Die Euro 08 Hysterie: Eine Polemik

Hanspeter Gysin
aus Debatte Nummer 5 – Juni 2008
Militär und Polizei spielen Katastrophenszenarien durch. Vor Übereifer durchgeknallte Polizisten verhaften Journalisten, welche beordert wurden, um die Show zu filmen. Man kommt nicht umhin, die Massenverhaftungen anlässlich verschiedener Demonstrationen der letzten Zeit als Elemente dieser Übungen zu sehen.

Die medial vollständig gleichgeschaltete Jugendgewalt-Diskussion – sie wird nur noch durch sexuelle Perversion, Vergewaltigung und Kindsmissbrauch an Schlagzeilenträchtigkeit überboten – gehört zur Rechtfertigung der betriebenen Aufrüstung.

Wer sich an den Abschrankungen unterwürfig verhält, erfährt die Autorität psychologisch abgewogener Worte, wer renitent ist, bekommt es mit den Mannen vom Gewaltmonopol zu tun.* Ganze Quartiere werden abgeriegelt, mit Checkpoints ausgerüstet, wo nur noch durchkommt, wer eine Sondergenehmigung vorweisen kann. Strassenzüge werden für die Stunden gesperrt, in welchen die VIPs, die Honoratioren, von ihren Nobelherbergen in Luxuslimousinen in ihre Stadionlogen gefahren werden. FA- 18 Kampfjets der Luftwaffe sichern den Luftraum, Helikopter kreisen in der Luft, Hunderte Fahrzeuge, vom Panzerwagen bis zum Wasserwerfer, sind im Einsatz. Tausende Polizisten aus dem Inund Ausland – Kostenpunkt Fr. 700.- pro Person und Tag – sollen für Ruhe und Ordnung sorgen. Sie werden ergänzt durch mehrere Tausend Militärs und Zivilschutzleute, die zwangsrekrutiert – und auf Kosten der Steuerzahler – Fronarbeit leisten. Dazu kommen freiwillige Hilfskräfte in Zivil, die gegen ein Sandwich, ein T-Shirt mit Reklame drauf und vielleicht ein Trinkgeld, gelockt vom Angebot an einem Super-Mega-Event dabei gewesen zu sein, ebenfalls Kontrollaufgaben übernehmen sollen.

Hooligans im Zaum halten

Überwachungsdrohnen werden die «Krisengebiete» weiträumig im Auge behalten. Videokameras auf Schritt und Tritt, die mobilen Filmcrews der Polizei sind überall dabei. Es wird gemauert, eingezäunt, es wird bestimmt, wer darf und wer nicht, es wird kontrolliert, wer legitimiert ist und wer nicht – ganz nebenbei kann so eine flächendeckende Wohnsitzkontrolle erfolgen.

Wegweisungen von Jugendlichen, die irgendwer irgendwo als störend empfindet nehmen zu und gleichzeitig laufen die politischen Vorstösse zu Rayonverboten, «No-go-areas» usw. als ob die Bewegungsfreiheit der Menschen durch den Privatbesitz von Boden nicht bereits genügend eingeschränkt wäre (man versuche nur einmal am Ufer eines Gewässers entlang zu laufen ohne auf ein Durchgangsverbot zu stossen).

Das meiste ist verboten, der Rest ist obligatorisch!

Die bereits mangelhaften Datenschutzbestimmungen werden ausgehebelt. StadionbesucherInnen werden biometrisch gescannt. Der totalen Bespitzelung sind Tür und Tor geöffnet. Auf eine Kampagne der Angstmacherei folgt stracks ein Provisorium, welches dann zur Permanenz und nach und nach weitere Bereiche erfassen wird. Für diejenigen, deren Name auf den polizeilichen Listen steht, werden besondere, massenverhaftungstaugliche Gefängnisse gebaut oder bestehende mit grossen Stahlkäfigen ausgerüstet.

