Die Opfer des US-Imperialismus

David S.
aus Debatte Nummer 4 – März 2008
Vor fünf Jahren wurde der Irak von einer unter der Führung des USImperialismus stehenden «Koalition der Willigen» überfallen. Eine Studie des englischen Meinungsforschungsinstituts «Opinion Research Business» belegt nun: Auf Grund des Angriffskrieges und seiner direkten Folgen sind im Irak seit 2003 über eine Million Menschen ums Leben gekommen.

Mit dem Beginn des Krieges am 20. März 2003 wurden nicht nur die Befürchtungen der irakischen Bevölkerung, sondern auch diejenigen von Millionen Menschen weltweit, welche sich zuvor gegen den sich abzeichnenden Krieg eingesetzt hatten, zur traurigen Realität. Die grosse Mehrheit der Kriegsgegnerinnen und – gegner war sich schon zu dieser Zeit bewusst, dass weder die nie gefundenen Massenvernichtungswaffen, noch die Gefahr, die von der irakischen Regierung unter Saddam Hussein ausging, diesen Krieg erklären konnten: Der Irak war (und ist) Opfer einer imperialistisch motivierten Kriegsallianz unter der Führung des USImperialismus geworden, welche mit einer lang geplanten Invasion einmal mehr demonstrierte, wie viel menschliches Elend sie zur Durchsetzung ihrer ökonomischen und geopolitischen Interessen in Kauf nimmt.

Opferzahlen als Politikum

Ebenso verlogen wie die vorgebrachten Kriegsgründe der US-Administration, ihrer Verbündeten und grosser Teile der Massenmedien war in den darauf folgenden Jahren auch deren Umgang mit Studien, welche versuchten, die Opferzahlen im Irak zu bemessen. Im Oktober 2006 veröffentlichte die renommierte Fachzeitschrift ‘The Lancet’ eine Studie1 der John Hopkins Universität. Diese kam zum Ergebnis, dass zwischen März 2003 und Juni 2006 über 650’000 Menschen in Folge von Krieg und Besatzung ums Leben kamen. Des Weiteren wurde festgehalten, dass sich die Gewaltopfer im Irak während des untersuchten Zeitraumes jährlich fast verdoppelt haben. Die von einem irakischamerikanischen Forschungsteam durchgeführte Lancet-Studie wurde auf Basis einer Befragung von rund 13’000 repräsentativ ausgewählten Personen erstellt. Diese wurden danach gefragt, ob und wie viele Familienangehörige sie seit Kriegsausbruch zu beklagen hätten. Für 90 Prozent der angegebenen Todesfälle lagen Todesscheine vor.

Obwohl die Studie auf Grund ihres genauen methodischen Vorgehens unter Fachkreisen auf ein positives Echo stiess, wurde sie von der US-Regierung und der Mehrheit der Massenmedien als nicht glaubwürdig diskreditiert oder schlicht todgeschwiegen. Dass es sich hierbei um eine politisch motivierte Verleumdung handelte, wird auch durch die Tatsache ersichtlich, dass die Opferzahlen des Darfur- Konflikts oder des Krieges im Kongo nach derselben Methode errechnet wurden, allerdings ohne jemals angezweifelt zu werden.

Manipulation und Verharmlosung

Im Januar dieses Jahres erschien in der Zeitschrift «New England Journal of Medicine» eine weitere Studie2 über die Opferzahlen im Irak. Im Auftrag des irakischen Gesundheitsministeriums und unter Mitwirkung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kam diese zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen. Demnach sollen zwischen März 2003 und Juni 2006 – also innerhalb des Zeitrahmens, in welchem die Lancet-Studie von über 600’000 Toten sprach – lediglich 151’000 Menschen ums Leben gekommen sein. Die weitaus tieferen Angaben des von der USBesatzungsmacht finanziell und politisch abhängigen Gesundheitsministeriums lassen sich vor allem durch methodisch unsauberes Vorgehen erklären. Auch diese Studie basiert zwar auf Personenbefragungen, allerdings konnten rund 11 Prozent der zuvor repräsentativ ausgewählten Haushalte «aus Sicherheitsgründen» nicht befragt werden, so dass die Zahlen mit Hilfe von Vergleichsstudien nachträglich nach oben korrigiert werden mussten. Dass sich gerade diese 11 Prozent der Haushalte in Gebieten befinden (u.a. Teile der Hauptstadt Bagdad), in denen die meisten Opfer zu beklagen sind, liegt nahe. Der angesehene Statistikexperte des US-Magazins «Counter-punch» Pierre Sprey bezeichnete die methodische Vorgehensweise der Studie als «reine Spekulation».

