Das Ende der Doppelbelastung?

Michela Bovolenta
aus Debatte Nummer 12 – März 2010
Die Westschweizer Sonntagspresse weiss es mal wieder ganz genau:
Die angebliche Doppelbelastung der Frauen mit Erwerbs- und Hausarbeit
sei ein Mythos, allenfalls eine schlechte Erinnerung.1

Eine Tabelle des Bundesamtes für Statistik zeigt: Väter von kleinen Kindern arbeiten 73 Stunden pro Woche, Frauen 71 Stunden. Haben wir also die Gleichstellung endlich erreicht? Zunächst einmal gilt festzuhalten, dass die gearbeiteten Stunden nicht für beide Geschlechter die gleichen sind. Männer leisten 41 Stunden bezahlte Arbeit, Frauen nur 12 Stunden pro Woche. Die vielen bezahlten Arbeitsstunden von Männern bedeuten ein entsprechendes Einkommen, während die meiste Arbeitszeit von Frauen nicht entlöhnt wird und sich davon auch keine sozialen Ansprüche herleiten lassen.

Zwölf Stunden pro Woche?

Dann ist zu berücksichtigen, dass die genannten Zahlen Durchschnittswerte sind. Für Männer stellt sich damit kein Problem, denn diese arbeiten fast alle Vollzeit: Nur 5% arbeiten leicht reduziert in Teilzeit, auch wenn ein Kind unter 6 Jahren da ist. Für Frauen ist die Lage komplizierter. Zwölf Stunden sind ein Durchschnitt zwischen jenen, die sich entscheiden, die Erwerbsarbeit aufzugeben (teils unter dem Druck der Arbeitgeber) – das sind circa 35% der Mütter von Kindern unter 6 Jahren – und jenen Frauen, die erwerbstätig bleiben. Unter den erwerbstätigen Frauen ist der Anteil derjenigen mit hohem Teilzeitpensum (zwischen 50% und 89%) stark angestiegen und liegt derzeit bei ungefähr 22% für Mütter von Kindern unter 6 Jahren.

Neben ihrer Vollzeitanstellung leisten Väter von kleinen Kindern durchschnittlich 32 Stunden Haus- und Erziehungsarbeit, das sind 7,2 Stunden mehr als noch 1997. Das heisst aber noch nicht, dass die Männer die Helden der Haus- und Erziehungsarbeit wären: Die Zunahme ihrer Beteiligung an diesen Aufgaben ist zwar signifikant und in absoluten Zahlen sind es die Männer mit kleinen Kindern, die am meisten Haus- und Erziehungsarbeit leisten. Jedoch fällt auf, dass “der Zeitaufwand der Männer, ausgedrückt in Prozent des Aufwands der Frauen in vergleichbarer Familiensituation, im Verhältnis kleiner ist als in Paarhaushalten ohne Kinder. Dies kann als Hinweis einer verstärkten Rollenteilung in Paarhaushalten mit Kindern interpretiert werden. Diese verstärkt sich mit zunehmenden Alter und grösserer Anzahl der Kinder.”2 Gleichberechtigung ist also noch lange nicht erreicht: Sobald Kinder da sind, verstärkt sich faktisch die traditionelle Rollenteilung.

1997-2007: Keine Revolution

Was sich in diesem Jahrzehnt am deutlichsten geändert hat, ist die Anzahl der erwerbstätigen Mütter. Interessant ist, dass sich der Aufwand für Haus- und Familienarbeit für Frauen nicht proportional reduziert im Verhältnis zum Anstellungsgrad, sondern sich im Gegenteil leicht erhöht! Insgesamt leisten Frauen 59 Stunden Haus- und Erziehungsarbeit pro Woche. Vollzeit erwerbstätige Frauen in Paarhaushalten arbeiten nur 11 bis 14 Stunden weniger zu Hause als Frauen, die nicht erwerbstätig sind! “Rund acht von zehn Frauen, die in Paarhaushalten mit Kindern unter 15 Jahren leben, tragen die Hauptverantwortung der Hausarbeit alleine.”3

Die verfügbare Zeit für Familien genügt schlicht nicht. Damit Erwerbs- und Familienarbeit gerecht verteilt und die Gesamtbelastung der Eltern mit über 70 Stunden pro Woche reduziert werden kann, sollte in absehbarer Zeit eine drastische Arbeitszeitverkürzung eingeführt werden.

1 Marie-Claude Martin: “La double journée de travail des femmes? Un mythe!” Le Matin
Dimanche, 20.9.2009

2 Bundesamt für Statistik, Veränderungen beim Zeitaufwand für Haus- und Familienarbeit: 1997-2007, Neuenburg 2009.

3 Bundesamt für Statistik, Auf dem Weg zur Gleichstellung von Frau und Mann, Neuenburg 2008.

Dieser Beitrag wurde unter Debatte Nr. 12, Feminismus veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *