Der Castrismus nach Castro

Janette Habel
aus Debatte Nummer 1 – Mai 2007
Seitdem Fidel Castro im Juli 2006 aus gesundheitlichen Gründen die Regierungsgeschäfte seinem Bruder Raùl anvertraut hat, erscheint die politische Zukunft Kubas äusserst ungewiss. Für Janette Habel liegt die Herausforderung darin, „von der durch Fidel Castro verkörperten revolutionären Legitimität zu einer neuen institutionellen Legalität überzugehen, ohne die Errungenschaften der Revolution zu zerstören“ (Red.).

Die Generation der Revolution ist am Verschwinden. Der jüngere Bruder soll zwar die Kontinuität in der „Zeit nach Fidel“ sicherstellen. Doch der Altersunterschied von 5 Jahren, der die beiden Brüder trennt, zeigt, wie provisorisch diese Lösung ist, und trägt nicht dazu bei, diejenigen zu beruhigen, die nach dem Abgang des höchsten Kommandanten den Ausbruch einer Krise und des Chaos befürchten.

Das Ausmass der sozialen Krise

In der Tat „sind die Widersprüche der kubanischen Gesellschaft unübersehbar und beunruhigend“. Auf Fidel Castro wird nicht mehr gehört wie früher, seine Legitimität ist schwächer geworden. Seine Reden gehen an den täglichen Problemen vorbei, mit denen die meisten Kubaner konfrontiert sind. Der wirtschaftliche Einbruch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat die gesamte Gesellschaft erschüttert. In Europa fällt es schwer zu verstehen, wie gravierend die soziale Krise auf der Insel ist.

Die 1993 eingeführte Dollarisierung, die bis 2004 grassierte, hat die zuvor ziemlich egalitäre Lohnstruktur verändert. Die Existenz zweier Währungen und der Wechselkurs zwischen Dollar und Peso haben die im öffentlichen Sektor beschäftigten Kubaner, deren Löhne in Peso bezahlt werden, stark getroffen. Aufgrund mangelnder Investitionen ist das Transportsystem schlechter geworden und der Zustand der (viel zu wenigen) Wohnungen katastrophal. Die Lebensmittel sind in den Supermärkten und auf den freien Bauernmärkten sehr teuer, und mit der Libreta (das Büchlein mit den Lebensmittelgutscheinen) kann man sich nur 10 bis 12 Tage ernähren. Allgemein ist der Zustand der Infrastrukturen (auch der Kanalisationssysteme) sehr schlecht.

Reformen und steigende Ungleichheiten

Diese Verschlechterung der Lebensbedingungen hat in einem schwierigen weltweiten Umfeld stattgefunden. Havanna hatte seine Verbündeten verloren und stand auf der internationalen Ebene isoliert der neoliberalen Politik gegenüber, die in den 1990er Jahre in Lateinamerika voll zur Entfaltung kam. Um der Krise standzuhalten, akzeptierte Fidel Castro zögernd einige marktwirtschaftliche Reformen (Legalisierung des Dollars, Bewilligung der bisher verbotenen freien Bauernmärkte, private Geschäftstätigkeiten, landwirtschaftliche Kooperativen, ausländische Investitionen, Entwicklung des Tourismus, usw.). Obwohl sie begrenzt blieben, haben diese Reformen sehr grosse Ungleichheiten unter den Kubanern eingeführt und einen Gegensatz zwischen denen geschaffen, die keinen Zugang zur grünen Banknote haben, und denen, die in den Genuss von Überweisungen (remesas) ihrer Familien im Ausland oder von Einnahmen aus dem Tourismus kommen. Die Ungleichheiten wurden sehr schlecht ertragen; die soziale Unterstützung, die den ärmsten Schichten seit der Revolution zukam, wurde in Frage gestellt, selbst wenn die Kubaner weiterhin auf unentgeltliche Gesundheitsdienste und Bildung zählen können. Nun herrschte der Dollar, unabhängig von beruflichen Fähigkeiten. „Die soziale Pyramide wurde auf den Kopf gestellt“, und damit auch die „Werte“ und die Ethik der Revolution.

Die Kluft zwischen den Generationen

Ein weiterer, demographischer Grund hat die schwierige Situation verschärft: der wachsende kulturelle und politische Graben zwischen der Generation der Revolution und der Mehrheit der Bevölkerung, die nach 1959 geboren ist. Die Jugend hat die Diktatur von Batista nicht mehr erlebt, sie kennt nichts anderes als die Krise, und die durch Fidel Castro ununterbrochen in Erinnerung gerufenen sozialen Errungenschaften – unentgeltliche Gesundheitsdienste und Bildung, Vollbeschäftigung – reichen nicht aus, um ihre Aspirationen zu befriedigen. Die Jugend möchte reisen, kann aber nicht. Der Internetzugang wird überwacht. Die verfügbaren beruflichen Möglichkeiten entsprechen oft nicht den erlernten Qualifikationen. Die in den Medien vorherrschende Phrasendrescherei macht die Informationen unerträglich. Die durch die Revolution ermöglichte Bildung und das gestiegene kulturelle Niveau der jüngeren Generationen lassen sich immer weniger in das durch Fidel Castro vorgegebene enge Korsett zwängen.

