Die Rückkehr der Dienstmädchen

Sarah Schilliger
aus Debatte Nummer 6 – September 2008
Die Debatte um die «Vereinbarkeit von Familie und Beruf» deutet darauf hin, dass die Frage nach der Verteilung der «häuslichen Arbeit» ungelöst bleibt. Als «Notlösung» wird die Haus- und Betreuungsarbeit zunehmend in prekäre Lohnarbeit umgewandelt. Der Privathaushalt wird zum Weltmarkt für ausländische Arbeitskräfte.

«Das Private ist politisch!» lautete die Kampfansage der 68er Bewegung gegen die erstarrten patriarchalen Machtverhältnisse. Dies hiess nicht etwa, für den permanenten Beziehungskrach einzutreten, sondern ihn – ausgehend von den persönlichen Erfahrungen – öffentlich zu machen. Die Unterdrückung im Privatleben sollte nicht nur als privat begriffen werden, sondern als ökonomisch und politisch bedingt. In den 70er Jahren war die Diskussion um die Hausarbeit ein zentraler Bestandteil des politischen Kampfes wie auch der theoretischen Auseinandersetzungen der neuen Frauenbewegung. Frau trug die Politik in die Tiefen des Alltags: Die Reproduktionsarbeit1 wurde als Angelpunkt der Unterdrückung von Frauen und als Ausgangspunkt feministischer Politik begriffen. Fragen nach der von Frauen geleisteten bezahlten und unbezahlten Arbeit und ihrer Bedeutung für die Aufrechterhaltung der patriarchalen und kapitalistischen Ausbeutungsverhältnisse standen dabei im Zentrum. Auch stellte frau eine unmittelbare Verbindung zwischen ihrer Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt und der vorherrschenden Arbeitsteilung in der Familie her, indem sie aufzeigte, dass sich beide Aspekte gegenseitig bedingen und stabilisieren.

«Das Ende des bürgerlichen
‘Hausfrauenmodells’ bedeutet
bei weitem nicht ein Ende der
Haus(frauen)arbeit.»

Seither sind die Geschlechterverhältnisse in Bewegung gekommen – nicht zuletzt durch den Bedarf der Wirtschaft an weiblichen Arbeitskräften: Die Erwerbsquote von Frauen stieg in den letzten Jahrzehnten stetig an, inzwischen gehen 74% der Frauen einer bezahlten Arbeit nach.2 Das bürgerliche Ideal des Hausfrauenmodells scheint an Bedeutung verloren zu haben. Lebten 1970 noch rund drei Viertel aller Paarhaushalte mit Kindern unter sieben Jahren gemäss dem Modell eines Vollzeit erwerbstätigen Vaters und einer nicht erwerbstätigen Mutter, waren es 1990 noch gut 60% und im Jahr 2000 nur noch 37%. Das Nurhausfrauendasein ist längst nicht mehr das gesellschaftliche Leitbild, die geschlechtlichen Rollenbilder haben sich stark gewandelt: (Fast) niemand will die Frauen zurück an den Herd drängen.

Zementierte geschlechtliche Arbeitsteilung

Die Verteilung der Hausarbeit wird sich durch die höhere Erwerbstätigkeit der Frauen ausgleichen – dies hoffte vor 50 Jahren Iris von Roten in ihrem Buch «Frauen im Laufgitter» (1958). Hat sich diese Hoffnung bewahrheitet? Die Zahlen sind auch vier Jahrzehnte nach Beginn der neuen Frauenbewegung ernüchternd: Das Ende des bürgerlichen Hausfrauenmodells bedeutet bei weitem nicht ein Ende der Haus(frauen)arbeit. Bei einigen Paaren mag es durchaus zu grossen Umverteilungsprozessen der Arbeit zwischen den Geschlechtern gekommen sein. Für die grosse Masse gilt aber weiterhin, dass die Care-Tätigkeiten3 – die Sorge dafür, dass zu Hause alles läuft und weiterläuft – primär von Frauen erledigt werden; gratis, wenig anerkannt und meist unsichtbar. Bei 85% aller Paare übernimmt die Frau mehr als 60% der Care-Tätigkeiten. Eine partnerschaftliche Aufteilung wird nur in 11% der Haushalte praktiziert, wo sich beide zu mindestens 40% an der Hausund Familienarbeit beteiligen.4

