Das 1848 der arabischen Welt

Tariq Ali*
aus Debatte Nummer 16 – Frühling 2011
Eine Welle von Volksaufständen hat die arabische Welt erfasst. Möglicherweise war die Vertreibung der tunesischen und ägyptischenDespoten nur der erste Höhepunkt eines langen Prozesses. Tariq Ali schlägt eine Einschätzung der historischen Bedeutung der Ereignisse vor, indem er einen Blick zurück und einen Blick in die Zukunft wirft (Red.).

Die Weigerung der Bevölkerung, den Schlagstock zu küssen oder zu ignorieren, mit dem sie seit vielen Jahrzehnten gezüchtigt wurde, hat ein neues Kapitel in der Geschichte der arabischen Nation eröffnet. Die absurde, aber viel gerühmte neokonservative Vorstellung, Araber_innen und Muslime stünden der Demokratie feindlich gegenüber, hat sich in Luft ausgelöst.

Diejenigen, die solche Vorstellungen verbreitet haben, sehen nun am meisten unglücklich aus: Israel und seine Lobbyisten in Europa und Amerika; die Rüstungsindustrie, die hastig versucht, noch so viel wie möglich zu verkaufen (wobei der britische Premierminister als Todeshändler an der Waffenmesse in Abu Dhabi auftritt); und die mitgenommenen Herrscher Saudi-Arabiens, die sich fragen, ob diese Krankheit nun auch ihr tyrannisches Königreich heimsuchen wird. Sie haben schon manchem Diktator Asyl angeboten. 1 Aber wo soll die eigene Königsfamilie Zuflucht finden, wenn ihre Stunde geschlagen hat? Es ist ihnen wohl klar geworden, dass ihre [westlichen] Schutzherren sie ohne Zeremonie fallen lassen und behaupten würden, sie seien schon immer für Demokratie gewesen.

Ein Vergleich mit Europa

Wenn ein Vergleich mit Europa gemacht werden kann, dann ist es 1848.2 Damals liessen die revolutionären Aufstände nur England und Spanien unbehelligt – auch wenn Königin Victoria im Gedanken an die Chartisten3 das Schlimmste befürchtete. In einem Schreiben an ihren bedrängten Neffen auf dem belgischen Thron drückte sie Sympathie aus und fragte sich, ob «wir alle in unseren Betten ermordet werden». Unwohl fühlte sich der Kopf, der eine Krone oder Edelsteine trägt und sein Vermögen in ausländischen Banken hat.

Wie die Europäer_innen 1848 kämpfen die Araber_innen gegen Fremdherrschaft (82 Prozent der Bevölkerung Ägyptens haben laut einer kürzlich veröffentlichten Umfragen «ein negatives Bild der USA»); gegen die Verletzung ihrer demokratischen Rechte; gegen eine Elite, die durch ihren illegitimen Wohlstand geblendet wird – und für wirtschaftliche Gerechtigkeit. Das ist der Unterschied zur ersten Welle des arabischen Nationalismus, die sich vor allem darauf konzentrierte, die Überreste des britischen Empire aus der Region zu vertreiben. Unter Nasser4 haben die Ägypter_innen den Suez- Kanal verstaatlicht und eine Invasion durch Grossbritannien, Frankreich und Israel erlebt; aber dafür fehlte die Erlaubnis von Washington, und deshalb mussten die drei ihre Truppen zurückziehen.

1. Welle des arabischen Nationalismus

Kairo jubelte. Die pro-britische Monarchie im Irak wurde 1958 durch eine Revolution gestürzt, in Damaskus kamen fortschrittliche Kräfte an die Macht, ein saudischer Prinz versuchte eine Palastrevolution und fand danach in Kairo Asyl, bewaffnete Kämpfe brachen in Oman und Jemen aus und es wurde viel über eine arabische Nation mit drei Hauptstädten gesprochen. Nebenbei kam es zu einem komischen Staatsstreich in Libyen, durch den ein junger, halb gebildeter Offizier – M. Ghadhafi – an die Macht kam. Seine saudischen Feinde haben stets behauptet, diesen Streich hätten britische Geheimdienste geplant. Genau so wie der, durch den Idi Amin5 in Uganda an die Macht gelangte. Ghadhafis Nationalismus, Modernismus und Radikalismus waren reine Show, wie seine gespenstischen Science-Fiction- Kurzgeschichten.

