Black Feminism

Karin Vogt
aus Debatte Nummer 10 – Oktober 2009
Aus Anlass der Publikation einer Textsammlung von afroamerikanischen Feministinnen1 stellen wir hier einige wichtige Stimmen mit historischen Textausschnitten vor, die diese Strömung begründeten. Sie orientieren sich an einer dreifachen Notwendigkeit der Befreiung: von sexueller Unterdrückung, von rassistischer Diskriminierung, von wirtschaftlicher Ausbeutung.

Die afroamerikanische feministische Praxis und Theorie fordert den Feminismus weisser Mittelstandsfrauen seit den 1970er Jahren heraus. „Wir Frauen“, dieser Formel der universellen Frauenunterdrückung, begegnen sie mit der Frage, wer denn mit dem „Wir“ gemeint sei. Sind arme schwarze Frauen mitgemeint? Ist die spezifische Art der Unterdrückung, die weisse Frauen in den USA trifft, einfach so auf die Lage von Afroamerikanerinnen übertragbar? Gibt es vielleicht auch unter Feministinnen Rassismus? Mit solch unbequemen Fragen haben sie den Führungsanspruch und die Themenwahl dessen, was man heute als Mainstream- Feminismus bezeichnen könnte, nachhaltig in Frage gestellt. Gleichzeitig geniessen schwarze Feministinnen keinen uneingeschränkten Rückhalt in afrikanischamerika-nischen Communities, da ihr Engagement teils als gegen schwarze Männer gerichtet wahrgenommen wird. Diese doppelte Randstellung schärft einen radikalen Blick auf Unterdrückungsverhältnisse, in denen Geschlecht, „Rasse“2 und Klasse ineinander greifen. Unter anderem haben sie darauf hingewiesen, dass der Aufbruch der Frauen ab den 1960er Jahren in den USA wesentlich auf die bereits bestehende Bewegung für Gleichberechtigung der afroamerikanischen

Harriet Tuban spielte bei der Sklavenbefreiung am Combahee River 1863 eine wichtige Rolle.

Bevölkerung, dem Civil Rights Movement fusste. Sie stellen somit die Herleitungslinie in Frage zwischen einer sogenannten „ersten“ Frauenbewegung an der Jahrhundertwende zum 20. Jh und einer „zweiten“ Welle in den 1960-1970ern. Afroamerikanische Feministinnen haben einen entscheidenden Beitrag an das feministische Denken geleistet, indem sie aufzeigten, dass der Kampf zur Befreiung der Frauen notwendigerweise auch antirassistisch sein und arme Frauen ins Zentrum seines Handelns stellen muss. Diese Überlegungen sind auch für Feministinnen hierzulande von Bedeutung, wenn wir den Feminismus nicht auf eine Karriereleiter für Politikerinnen und Managerinnen mit Schweizer Pass reduzieren wollen.

Unsere Überzeugungen

Das Wichtigste ist, dass unsere Politik auf der gemeinsamen Überzeugung fusst, dass Schwarze Frauen in sich selber wertvoll sind, dass unsere Befreiung eine Notwendigkeit ist, nicht als Zusatz zur Befreiung vom jemand anderem, sondern aufgrund unseres eigenen Bedürfnisses nach Autonomie als menschliche Wesen. Dies mag so selbstverständlich scheinen, dass es trivial klingt, aber es steht fest, dass keine andere fortschrittliche Bewegung unsere spezifische Unterdrückung als eine Priorität angesehen hat oder ernsthaft an der Beseitigung dieser Unterdrückung gearbeitet hat. Schon nur die Nennung der abwertenden Klischees, die Schwarzen Frauen angehängt werden (Kindermädchen für Weisse, Matriarchin, dominante Frau, Hure, männlich auftretende Lesbe), zeigt – einmal abgesehen von den grausamen und oft tödlichen Misshandlungen, denen wir ausgesetzt sind – wie wenig Wert unserem Leben während vier Jahrhunderten von Sklaverei in der westlichen Welt geschenkt wurde. Wir merken, dass die einzigen Menschen, denen wir genügend wichtig sind um mit uns für unsere Befreiung zu kämpfen, wir selbst sind. Unsere Politik gründet auf einer gesunden Liebe zu uns selbst, unsere Schwestern und unsere Gemeinschaft, und sie erlaubt uns unseren Kampf und unsere Arbeit fortzusetzen.

