Das Proletariat, das unbekannte Wesen

Peter Streckeisen
aus Debatte Nummer 3 – Dezember 2007
Der Artikel dokumentiert einen Diskussionsbeitrag zur BFS-Konferenz im August 2007. Wenn wir uns heute am Ende einer langen historischen Phase des Klassenkampfs und der kapitalistischen Entwicklung befinden, geht es auch darum, sich ein neues Bild von der sozialen Klasse zu machen, ohne deren Selbsttätigkeit wir uns die Überwindung des Kapitalismus nicht vorstellen können.

Lange Zeit unterhielten die meisten Linken ein eigenartiges Verhältnis zum Proletariat: Es war für sie eine Black Box, über deren tatsächlichen Inhalt nicht viel bekannt war, und ein Fetisch, ein Ding mit übersinnlichen Fähigkeiten. Sie ‘glaubten’ einfach an die revolutionären Fähigkeiten dieser Klasse. Es erschien nicht notwendig oder war für diesen Glauben gefährlich, das real existierende Proletariat zu untersuchen.

Wo ist das Proletariat?

Heute breitet sich in den kapitalistischen Metropolen das Bild von einem Kapitalismus ohne Proletariat aus: überall Unternehmen, Märkte und Börsen; scheinbar keine ProletarierInnen, höchstens Angestellte, Knowledge Workers, KonsumentInnen oder Ich-AG’s. Dieses Bild ist absurd, aber es erscheint vielen Menschen plausibel – insbesondere JournalistInnen und SozialwissenschaftlerInnen, deren Arbeit daraus besteht, solche Weltbilder herzustellen und zu verbreiten. Noch nie haben in den führenden kapitalistischen Ländern so viele Menschen vom Verkauf ihres Arbeitsvermögens gelebt (80 bis 90% der Bevölkerung), und doch ist das Proletariat in der Gesellschaft wieder so ‚unsichtbar’ wie vor der ‘Industriellen Revolution’ und den Debatten über den ‘Pauperismus’ im 19. Jahrhundert.

Das Bild des Industriearbeiters

Der Verlust dieser gesellschaftlichen Sichtbarkeit des Proletariats ist das Ergebnis einer Verschiebung der Kräfteverhältnisse zu Gunsten des Kapitals. Wir müssen allerdings auch das frühere Bild der ‘Arbeiterklasse’ kritisieren und verstehen, warum es so einfach verschwinden konnte. Die Organisationen der ‘Arbeiterbewegung’ haben Jahrzehnte lang ein einseitiges Idealbild des Proletariats gezeichnet, das sich an der Figur des ‘Industriearbeiters’ festmachen lässt: männlich (technisch interessiert und ohne Angst), Praxis orientiert (der Theorie abgeneigt) und kämpferisch (gewerkschaftlich organisiert und mit politischem Bewusstsein ausgestattet) schien der richtige Proletarier sein. Er produzierte den Reichtum der Gesellschaft mit starken Armen und Händen. Zumindest implizit transportierte dieses Bild eine Verachtung gegenüber Gruppen, die nicht wirklich zum Proletariat gerechnet wurden: Frauen, Erwerbslose, Beamte oder Intellektuelle. Sie wurden für den Klassenkampf als irrelevant, wenn nicht als hinderlich betrachtet. Die politischen Kulturen der ‘Arbeiterbewegung’ haben nicht selten Vorurteile und Abwertungsverfahren aus der bürgerlichen Kultur entlehnt und weiter gefestigt (Sexismus, Antiintellektualismus, Sozialrassismus, Ausländerfeindlichkeit, u.a.). Solche ‘Industriearbeiter’ waren stets nur eine Minderheit der Lohnabhängigen.

Heute gibt es sehr viel informelles (ohne formalisiertes, dauerhaftes und gesichertes Arbeitsverhältnis), ‘weibliches’ und ‘gebildetes’ Proletariat. Für zukünftige Phasen des Klassenkampfs wird es entscheidend sein, die tatsächliche Vielfalt des Proletariats in einen kreativen Reichtum von Ideen und Aktionsformen umzuwandeln, ohne den gemeinsamen Nenner der Klassenlage und der Klassenperspektive aus dem Blick zu verlieren.

Doppelte Freiheit und Ketten

Marx hatte in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Proletariat vor Augen, das den Stempel der doppelten ‘Befreiung’ von den Zwängen der Feudalgesellschaft und von der Kontrolle über die Lebens- und Arbeitsmittel unmittelbar auf sich trug. Die Lebensbedingungen dieser Menschen waren durch Schutzlosigkeit und permanente Ungewissheit geprägt. Sie waren zur entscheidenden Kraft der kapitalistischen Produktion geworden, standen aber ausserhalb der bürgerlichen Gesellschaft, die sie nicht als BürgerInnen betrachtete. Es handelte sich um Menschen, die in eine neue Welt geschleudert worden waren, die für sie nichts Natürliches hatte, sondern instabil, künstlich und unmenschlich wirkte. Sie erinnerten sich noch an die alte Bauern- und Handwerkerwelt und konnten sich in ihren Kämpfen daran orientieren. Bürgerliche Werte und Orientierungen waren ihnen fremd.