Was er ankündigte, kam nie bei der Bevölkerung an. Trotz des Ölreichtums verweigerte er den Libyer_innen Bildung, ein Gesundheitssystem oder günstige Wohnungen. Stattdessen verschwendete er Geld für absurde Projekte im Ausland – zum Beispiel die Entführung eines britischen Flugzeugs mit sozialistischen und kommunistischen sudanesischen Oppositionellen an Bord, die er dem Diktator Gaafar Nimeiry6 zum Erhängen aushändigte. Damit wurden die Chancen auf grundlegenden Wandel im Sudan zerstört, mit katastrophalen Folgen, die wir heute Tag für Tag sehen können. Im eigenen Land unterhielt er eine rigide Clan-Struktur und dachte, er könne die Stämme nach Belieben gegeneinander ausspielen und kaufen, um an der Macht zu bleiben. Aber das Spiel ist aus.

Israels Blitzkrieg von 1967 versetzte dem arabischen Nationalismus den Todesstoss. Interne Konflikte in Syrien und Irak führten zum Sieg rechter Baathisten7, die von Washington unterstützt wurden. Nach Nassers Tod und dem Pyrrhussieg seines Nachfolgers Sadat gegen Israel von 1973 entschieden sich die ägyptischen Militärs dafür, den Schaden zu begrenzen, einen Pakt mit Tel Aviv zu unterschreiben und dafür jährliche Milliardenbeiträge aus den USA einzustreichen. Im Gegenzug wurde ihr Diktator [Mubarak] in Europa und Amerika als Staatsmann gewürdigt, genau wie Saddam Hussein lange Zeit. Hätten sie doch nur die irakische Bevölkerung ihren Diktator selbst stürzen lassen, statt einen zerstörerischen Krieg mit anschliessender Besetzung zu führen, der eine Million Tote und fünf Millionen Waisenkinder hinterlässt.

Angekratzte US-Hegemonie

Die arabischen Revolutionen [von heute] wurden durch die Wirtschaftskrise ausgelöst und haben Massenbewegungen erzeugt. Aber nicht alle Aspekte des Alltagslebens wurden in Frage gestellt. Soziale, politische und religiöse Rechte sind in Tunesien zum Gegenstand leidenschaftlicher Auseinandersetzungen geworden, anderswo noch nicht. Es sind keine neuen politischen Parteien entstanden. Die kommenden Wahlkämpfe werden in erster Linie zwischen arabischem Liberalismus und Konservatismus ausgetragen. Konservative Kräfte wie die Muslimbrüder orientieren sich an den Islamisten, die in der Türkei regieren, und wollen sich mit den USA arrangieren.

Die amerikanische Hegemonie in der Region ist angekratzt, aber nicht zerstört. Die Regimes nach den Diktatoren werden wahrscheinlich unabhängiger sein, mit einem frischen und subversiven demokratischen System und hoffentlich mit neuen Verfassungen, die soziale und politische Bedürfnisse schützen. Doch die Militärs in Ägypten und Tunesien werden dafür sorgen, dass nichts Unbedachtes geschieht. Grosse Sorgen machen sich Europa und die USA über Bahrain. Wenn dessen Herrscher stürzt, wird es schwierig, einen demokratischen Aufstand in Saudi-Arabien zu verhindern. Kann Washington das zulassen? Oder wird es militärisch eingreifen, um die wahhabitischen8 Kleptokraten an der Macht zu halten?

