Chemotherapie für die Schweiz

Evelyne Schoch
aus Debatte Nummer 7 – Dezember 2008
Der rechtlose Status vieler migrantischer Arbeitskräfte scheint den Erfordernissen einer nach neoliberalen Prinzipien strukturierten Arbeitswelt besonders gut zu entsprechen. Evelyne Schoch bezeichnet die Politik gegenüber Sans-Papiers als Ausdruck einer profitgesteuerten, degenerierten Gesellschaftsform, die radikal „kuriert“ werden müsste (Red.).

„Naiv und blauäugig sind all diejenigen, die für Sans-Papiers ein generelles Bleiberecht fordern.“ So tönt es aus den Mündern von Gegnern. Sie werfen den BefürworterInnen vor, nicht weiterzudenken. Dabei werden Argumente angefügt wie: „Wenn sich herumspricht, dass Sans- Papiers in der Schweiz ein Bleiberecht erhalten, werden alle illegal Einwandernden ihre Papiere vernichten.“ Ein anderes populäres Argument ist, dass die Schweiz kein Auffangbecken für ImmigrantInnen darstellen könne, denn sie habe ihre BürgerInnen vor Lohndumping und vor dem Verlust von Arbeitsstellen wegen ausländischen Arbeitskräften zu bewahren.

Indem die Grenzen in Europa mittels Migrations- und Asylpolitik geschlossen wurden, scheinen die Staaten der Europäischen Union inklusive die Schweiz für den Wohlstand und die Sicherheit ihrer BürgerInnen zu sorgen. Mit dieser Haltung wird eine restriktive Migrations- und Asylpolitik wie auch die Jagd auf SchwarzarbeiterInnen legitimiert. Was aber steckt wirklich dahinter?

Der absolute Traum für Arbeitgeber

Sans-Papiers arbeiten hauptsächlich in den fünf Wirtschaftssektoren: Haushalt, Reinigung, Baugewerbe, Gastgewerbe und Landwirtschaft; jenen Sektoren, die erstens bekannt dafür sind, dass die Entlöhnung sowie die Arbeitsbedingungen nicht komfortabel sind. Zweitens handelt es sich um Dienstleistungssektoren, die in der Schweiz benötigt werden und nicht im Zuge der Globalisierung ins Ausland verfrachtet werden können. Drittens leisten diese Sektoren einen wichtigen Beitrag zur Wirtschaftlichkeit in unserem Land.

Der Anthropologe Emmanuel Terray zeigte auf, dass es sich bei diesem Phänomen um eine Auslagerung vor Ort handelt: Die Arbeit wird in diesen Sektoren zwar innerhalb der industrialisierten Ländern angeboten, jedoch zu Arbeitsbedingungen von nicht industria-lisierten Ländern. Dieses System greift, denn jährlich gelangen mehrere hunderttausend Menschen illegal in EU-Staaten. Die Migrationsflüsse machen vor Grenzen keinen Halt, auch nicht vor jenen der „Festung Europa“. Der Staat nutzt dies bewusst zu seinen Gunsten – zur eigenen Wirtschaftlichkeit: Die restriktive Migrationspolitik reguliert die Migrationen in dem Sinne, dass die Immigrierenden in die Illegalität gezwungen und damit den Arbeitgebern bedingungslos ausgeliefert sind. Sans- Papiers dürfen sich nicht der geringsten Auffälligkeit aussetzen. Sie sind dadurch zu einer absoluten Anpassungsfähigkeit, Flexibilität und Anspruchslosigkeit gezwungen – Eigenschaften einer Arbeitnehmerschaft, die für viele Arbeitgeber den absoluten Traum darstellt.

Sans-Papiers-Politik als Metastase eines grundlegenden Geschwürs

An diesem Punkt kann sich SchweizerIn immer noch sagen: „Das könnte so sein. Aber ich bin davon nicht direkt betroffen.“ Dem ist nicht so, denn jede einzelne Person in unserer Gesellschaft ist sehr wohl tangiert. Um aufzuzeigen weshalb, knüpfe ich am Zitat von Emmanuel Terray an: „Die Existenz einer rechtlosen Zone in einer Gesellschaft wirkt wie ein Krebsgeschwür, das mit der Zeit Metastasen in den gesunden Teilen des Organismus bildet und diesen schliesslich ganz zerstört.“1 Für mich stellt die Politik gegen Sans-Papiers „nur“ eine Metastase dar, hinter der jedoch ein die ganze Gesellschaft betreffendes Geschwür steckt. Den Ursprung des Krebsgeschwürs selber sehe ich im sozialen Wandel des 20. Jahrhunderts. Er führte dazu, dass sich das Gesellschaftsdenken negativ verändert hat. Durch verschiedene Bereiche der Gesellschaft streute sich dieses Denken – in Form von Metastasen – bis in den kleinsten Mikrokosmos, der Privatsphäre. Unsere Haltungen sind geprägt von Profit, Leistung, Zeitdruck, Egoismus, Wettbewerb, dem Abwägen von Kosten und Nutzen usw. Genauso ist die Arbeitswelt durchsetzt. Solidarität, Loyalität und Gemeinschafts-denken scheinen heute allgemein nicht mehr viel zu bedeuten. Was zählt ist Leistung wie auch Profit, und gearbeitet wird mit und unter Druck – Leistungsdruck, Konkurrenzdruck.

Flucht ist kein Verbrechen – für viele ist dies noch immer keine Selbstverständlichkeit.

Menschsein versus Schuldfrage

Begeben wir uns nun auf die Meta-Ebene, indem wir uns fragen worum es denn eigentlich geht. Was bringt es uns, wenn wir auf der Strasse unseren Vortritt erzwingen – um eine weitere Metapher ins Spiel zu bringen – und dabei einen Unfall riskieren? Weshalb spricht die Öffentlichkeit im Zusammenhang mit Sozialversicherungen so stark auf Wörter wie „Missbrauch“ und „Scheininvalidität“ an? Weshalb lassen wir zu, dass Menschen ihrer rechtlichen Existenz und Selbstbestimmung beraubt werden? Weshalb betrachtet sich die westliche Bevölkerung als privilegiert und meint den Wohlstand für sich gepachtet zu haben, obwohl niemand Einfluss darauf hat, in welches Land er hineingeboren wird? Weshalb schwebt immer der Gedanke mit: wenn DIE von etwas profitieren, dann will ich auch davon profitieren. Im Sinne von: „Ich muss ja schliesslich auch arbeiten gehen.“ Solche Aussagen sind Ausdruck einer Metastase. Ausdruck von Gefühlen der eigenen Unsicherheit, Unzufriedenheit und des Gefühls, anderen gegenüber zu kurz zu kommen. Dieser Eindruck entsteht, indem uns in unserer Gesellschaft immer mehr verwehrt wird, Mensch zu sein, wir aber trotzdem zwanghaft angepasst weiter funktionieren. Es handelt sich um ein Dilemma, das schwer auszuhalten ist. Dadurch laufen wir Gefahr, uns Feindbilder zu schaffen und die Unzufriedenheit an Dritten auszulassen. Wir kreieren Gruppen von Schuldigen, was sich in den verschiedensten Revisionen von Gesetzen niederschlägt. Schliesslich geht es aber nicht darum, profitieren zu können. Auch geht es nicht darum, nichts leisten zu wollen. Genauso irrelevant ist die Schuldfrage. Es geht darum Mensch sein zu dürfen und als Individuum akzeptiert zu werden. Dies bedingt in erster Linie diejenigen zu schützen und zu unterstützen, die es benötigen, und zwar zum Wohle aller. Im gesamten Gesellschaftssystem und über dessen Grenzen hinaus – egal wieviel Missbrauch effektiv betrieben wird. Denn wird DIESES Denken konsequent angewandt, hat niemand zu befürchten, Unterstützung bleibe verwehrt, wenn sie benötigt wird. Es muss ein Umdenken stattfinden, ansonsten wird unser Gesellschaftssystem völlig verkrebst enden. Darin besteht die Chemotherapie.

1 Terray, Emmanuel, in Boroni et al. 2003,
Seite 84.

Literatur:

  • Boroni, Stefano / Dolivio, Jean-Michel / Rosende, Beatriz. Voies clandestines. Editions d’en bas. Lausanne. 2003
  • Carreras, Laetitia / Perregaux, Christiane.
    Histoires de vie – histoires de papiers. Editions
    d’en bas. Lausanne. 2002
  • Niklaus, Pierre-Alain / Schäppi, Hans
    (Hrsg.). Zukunft Schwarzarbeit? – Jugendliche
    Sans-Papiers in der Schweiz. Edition 8. 2007
  • Valli, Marcello. Les migrants sans permis de
    séjour à Lausanne. 2003. Zugriff:
    30.12.2007. www.sans-papiers.ch/docs/rapport-SP-LS.pdf

Dieser Text basiert auf einer Seminararbeit von Evelyne Schoch (Studentin an der Hochschule für Soziale Arbeit in Olten). Was die Autorin als „Krebsgeschwür“ bezeichnet – die Dominanz des instrumentellen Leistungsdenkens in der kapitalistischen Gesellschaft – hat Karl Marx eindrücklich beschrieben als „Alltagsreligion im Kapitalismus“ (Das Kapital III, 48. Kap.). Ausdruck dieser Alltagsreligion ist der Warenfetischismus, durch den die tatsächlichen sozialen Beziehungen der Mitglieder einer Gesellschaft verschleiert werden: Wenn sich die Individuen selber als Kapitalisten wahrnehmen beziehungsweise sich mit den Interessen der Unternehmer identifizieren, ist die Herausbildung eines Klassenbewusstseins erschwert.
Der rassistischen Hierarchisierung, die sich in der aktuellen Politik gegenüber Sans-Papiers ausdrückt, kann nur mit einer solidarischen Politik der Lohnabhängigen entgegengetreten werden – und mit der Forderung nach einem Bleiberecht für alle, die in der Schweiz leben oder arbeiten, d.h. die sich in diesem Land an der Produktion des gesellschaftlichen Reichtums beteiligen (Red.).

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