Vor diesem Hintergrund beschrieb Marx das Proletariat als soziale Klasse, deren Lebensweise als die Negation der bürgerlichen Gesellschaft betrachtet werden kann, und deren Angehörige nichts zu verlieren haben als die Ketten, die sie an den Kapitalismus binden. Im Manifest der Kommunistischen Partei tritt dieses Proletariat zuerst als geknechtetes Objekt auf, um sich auf wenigen Seiten in den ‘Totengräber der Bourgeoisie’ zu verwandeln.

Integrationsmechanismen

Der klassische Marxismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann sich mit den Mechanismen einer gewissen ‘Integration des Proletariats in die bürgerliche Gesellschaft’ zu beschäftigen, die ihre volle Wirkung erst nach dem Zweiten Weltkrieg entfalteten. Diese Mechanismen wurden als Störfaktoren oder Abweichungen betrachtet, die dem Klassenkampf im Wege stehen (so die ‘Arbeiteraristokratie’ oder die ‘Bestechung durch den imperialistischen Staat’). Heute müssen wir sie als integralen Bestandteil der Klassenlage des Proletariats und als Ausgangspunkt zukünftiger Kämpfe betrachten.

Durch ‘Sozialstaat’ und ‘Sozialpartnerschaft’ entstand ein Geflecht von Verpflichtungen, Rechten, Orientierungen und Werten, das an die Stelle vorkapitalistischer Gemeinschaften tritt. Es handelt sich um eine neue Mischung aus Individualismus und unpersönlicher Solidarität unter Lohnabhängigen. Die Verbreitung von ‘Massenwohlstand’ und kleinem Privateigentum (Fernseher, Auto, Eigenheim) lässt sich als eine Entschädigung für den Verlust der Kontrolle über die Lebens- und Arbeitsmittel begreifen. Beide Prozesse begrenzten die strukturelle Unsicherheit der Lebensbedingungen und ermöglichten einem beträchtlichen Teil der Lohnabhängigen die Teilhabe an neuen Konsum- und Eigentumsformen. Unter besser gestellten Lohnabhängigen ist das Gefühl verschwunden, ‘unten’ in der Gesellschaft oder ausgeschlossen zu sein. Der Sinn des Lebens besteht nicht mehr wie von selbst aus der Alternative zwischen dem Kampf ums nackte Überleben und dem Kampf gegen den Kapitalismus.

Eine neue Klassenlage

Die gegenwärtigen Angriffe des Kapitals auf diese ’sozialen Errungenschaften’ führen nicht zu einer Situation wie im 19. Jahrhundert zurück, sondern bringen eine neue Konstellation des Klassenkampfs hervor. Das Proletariat in den kapitalistischen Metropolen hat heute in jedem Kampf mehr zu verlieren als seine Ketten. Ein grosser Teil der Lohnabhängigen sieht sich nach Phasen einer gesellschaftlichen Integration oder ’sozialem Aufstieg’ durch Prekarität und Deklassierung bedroht. Die Bezüge auf eine vorkapitalistische Welt sind verschwunden. Stattdessen setzen die Kämpfe an der Verteidigung der im Kapitalismus gewonnenen Rechte an. Wenn Beschäftigte bei Opel oder Swissmetal streiken, geht es auch ums Auto, ums Haus, um die Ausbildung der Kinder. Gerade das veränderte Verhältnis zur Bildung ist für die neue Klassenlage charakteristisch: als bürgerliches Klassenprivileg einst mit Verachtung versehen, später zum Aufstiegsmittel par excellence geworden, erscheint Bildung heute oft als Schutzschild gegen Erwerbslosigkeit und soziale Deklassierung. Viele junge Lohnabhängige und deren Eltern kämpfen nicht um Bildung, weil sie Schulfreaks sind, sondern aufgrund ihres Gespürs für die Gefahren der eigenen Klassenlage.

Das real existierende Proletariat hat auch in der Zeit von Marx kaum jemals direkt für die Überwindung des Kapitalismus gekämpft. Heute wie damals besteht der Klassenkampf aus vielen konkreten Kämpfen um konkrete Probleme, deren Logik und Dynamik dennoch über die bestehenden Verhältnisse hinausweisen können.

Der Autor hat einen längeren Diskussionsbeitrag zu diesem Thema verfasst, den Interessierte bei der Redaktion bestellen können.

Lesetipps zum Proletariat

Die folgenden Bücher sind auch dann lesenswert, wenn man/frau nicht in jeder Hinsicht mit dem Geschriebenen übereinstimmt.

Stéphane Beaud & Michel Pialoux, Die verlorene Zukunft der Arbeiter, 2004

Pierre Bourdieu, Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft, 1997

Robert Castel, Die Metamorphosen der sozialen
Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit, 2000

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