Diese Kluft zwischen den Generationen hat eine weitere Folge. Der höchste Kommandant, dessen Redetalent die Massen faszinierte und der vor aufmerksamem Publikum stundenlang sprechen konnte, fällt inzwischen dem Patriarchensyndrom zum Opfer. Sein Charisma hat sich veralltäglicht. Es kommt vor, dass man seine Reden zappt. Selbst wenn die Flagge des Castrismus in Lateinamerika wieder an Ausstrahlung gewonnen hat, reichen die aussenpolitischen Erfolge nicht, um die Abnutzung des Images auf der Insel auszugleichen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die auf dem Kontinent durch den Liberalismus verursachten Katastrophen – 50% Arme oder Bedürftige leben dort mit weniger als zwei (oder sogar einem) Dollar am Tag – die Situation der am stärksten benachteiligten Kubaner in einem etwas milderen Lichte erscheinen lassen.

Korruption und Doppelmoral

Die Wirtschaftskrise, die Reformen und die in den öffentlichen Sektor geschlagene Bresche haben eine neue Welle der Korruption ausgelöst. Der Schwarzmarkt blüht auf der Grundlage von Diebstählen im staatlichen Sektor. Der Erfolg privater Geschäfte in einem System, dessen extreme staatliche Zentralisierung die alltäglichen Bedürfnisse nicht zu befriedigen vermag, hat die Entwicklung der informellen Ökonomie begünstigt: Spengler, Mechaniker und Maler treiben ihre Geschäfte und bleiben gleichzeitig bei einem Staatsunternehmen, um ihre sozialen Rechte nicht zu verlieren. In diesem Unternehmen besorgen sie sich ausserdem, was sie für ihren privaten Erwerb benötigen. Das jüngste Beispiel dafür sind die umfangreichen Benzindiebstähle in Tankstellen – mit Unterstützung der Tankwarte. Die „Doppelmoral“ ist in Kuba verbreitet und angesichts der Unmöglichkeit, „normal“ zu leben, gerechtfertigt. Denn wie viele Kubaner sagen: Um unter diesen Bedingungen zu überleben, „muss man stehlen oder das Land verlassen“ – oder zusammenbrechen.

Ein Richtungswechsel ist unumgänglich

Die wirtschaftlichen, sozialen, politischen und demographischen Spannungen erzwingen einen Richtungswechsel. Aber in welche Richtung? Die Übergangsmodelle nach spanischem oder chilenischem Muster, die gewisse europäische oder amerikanische Offizielle oft als Beispiele nennen, würden die Zerschlagung des wirtschaftlichen und politischen Systems bedeuten. Im Gegensatz dazu erwarten grosse Bevölkerungsteile weiterhin Veränderungen im Rahmen des Systems, selbst wenn andere der Meinung sind, dieses sei gescheitert und es müsse eine Marktwirtschaft eingeführt werden.

Die Nachfolger von Fidel Castro stehen vor mehreren Schwierigkeiten. Erstens muss der Lebensstandard verbessert werden. Welche Wirtschaftsreformen sind vorzunehmen? Welche sozialen Spannungen werden dafür in Kauf genommen? Dann muss mittelfristig eine neue institutionelle Legalität definiert werden, die sich auf eine tatsächliche Beteiligung der Bevölkerung stützt. Es ist unmöglich, das bestehende politische System aufrecht zu erhalten, wenn Fidel nicht mehr da ist. Schliesslich gilt es diese wirtschaftlichen und politischen Veränderungen in einer konfliktreichen Situation voranzutreiben, unter der Androhung von Eingriffen durch die Administration von George W. Bush.

1 J. L. Anderson, El Pais, 4. August 2006

2 Gemeint ist der Dollar (Red.).

3 In dieser Hinsicht gibt es in Europa viele Missverständnisse. Das parasitäre Grossbürgertum und die Mittelschichten haben durch die Revolution Schaden erlitten, obschon in den ersten Jahren vermögende Kreise Fidel Castro aus ideologischen Gründen unterstützt haben. Ganz anders sieht es bei den Ärmsten aus, deren sozialer Status sich bis zur Krise verbessert hat. Sie waren bis vor kurzer Zeit die wichtigste Stütze
des Castrismus.

4 Der Diktator Fulgencio Batista y Zaldívar herrschte 1952-58 mit Unterstützung der USA auf der Insel.

5 Der Soziologe Max Weber (1864-1920) bezeichnete als Veralltäglichung des Charismas den Prozess, in dessen Verlauf eine nur auf dem Glauben an die aussergewöhnlichen Fähigkeiten eines Herrschers beruhende politische Herrschaft durch Rationalisierung und Strukturbildung an Dauerhaftigkeit gewinnt (Red.).

6 J. L. Anderson, El Pais, 4. August 2006.

7 Gemeint sind die unblutigen Übergänge zur Demokratie nach den Militärherrschaften in Spanien und Chile (Red.).

Janette Habel ist eine ausgewiesene Kennerin Lateinamerikas
und insbesondere Kubas. Sie schreibt regelmässig für die Zeitschrift Le Monde Diplomatique. In deutscher Sprache hat sie 1997 folgendes Buch veröffentlicht: Kuba – Gesellschaft im Übergang. Köln, Neuer ISP-Verlag.
Wir veröffentlichen hier einen Auszug aus ihrem Artikel,
der auf Deutsch in Inprekorr, Nr. 424/425, publiziert
wurde. Die Zwischentitel wurden von der Redaktion
gesetzt.
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