Der Dichter und das Volk

Vor einiger Zeit hat der grosse irakische Dichter Mudhafar Al-Nawab aus Ärger über ein Treffen von Diktatoren, welches als arabisches Gipfeltreffen bezeichnet wurde, seine Zurückhaltung aufgegeben9:

… Mubarik, Mubarik,
Wohlstand und gute Gesun
dheit
Fax die News der UNO.
Camp nach Camp und David,
Vater all deiner Camps.
Verdamme deine Väter
Du verfaulter Haufen;
Der Gestank eurer Körper strömt aus
den Nasenlöchern …
Oh du Mach-uns-glauben-Gipfel Anführer
Mögen eure Gesichter schwarz werden;
Hässlich sind eure schlaffen Bäuche
Hässlich eure fetten Ärsche
Warum überrascht es Dass eure
Gesichter beiden gleichen?
Gipfel… Gipfel… Gipfel
Ziegen und Schafe kommen zusammen,
Fürze im Einklang
Lass das Gipfeltreffen sein
Lass das Gipfeltreffen nicht sein
Lass das Gipfeltreffen entscheiden;
Ich spucke auf jeden Einzelnen von
euch Könige… Scheichs… Lakaien…

Was auch sonst geschehen mag, die arabischen Gipfeltreffen werden nicht mehr sein wie bisher. Die Bevölkerung ist dem Dichter gefolgt.

* Der Schriftsteller Tariq Ali ist pakistanischer Herkunft und lebt in London. Dieser Artikel erschien am 22.2.2011 in der Zeitung The Guardian. Weitere Infos und Texte auf http://tariqali.org/ 1 Als (vorläufig) Letzter hat der aus Tunesien vertriebene Diktator Ben Ali in Saudi-Arabien Zuflucht gefunden.

2 Die Jahreszahl 1848 steht für eine Welle liberal und/ oder sozialistisch inspirierter Bewegungen und Aufstände in verschiedenen Ländern Europas, an denen sich (klein-) bürgerliche Kräfte ebenso beteiligten wie Handwerker und Teile des Industrieproletariats. Marx und Engels verfassten das Manifest der Kommunistischen Partei im Hinblick auf diese kommende – und in den meisten Ländern dann scheiternde – Revolution.

3 Die chartistische Bewegung kämpfte in England (ca. 1838-1850) für soziale und politische Reformen. Sie ist nach dem Manifest The People’s Charter (1838) benannt und kann als erste Massenbewegung der Arbeiterklasse auf der Welt betrachtet werden.

4 Gamal Abdel Nasser Hussein (1918-1970), ägyptischer Präsident von 1956 bis zu seinem Tod, Anführer der Revolution von 1952 und Fürsprecher einer geeinten arabischen Nation (Panarabismus).

5 Idi Amin Dada (1925-2003) kam 1971 durch einen Staatsstreich des Militärs an die Macht und war daraufhin bis 1979 Ugandas Präsident. Nach dem Krieg mit Tansania floh er nach Libyen, später nach Saudi- Arabien.

6 Gaafar Muhammad An-Nimeiry (1930-2009), sudanesischer Präsident von 1969 bis 1985, durch Staatsstreich an die Macht gekommen und gestürzt. Nach seinem Sturz lebte er in Mubaraks Ägypten (1985-1999).

7 Der Baathismus ist eine nicht religiöse panarabische Bewegung, die in verschiedenen Ländern der arabischen Welt verankert ist. Im Irak (bis zum Sturz Saddam Husseins) und in Syrien sind Parteien aus dieser Strömung zu eigentlichen Staatsparteien geworden.

8 Die Wahhabiten sind Anhänger einer konservativen und dogmatischen Richtung des sunnitischen Islams, die in Saudi-Arabien Staatsreligion ist und zu der sich die Königsfamilie bekennt. Das Land weist eine schiitische Minderheit auf, die mit den Protesten der schiitischen Mehrheit im kleinen Bahrain sympathisieren dürfte.

9 Bei der ersten Zeile des Gedichts handelt es sich wohl um ein Wortspiel: Mubarik kann aus dem Arabischen mit «Wohltäter» übersetzt werden und erinnert zugleich an den Namen des ägyptischen Präsidenten Mubarak, der an solchen Gipfeltreffen eine Schlüsselrolle spielte. Die vierte Zeile bezieht sich auf Camp David, die Ferienresidenz der US-Präsidenten, wo 1979 der ägyptische Präsident Sadat und der israelische Premier Begin den ersten israelisch-arabischen Friedensvertrag aushandelten (Camp David I) und 2000 Gespräche zwischen Präsident Clinton, Palästinenserführer Arafat und Ministerpräsident Barak scheiterten (Camp David II).

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