Der Wandel der Geschlechterrollen ist also asymmetrisch verlaufen: Zwar sind die weiblichen Biographien vermehrt durch Erwerbsarbeit geprägt, umgekehrt haben bei den männlichen Biographien die Care-Tätigkeiten im Haushalt jedoch nur beschränkt an Bedeutung gewonnen. Als modernisierte Form der bürgerlichen Versorgerehe gilt die «Eineinhalb- Einkommen-Familie» – mit der Frau als Zuverdienerin und immer noch Hauptverantwortlichen für die Haus- und Familienarbeit. Die traditionelle Arbeitsteilung im Haushalt bleibt ein harter Kern der Geschlechterungleichheit und hat zudem weitreichende Konsequenzen auf die Situation der Frauen im Erwerbsleben.

Eine Frage des «Managements»?

Die Frage der «Vereinbarkeit» zwischen Familie und Beruf hat an politischer Relevanz gewonnen, nicht zuletzt durch die Interessen der Unternehmer an der «Humanressource Frau» und wegen des angeblichen «Gebärstreiks» gut qualifizierter Frauen.

Die «Lösungen» von Seiten der offiziellen Politik liegen jedoch nicht in Ansätzen wie einem massiven Ausbau des Service Public (z.B. im Bereich einer öffentlichen, kostenlosen Kinderbetreuung) oder in einer allgemeinen Arbeitszeitverkürzung, die für Verantwortung gegenüber Menschen, für Beziehungen, für Zeit zur individuellen Entwicklung gleichermassen Raum liesse wie für Erwerbsarbeit und schliesslich zu einer Umverteilung der Care-Tätigkeiten zwischen den Geschlechtern führen könnte. Das «Vereinbarkeitsproblem» wird vielmehr als ein individueller „Balanceakt zwischen Arbeit und Familie“ verhandelt, der wiederum vor allem den Frauen zugemutet wird. Eltern werden als individualisierte selbstverantwortliche Marktsubjekte angerufen, die selbst für die Gestaltung des Lebens und für dessen «Gelingen» verantwortlich sind – trotz einander widersprechender Anforderungen im Alltag und am Arbeitsplatz. Gefragt ist Eigenverantwortung, Selbstmanagement, «Fairplay at home» und eine individuelle «Aushandlung» mit dem Partner/der Partnerin und dem Arbeitgeber. Wer es nicht schafft, alles «unter einen Hut zu bringen», sollte halt mal sein/ihr «Zeitmanagement» überprüfen.

Oder sich eine «professionelle Haushaltshilfe» herbeiziehen. In finanziell privilegierten Haushalten wird verbreitet eine individuelle haushaltsinterne Lösungsstrategie angewendet: Auf die Versorgungslücke im Haushalt und die zunehmende «Zeitnot» wird mit der Anstellung einer bezahlten Hausarbeiterin geantwortet. Care-Tätigkeiten werden «outgesourced» und verwandeln sich damit in marktförmige Lohnarbeit. In den kapitalistischen Metropolen hat die Zahl der in Haushalten als Putzfrauen, Haushaltshilfen, Au-Pairs und Kindermädchen angestellten Frauen deutlich zugenommen – auch in der Schweiz: Laut der Gewerkschaft Unia dürfte sich die Beschäftigung in privaten Haushalten in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt haben und nach vorsichtigen Schätzungen um die 125‘000 Vollzeitstellen umfassen.