Audre Lorde
Die afroamerikanische Poetin und Aktivistin mit karibischen Wurzeln (1934-1992) war unter anderem in der Bürgerrechts-bewegung und in der Lesben- und Frauenbewegung aktiv. Das Gedicht „Macht“ schrieb sie aus Anlass des Freispruchs des Polizisten Thomas O’Shea, der am 28. April 1973 ein schwarzes Kind, den 10-jährigen Clifford Glover, erschossen hatte. Unter den Geschworenen befand sich auch eine schwarze Frau. Die Originalversion auf English wurde veröffentlicht in: Black Unicorn, W.W. Norton & Co., NY 1978. (Übersetzung Debatte.)

Macht
Der Unterschied zwischen Dichtung und Rhetorik ist die Bereitschaft, sich selbst zu töten anstelle der eigenen Kinder.

Ich bin gefangen in einer Wüste von klaffenden Schusswunden
und ein totes Kind, das sein zerschlagenes schwarzes Gesicht in meinem Dämmerschlaf erhebt mit Blut aus seinen verletzten Wangen und Schultern ist die einzige Flüssigkeit weit und breit und mein Magen dreht sich um beim Gedanken an diesen Geschmack während mein Mund sich mit trockenen Lippen öffnet treu- und gedankenlos durstig nach dem feuchten Blut das in die Weisse der Wüste versickert, in der ich verloren bin ohne Bild und Magie versuche ich Macht zu schaffen aus dem Hass und der Zerstörung versuche ich meinen sterbenden Sohn mit Küssen zu retten doch schneller wird die Sonne seine Knochen bleichen.

Der Polizist, der den 10-Jährigen in Queens erschoss stand mit seinen Bullenstiefeln über dem Jungen in Kindesblut
und eine Stimme sagte „Stirb du kleiner Hurensohn“ un dies ist auf Tonband festgehalten. Vor Gericht sagte der Polizist zu seiner Verteidigung „Ich habe weder Grösse noch sonst etwas bemerkt nur die Hautfarbe“ und auch dies ist auf Tonband festgehalten.

Heute ist der 37-Jährige weisse Mann der 13 Jahre Polizeigewalt vorweist freigesprochen worden von 11 weissen Männern, die sagten sie seien zufrieden dass Gerechtigkeit getan worden sei und von einer schwarzen Frau, die sagte „Sie haben mich überzeugt“, was bedeutet dass sie den 1,65 m grossen Körper dieser schwarzen Frau über die heissen Kohlen von vier Jahrhunderten Zustimmung durch weisse Männer geschleift hatten bis die Frau die erste wirkliche Macht aufgab, die sie jemals besass und ihren eigenen Schoss mit Zement ausgoss um daraus einen Friedhof für unsere Kinder zu machen.

Ich war nicht fähig, die Zerstörung in mir selbst zu berühren. Aber wenn ich nicht lerne den Unterschied zwischen Dichtung und Rhetorik zu nutzen wird auch meine Macht korrupt wie giftiger Schimmel oder lose und nutzlos wie ein abgetrennter Draht und werde ich eines Tages den Stecker aus meiner Jugendzeit nehmen ihn an die erstbeste Steckdose anschliessen und eine 85-jährige weisse Frau vergewaltigen die jemandes Mutter ist und während ich sie bewusstlos schlage und ihr Bett in Brand setze wird ein griechischer Chor im ¾ Takt singen „Die Ärmste. Sie hatte niemandem etwas zuleide getan. Was sind das für Bestien.“

Wir denken, dass Geschlechterpolitik unter dem Patriarchat gleich prägend ist wie Klassen- und Rassenpolitik. Oft fällt es uns gar schwer, die drei Unterdrückungsformen nach der Rasse, der Klasse und dem Geschlecht auseinanderzuhalten, denn diese treten in unserem Leben oft gleichzeitig auf. Wir wissen, dass es rassistisch-sexuelle Unterdrückung gibt, die weder nur auf die Rasse noch ausschliesslich auf das Geschlecht zielt, zum Beispiel die Geschichte der Vergewaltigung Schwarzer Frauen durch weisse Männer als Waffe der politischen Repression.