Da der schweizerische Staat ja nichts gegen die blutigen Kriege der USA und anderer verbündeter Staaten in dieser Welt hat, ja solche mit Waffenlieferungen unterstützt, kann es bei diesen Massnahmen kaum um den Grundsatz der Gewaltfreiheit gehen. Vielmehr werden wir sehen, dass die Bestimmungen ge-gen den sogenannten Hooliganismus letztendlich gegen die radikale politische Opposition, welche den Ausbeuterkapitalismus abschaffen will, gerichtet sind. Wie gehabt – siehe Fichenskandal.

Das Sicherheitsangebot des Staates

Kleidungsstücke, die unautorisierte Reklameaufschriften aufweisen, werden von Sondereinsatzkommandos beschlagnahmt, damit keiner werben kann, der nicht zusätzlich bezahlt hat. Preise für Werbeflächen werden vervielfacht. Das Werbemonopol für die Zahlungskräftigsten ist total.

Der öffentliche Raum ist dem Business vorbehalten

Wer das obligatorische Euro-Sport-Bier nicht saufen will, muss seinen Durstlöscher zum Feierabend vorübergehend ausserhalb der besetzten Zonen zu sich nehmen. Restaurants, die verbotenes Bier verkaufen, weil ihre Gäste sich dem Obligatorium nicht beugen wollen, werden eingehagt. Wenn von den zwei bis drei Millionen Fussballfans, welche die Schweiz erwartet, nur jeder einen Liter Bier zum Verkaufspreis von 10 bis 15 Franken trinkt, kann man sich den Umsatz vorstellen, den der Bierkonzern und seine Handelskette erwirtschaften werden. Und den Profit, wenn man weiss, dass die Kosten für die Herstellung eins Liters Bier so um die 50 Rappen betragen.

Ein Bierkonzern macht Alkoholprävention

Die Schutzbestimmungen der Lohnabhängigen werden während der Dauer der Spiele praktisch ausser Kraft gesetzt, damit Läden bis tief in die Nacht und auch sonntags bewilligungsfrei geöffnet werden können. Arbeitseinsätze können bis zu 14 Stunden am Tag angewiesen werden. Dass für Sonderarbeitszeiten den Angestellten vorab, gemäss Parlamentsbeschlüssen, wörtlich «eine Aussprache» mit dem Chef zugestanden werden muss, ist nicht mehr als ein schlechter Witz.

Das bestehende Nachtflugverbot wird aufgehoben, um den Andrang von einfliegenden Besuchern Herr zu werden. Den Fluglärmbetroffenen dürfen die Maschinen nunmehr bis 02.00 Uhr nachts über die Köpfe fliegen.

Einige, die bereits Millionen auf dem Konto haben, werden sich ein paar Hunderttausend dazulegen können, den KMUs fällt auch etwas ab, vielleicht das Geschäft des Jahrzehnts, vielleicht auch „ausser Spesen nichts gewesen“. Arbeitsplätze wird es zuhauf geben – für ein paar Tage nur und schlecht bezahlt. Ein Milliardengeschäft für einige (namentlich für die als «gemeinnütziger Verein» steuerbefreite UEFA), Brosamen für andere und verordnete Vorfreude für alle.

Wem nützt’s?

Die Medien werden nicht müde einerseits die Gefahren (vom Ausland), die auf uns zukommen, in bunten Farben vorzuführen und andererseits das Bürgerkriegszenario der Sicherheitskräfte mit wohlwollender Bewunderung zu schildern und natürlich, den Nutzen, den wir – die Schweiz – aus dem Fussball – Massentourismus angeblich ziehen werden, zu beteuern. Sicherheit ist auch ein Geschäft und muss vermittelt werden. Aus jedem Radiolautsprecher und auf jedem TV-Bildschirm hören und sehen wir seit Monaten von morgens bis abends, wie sich die Schweiz freut. Überdimensionale Plakatwände sagen uns, dass wir es nicht erwarten können, die Türken, Portugiesen, Franzosen bei uns tschutten zu sehen.

Freude soll herrschen!

Die jungen Fans mögen aus unserer Sicht unpolitisch sein, aber sie haben eine Vorstellung von Freiheit und sie werden sich das Vorgehen des Staates nicht einfach so gefallen lassen. Zoff ist somit vorprogrammiert.

Dieser Beitrag wurde unter Debatte Nr. 05, Kultur, Repression veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *