelöst. Warum?

Eine wirkliche Pandemie?

Tom Jefferson, ein renommierter britischer Grippeexperte der industrieunabhängigen Cochrane Collaboration, aus dessen 15-jähriger Forschungsarbeit auch ein Teil der eben zitierten Erkenntnisse stammt, hat vor kurzem in einem Interview für die deutsche Wochengazette Der Spiegel darauf hingewiesen, dass dieser Alarm der WHO eine Merkwürdigkeit aufweist: Nach der bisherigen Definition des Begriffes Pandemie, von der WHO selbst seinerzeit aufgestellt, wäre für die Ausrufung einer Pandemie erforderlich, dass es sich dabei um eine weltweit in bestimmtem Ausmass auftretende Erkrankung mit hoher Sterblichkeit handeln muss. Das ist allerdings bei der Schweinegrippe zweifelsfrei nicht so. Um trotzdem die Pandemie ausrufen zu können, hat die WHO Anfang Mai schlicht und ergreifend ihre Definition geändert – das Kriterium der hohen Sterblichkeit wurde kommentarlos gestrichen.

Jefferson äusserte sich dazu sehr eindeutig: „Manchmal kommt es mir vor, als hätten die WHO, Virologen und Pharmaindustrie geradezu Sehnsucht nach einer Pandemie gehabt.“

Warum also die Aufregung?

In einer kapitalistischen Gesellschaft ist es am einfachsten, zunächst einmal die Frage zu stellen, wem ein solcher Hype, wie er derzeit entstanden ist, eigentlich nutzt.

Die Argumentation der WHO besagt, dass im „Worst case“ das neue Virus die hohe Ansteckbarkeit der „herkömmlichen“ Influenza mit der Aggressivität der Vogelgrippe kombinieren und somit eine weit höhere Sterblichkeit aufweisen könne als die bisherigen Formen. Das allerdings hat sich nicht bestätigt, wie wir soeben gezeigt haben. Hinzu kommt, dass bisher nicht bewiesen ist, dass der jetzt in Produktion befindliche Impfstoff überhaupt wirkt. Von den bisher verwendeten Impfstoffen gegen die herkömmliche Influenza weiss man, dass sie ausgerechnet bei den sogenannten Risikogruppen, nämlich Kindern und Alten, schlecht bis gar nicht schützen.

Novartis Campus in Basel.

Aber es gibt ja ausser den PatientInnen auch noch andere Nutzniesser: Für die Impfstoffindustrie, die in solchen Fällen direkt mit den staatlichen Gesundheitsdiensten zusammenarbeitet, ist eine Pandemie ein gigantisches Geschäft, schon die Drohung genügt, um den Absatz von Grippemitteln wie den von Impfstoffen (die derzeit mit Hochdruck entwickelt werden) explodieren zu lassen. Die Industrie hat jedes Interesse daran, die Hysterie zu schüren. Das ist ihr bereits einmal gelungen: 1976 kam es zu einem lokalen Ausbruch einer neuen Virusvariante bei US-Soldaten in Fort Dix, New Jersey. Die Gesundheitsbehörden der Vereinigten Staaten starteten ein Impfstoffproduktionsprogramm und eine öffentliche Kampagne, bis Mitte Dezember 1976 waren 40 Millionen US-Amerikaner geimpft – damals die grösste Impfkampagne der Geschichte. Anschliessend wurde bekannt, dass einige Geimpfte ein so genanntes Guillain-Barré-Syndrom entwickelt hatten. Für diese Erkrankung, bei der es sich um ein Autoimmunphänomen handelt, bei dem der Körper Antikörper gegen die eigenen Nervenzellen entwickelt, werden auch Impfstoffe verantwortlich gemacht, in den fünfziger Jahren wurde in den USA ein Impfstoff deswegen vom Markt genommen.

Jetzt ist geplant, dass schon nur in den USA 160 Millionen und in Deutschland 50 Millionen Menschen geimpft werden sollen – ein Milliardengeschäft, die Impfstoffe sind schon bestellt.

Auch für die Produzenten von antiviralen Medikamenten wie Oseltamivir ist eine Pandemie, ob sie nun eintritt oder nicht, ein gigantisches Geschäft. Dabei sollten die Mittel eigentlich sehr differenziert eingesetzt werden: Zum einen ist die Gefahr der Resistenzentwicklung hoch. Aus den vorläufigen Daten zur Grippesaison 2008/2009 zogen Forscher in den USA den Schluss, dass etwa 98% der von ihnen isolierten A/H1N1-Virusproben gegen Oseltamivir (Handelsname: Tamiflu) resistent waren. Auch Daten der WHO von März 2009 bestätigen bei 1291 von 1362 Proben aus 30 Ländern die hohe Resistenzbildung gegen Grippemittel in der Grippesaison 2008/2009. Hinzukommt, dass es sich bei den so genannten Virustatika um keine harmlosen Mittel handelt. Oseltamivir (Tamiflu) hat bei Kindern möglicherweise Bewusstseinsstörungen und Wahnvorstellungen zur Folge. Nach der Prüfung von mehr als 100 Fällen von abnormem Verhalten, darunter drei mit tödlichen Folgen, sprachen sich Gesundheitsexperten in den USA dafür aus, auf der Verpackung die Überwachung von Tamiflu-Patienten zu empfehlen. Ausserdem geht aus den Untersuchungen des oben zitierten Epidemiologen Jefferson hervor, dass Tamiflu allenfalls in der Lage ist – wenn es denn wirkt – die Erkrankungsdauer um einen Tag (!) zu verkürzen….

Die Botschaft der Pharmaindustrie kommt an.

Bei einer Grippe-Pandemie handelt es sich um ein Geschehen, das auch die Länder des Nordens unmittelbar betrifft und nicht nur gesundheitliche, sondern durch den entsprechenden temporären massenhaften Ausfall von Arbeitskräften auch erhebliche ökonomische Folgen haben kann. Es handelt sich um eine Krankheit, die nicht daran denkt, sich auf die Länder des Südens zu beschränken…

Daneben kommt natürlich in der derzeitigen politischen und ökonomischen Situation den Politikern ein Thema sehr gelegen, das von der desolaten Gesamtsituation ablenkt und bei dem man sich als handlungsfähig präsentieren kann; und die einschlägigen Professionellen in den Forschungseinrichtungen sind ebenfalls dankbar für die plötzlich reichlich sprudelnden Mittel. Nun muss man daran erinnern, dass jedes Jahr Millionen von Menschen nicht nur an Hunger, sondern auch an banalen, gut behandelbaren Erkrankungen sterben – allerdings nicht in den imperialistischen Metropolen, sondern in der Peripherie. Dass für die drohende Grippepandemie bereits nach wenigen Erkrankungsfällen Millionensummen ausgegeben und weltweite Programme angeschoben werden, zeigt den dieser Art von Gesundheits- und Gesellschaftspolitik innewohnenden Rassismus. Wenn jedes Jahr weltweit mindestens 1,6 bis 3 Millionen Menschen an Tuberkulose, und 1,5 bis 2,7 Millionen an Malaria sterben – an Krankheiten also, die gut behandel- und verhinderbar wären – von den 8,8 Millionen, die jährlich Hungers sterben, ganz zu schweigen, dann gibt es keine gigantischen Sofortprogramme, keine Vorratshaltung an Medikamenten, keine kostenlosen Massenimpfungen, keine Forschungsgelder in annähernd vergleichbarer Höhe. Aber an den Leuten ist ja auch nichts zu verdienen.

Roche plant 2 Milliarden Umsatz mit Tamiflu
Das antivirale Medikament Tamiflu wurde vom Schweizer Pharma- und Diagnostikkonzern Roche mit Sitz in Basel entwickelt. Roche erzielte im ersten Quartal 2009 einen Umsatz von 11,58 Milliarden Franken, was einer Steigerung der Umsatzzahlen um 8% gegenüber der Vorjahresperiode entspricht. Der Konzern produziert derzeit monatlich rund 33 Millionen Packungen des Grippemittels Tamiflu. Der Umsatz für Tamiflu wird in diesem Jahr gemäss Angaben von Roche bei 2 Milliarden Franken liegen. Pharmachef William M. Burns gibt zwar zu, dass die Grippe „nicht so tödlich sei wie ursprünglich angenommen“. Bisher hätten dennoch 96 Regierungen mehr als 270 Millionen Behandlungseinheiten bezogen, wie der Tagesanzeiger vom 7. September vermeldete. – Vor einigen Jahren waren sowohl Roche als auch Novartis, zwei Schweizer Pharmagiganten, an einer Klage gegen die Regierung Südafrikas beteiligt. Die Klage richtete sich gegen die revidierte Gesetzgebung des Landes , wel che in sbesondere AIDSMedikamente günstiger und somit zugänglicher machte. In einem offenen Brief unter Federführung der Erklärung von Bern richteten Nichtregierungsorganisationen an die beiden Konzerne folgende Kritik: „Wir finden es schockierend , dass Hoffmann-La Roche und Novartis dem Schutz der Gewinnmargen und Patente höhere Priorität einräumen als der Gesundheit und dem Überleben von Millionen von Menschen.“ (Red.)

Grippeimpfstoff-Hersteller Novartis
In der Schweiz haben die Behörden bei Novartis und Glaxo-SmithKline 13 Millionen Impfdosen gegen das Virus H1N1 gekauft. Glaxo-SmithKline meldet für 2008 einen Umsatz von 38 Milliarden Franken, während der Schweizer Konzern Novartis, der seinen Hauptsitz in Basel hat, 2008 über 44 Milliarden Franken Umsatz erzielte. Auf ihrer Webseite zu sozialer Unternehmensverantwortung hält Novartis fest: „Wir befürworten das Recht auf Gesundheit und streben danach, allen Patienten zu dienen“ (We endorse the right to health and aspire to serve alle patients). Ob dies nicht nur bei guten Geschäften mit zahlungskräftigen Regierungen wie im Fall von H1N1, sondern auch bei Patienten gilt, die nicht wirklich solvent sind? Eben hat der Basler Pharmakonzern den vierten Anlauf zur Bekämpfung einer Bestimmung der indischen Gesetzgebung genommen. Novartis beansprucht für ihr Krebsmedikament Glivec ® Patentschutz. Gemäss indischem Gesetz muss eine verbesserte Wirkung nachgewiesen werden, bevor ein neues Patent erteilt wird. Etwa 20‘000 indische PatientInnen, die von einer Form von Blutkrebs betroffen sind, greifen auf ein Generika zurück, das bis zu 15 mal billiger ist als die Behandlung mit Glivec®, die rund 30‘000 Franken pro Jahr kostet. Novartis will die Gesetzes-bestimmung , die solches erlaubt, aushebeln. Wohl im Sinne des „Rechts auf Gesundheit“ und um „allen Patienten zu dienen“? (Red.)

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