Prekäre Arbeit in der Schattenwirtschaft

Die wachsende Nachfrage nach Haushaltsdienstleistungen wird hauptsächlich auf einem informellen Markt befriedigt, auf dem teilweise quasi-feudale Bedingungen herrschen. Es sind vor allem Migrantinnen, häufig ohne Arbeitserlaubnis oder ohne legalen Aufenthaltstatus, die diese Arbeiten verrichten. Ihre Arbeits- und Lebensverhältnisse sind dementsprechend prekär (vgl. den Artikel von Maurizio Coppola in dieser Debatte- Nummer: «Du lebst wie ein Mensch zweiter Klasse»).

Helma Lutz spricht von einer «Rückkehr der Dienstmädchen».5 Die rechtliche Situation der Dienstbotinnen des 19. Jahrhunderts lässt sich tatsächlich mit der Lage heutiger migrantischer Hausarbeiterinnen vergleichen: War es früher die Gesindeordnung, die die Frauen der Willkür ihrer Arbeitgeber unterwarf, so gilt heute durch die restriktiven Zuwanderungs-gesetze, dass bei Konflikten die ArbeitgeberInnen mit Abschiebung drohen können. Anders sind heute Herkunft und Bildungshintergrund: Waren die Dienstmädchen im 19. Jahrhundert junge, ungebildete Frauen aus armen, kinderreichen Familien auf dem Land, welche die Zeit zwischen Schule und Hochzeit überbrückten, handelt es sich bei den «modernen Dienstmädchen» in der Schweiz hauptsächlich um Frauen aus Ländern in Lateinamerika oder Osteuropa, die oft schon eigene Kin-der haben. Nicht wenige Frauen, die sich als Putzfrau oder Kindermädchen bei uns verdingen, um ihre Familien in den Heimatländern zu ernähren, haben eine qualifizierte Ausbildung. In der Schweiz ist jedoch nicht ihre Berufsqualifikation gefragt, sondern eine andere Kapazität, die den Frauen «von Natur aus» qua Geschlecht zugeschrieben wird: die Fähigkeit zu putzen, bügeln, waschen, Kinder und ältere bedürftige Menschen zu pflegen und zu betreuen.

Globale Betreuungsketten

Maria S. Rerrich6 bezeichnet die migrantischen Haus-arbeiterinnen als «Bodenpersonal der Globalisierung»: Da sich die Kinderbetreuung, das Bügeln und Putzen nicht in Billiglohnländer «standortverlagern» lassen, werden auf dem Weltmarkt Billigarbeitskräfte angeworben. Das «Bodenpersonal» hinterlässt jedoch in seiner Heimat oft auch einen Haushalt und zum Teil eine Familie mit Kindern, die wiederum irgendwie versorgt werden muss, von Verwandten, Nachbarn oder von Frauen, die aus noch ärmeren Verhältnissen oder Ländern stammen. Auf diese Weise kommt es zu dem, was die amerikanische Soziologin Arlie Hochschild7 als «globale Betreuungsketten» bezeichnet, die analog zu globalen Produktionsketten entstehen und ganze Erdteile umspannen können: Ärmere Frauen betreuen die Kinder wohlhabenderer Frauen, während noch ärmere – oder ältere oder vom Land kommende – deren Kinder aufziehen. Diese Kette zeigt sich beispielsweise in Osteuropa, wo Ukrainerinnen die Kinder der Polinnen betreuen, die selber als Hausarbeiterinnen in Deutschland oder der Schweiz arbeiten. Hier wird deutlich, dass sich die Ausbeutungs- und Abhängigkeitsverhältnisse verschoben und zusehends globalisiert haben. Es entsteht ein Weltmarkt für weibliche Arbeitskräfte und eine neue globalisierte Organisation der Care- Tätigkeiten. Dabei bleibt die Hausarbeit unhinterfragt in Frauenhänden: Die Arbeit der Migrantinnen ersetzt die Arbeit anderer Frauen – womit sich die Zuteilung der Care-Tätigkeiten an Frauen auf globaler Ebene reproduziert.

Für eine erneute Politisierung der Hausarbeit!