Hinzu kommt, dass die Zahl von 150’000 Toten lediglich sogenannte «gewaltsame Todesopfer» umfasst. Somit wurde ein Grossteil der Opfer, die etwa auf Grund der durch den Krieg teilweise völlig zusammengebrochenen Infrastruktur (Gesundheitsversorgung, Verkehr usw.) ums Leben kam, nicht miteinbezogen. Auf Druck der USA hat das irakische Gesundheitsministerium übrigens sämtlichen Kranken- und Leichenhäusern im Irak untersagt, die von ihnen registrierten Todesfälle publik zu machen3. Nur eine der Facetten des «neuen, freien und demokratischen» Iraks.

Über eine Million Tote

Die neuste Studie4 zu den Opferzahlen im Irak hätte wohl – angesichts ihrer aufrüttelnden Ergebnisse – für einiges Aufsehen sorgen müssen. Doch auch sie wurde vom medialen Mainstream weitestgehend ignoriert. Das grösste britische Meinungsforschungsinstitut «Opinion Research Business» beziffert die Todesopfer seit Beginn des Irakkrieges auf 1.03 Millionen. 20 Prozent der vom ORB befragten rund 2400 Personen gaben an, mindestens ein Mitglied ihres Haushaltes verloren zu haben (siehe Tabelle). Zwar ist der befragte Personenkreis in dieser Studie weitaus kleiner als bei den vorangegangenen Studien aus den USA bzw. dem Irak, dennoch ist die Untersuchung auf Grund ihrer Unabhängigkeit und ihrer methodisch korrekten Vorgehensweise glaubwürdig.

Nur ein Teil der Geschichte

Über 1 Million Tote: So schockierend diese Zahl auch sein mag, sie vermag die katastrophalen Folgen, welche die von den USA angeführte imperialistische Besatzungspolitik verursacht hat, dennoch nur anzudeuten. Nach 5 Jahren der Besatzung, der Demütigung und der wirtschaftlichen und kulturellen Ausplünderung durch die USA und ihre Verbündeten ist die Lage im Irak in fast jeder Hinsicht katastrophal. Nicht nur die Besatzung, auch die dem Krieg vorangegangene Herrschaft der Bath-Partei unter Saddam Hussein sowie das gegen den Irak verhängte Wirtschaftsembargo, welches laut Angaben der WHO im übrigen einer weiteren Million Menschen das Leben gekostet hat, haben den Irak in die Armut getrieben und politisch destabilisiert.

Heute sind im Irak Bombenanschläge, Entführungen, Arbeitslosigkeit und Armut an der Tagesordnung. Das Gesundheitswesen ist in Folge der Bombardierungen sowie der anschliessenden Plünderungen teilweise zusammengebrochen. Etwa die Hälfte der irakischen Ärzte hat wegen ausbleibender Bezahlung oder der enormen Unsicherheit das Land verlassen, die Kindersterblichkeit ist enorm angestiegen.

Ungewisse Klarheit

Auch wenn die Zukunft des Iraks heute ungewiss ist, so scheint klar, dass die imperialistische Besatzungsmacht unter Vorherrschaft der USA nicht bereit sein wird, auf ihren Einfluss in einer geostrategisch und wirtschaftlich so wichtigen Region zu verzichten. Der Ausverkauf der Überreste des irakischen Staats- und Gemeinwesens an private Firmen sowie die Ausbeutung der riesigen irakischen Ölvorkommen werden auch in Zukunft fester Bestandteil der US-amerikanischen «Irakpolitik» bleiben. Sei dies durch eine Fortsetzung der Besatzung oder einer den Kapitalinteressen hörigen irakischen Marionettenregierung.

1 Vgl. «Mortality after the 2003 invasion of Iraq», unter: www.thelancet.com/journals/
lancet/article/PIIS0140673604174412/abstract.

2 Vgl. «Violence-Related Mortality in Iraq
from 2002 to 2006», unter: http://content.nejm.org/cgi/content/full/358/5/484.

3 Vgl. Guilliard, Johachim: «Verschleiern von Verbrechen», erschienen in der Zeitung Junge Welt. Einsehbar unter: http://www.jungewelt.de/2008/02-12/003.php?sstr=irak%7Copfer.

4 Vgl. «Update on Iraqi Casualty Data», unter: http://www.opinion.co.uk/!ewsroom_details.aspx?!ewsId=88.

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