Dieses «postfeministische Arrangement» der Ökonomisierung von Care- Tätigkeiten führt vielleicht dazu, dass sich in einigen gutverdienenden Haushalten auf individuelle Art das «Vereinbarkeitsproblem» und die Doppelbelastung der Frauen entschärft und Partnerschaftskonflikte über die innerhäusliche Arbeitsteilung umgangen werden können. Bei genauerem Hinsehen wird aber gleichzeitig deutlich, dass sich damit neue Hierarchien entlang ethnischer und klassenspezifischer Trennungslinien etablieren.

«Die Arbeit der Migrantinnen
ersetzt die Arbeit anderer Frauen
– womit sich die Zuteilung der
Hausarbeit an Frauen auf globaler
Ebene reproduziert.»

Für eine widerständige feministische Politik scheint es heute notwendig, den gesellschaftlichen Bereich der Haus- und Betreuungsarbeit (wieder) stärker zum Gegenstand politischer Auseinandersetzung und Gestaltung zu machen. Verschiedene Kämpfe von Hausarbeiterinnen und solidarischen Frauen in Europa, den USA, Südafrika oder Hongkong machen uns vor, wie dies geschehen könnte. Im europäischen Netzwerk «Respect» beispielsweise setzten sich Frauen ein für ein «Recht auf Rechte», für Arbeitsrechte unabhängig vom Aufenthaltsstatus, bessere Arbeitsverhältnisse im Privathaushalt und eine Legalisierung ihres Aufenthalts, aber auch gegen die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Unsichtbare machen sich sichtbar, beziehen sich auf den alten Slogan der Frauenbewegung – «das Private ist politisch!» – und weisen darauf hin, dass es sich bei der Auslagerung von Hausarbeit nicht um ein Problem von Frauen, sondern um eines der ganzen Gesellschaft und ihrer patriarchalen Strukturen handelt.

Nur die Schaffung von Rahmenbedingungen, die eine egalitäre Aufteilung der Haushalts- und Betreuungsarbeit zwischen den Geschlechtern auf globaler Ebene erlauben, verspricht eine Emanzipation vom «modernen Dienstbotenwesen».

1 Reproduktionsarbeit ist die Gesamtheit aller Tätigkeiten, die in der Familie und im Privathaushalt aufgewendet werden, um die langfristige physische und psychische Reproduktion der Menschen zu gewährleisten. Die Arbeit wird überwiegend unentgeltlich und mehrheitlich von Frauen verrichtet.

2 Die Schweiz hat damit nach Schweden (77%) die zweithöchste Frauenerwerbsquote in Europa – gleichzeitig aber auch eine sehr
hohe Teilzeitarbeitsquote (59%) (Bundesamt für Statistik 2008).

3 Tätigkeiten, deren Arbeitsgegenstand die menschliche Arbeitskraft und ihre Versorgung sind (sog. «Reproduktionsarbeit»), werden im Folgenden im Anschluss an aktuelle feministische Debatten in der CareÖkonomie
als Care-Tätigkeiten bezeichnet. Sie können unterschiedlich organisiert sein:
unbezahlt in Haushalten (nicht-marktförmig), staatlich (dekommodifiziert) oder als kommerzielle Dienstleistungen (kommodifiziert).

4 Strub, Silvia. «Er schafft, sie kocht»: So teilen sich (fast alle) Schweizer Paare die Arbeit, S. 286-317, in: FamPra.ch 2 (2006), Bern.

5 Lutz, Helma. Vom Weltmarkt in den Privathaushalt. Die neuen Dienstmädchen im Zeitalter der Globalisierung, Opladen 2007.
6 Rerrich, Maria S. Die ganze Welt zu Hause. Cosmomobile Putzfrauen in privaten Haushalten, Hamburg 2006.

7 Hochschild, Arlie Russell. Global Care Chains and Emotional Surplus Value, in: Tony Giddens and Will Hutton: On the Edge: Globalization and the New Millennium. London 2000.

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