Obwohl wir Feministinnen und Lesben sind, sind wir solidarisch mit fortschrittlichen Schwarzen Männern und stehen nicht für den Separatismus ein, den weisse Frauen fordern. Unsere Lage als Schwarze Menschen macht Solidarität in der Frage der „Rasse“ erforderlich, was für weisse Frauen natürlich gegenüber weissen Männern so nicht gegeben ist, sehen wir einmal ab von einer negativen Solidarität als Teilhaberinnen an der rassistischen Unterdrückung. Wir kämpfen zusammen mit Schwarzen Männern gegen Rassismus, während wir auch mit Schwarzen Männern kämpfen in Sachen Sexismus.

Wir sind uns bewusst, dass die Befreiung aller unterdrückten Menschen die Zerstörung des politisch-wirtschaftlichen Systems des Kapitalismus und Imperialismus sowie des Patriarchats erfordert. Wir sind Sozialistinnen, weil wir glauben, dass die Arbeit zum Vorteil all jener organisiert werden muss, welche die Arbeit verrichten und die Produkte schaffen, und nicht zum Vorteil der Bosse. Materielle Ressourcen müssen gerecht verteilt werden unter denen, die diese Ressourcen produzieren. Dennoch sind wir nicht davon überzeugt, dass eine sozialistische Revolution, die nicht zugleich eine feministische und antirassistische Revolution ist, unsere Befreiung garantieren wird. Wir sind zum Schluss gekommen, dass wir uns ein Verständnis von Klassenbeziehungen erarbeiten müssen, das die spezifische Klassenstellung Schwarzer Frauen berücksichtigt, die generell unter den Lohnabhängigen marginalisiert sind, auch wenn derzeit einige unter uns als willkommene Alibis in Weissekragenjobs und mittelständischen Berufen gelten. Wir müssen die reale Klassenstellung von Menschen benennen, die keineswegs Lohnabhängige ohne Rassenzugehörigkeit und ohne Geschlecht sind, sondern für die rassistische und sexuelle Unterdrückung prägende Grössen ihres Arbeitslebens/ihrer wirtschaftlichen Existenz sind. Auch wenn wir grundsätzlich einverstanden sind mit Marx’ Theorie in Bezug auf die speziellen wirtschaftlichen Beziehungen, die er untersucht hat, wissen wir dass seine Analyse vertieft werden muss, um unsere spezifische wirtschaftliche Lage als Schwarze Frauen zu verstehen.3

„Kapitalismus, Sexmismus und Rassismus hängen zusammen.“ bell hooks.

bell hooks

Meine politische Radikalität gründet in der folgenden Überzeugung: Damit eine neue soziale Ordnung entstehen kann, muss die Herrschaftspolitik in Frage gestellt werden, wie sie sich in der imperialistischen, kapitalistischen, rassistischen und sexistischen Unterdrückung zeigt. Zuweilen definiere ich mich als Sozialistin. Zuweilen aber bin ich ernüchtert und schaue mit Skepsis auf den amerikanischen Sozialismus, insbesondere in seiner sozialistisch- feministischen Version: Diese wurzelt in einer gewissen universitären Orthodoxie und strebt keineswegs danach, eine politische Massenbewegung anzuregen oder eine gesellschaftliche Veränderung herbeizuführen. In der Regel begnügt sich die sozialistisch-feministische Literatur damit, eine feministische Kritik des Sozialismus zu formulieren, anstatt eine radikale Theorie der sozialistischen Befreiung zu erarbeiten, welche die sexistischen, rassistischen, gesellschaftlichen, imperialistischen Herrschafts-systeme als Gesamtheit begreifen könnte. Diese Fragestellung ist es, welche die Sozialistinnen- Feministinnen und alle Feministinnen antreiben sollte, die für eine revolutionäre Veränderung einstehen.4

bell hooks
1952 in einer ArbeiterInnenfamilie geboren, lehrt die afroamerikanische Philosophin derzeit am City College of New York englische Literatur. Der Name ist ein Pseudonym und geht auf ihre indigene (indianische) Grossmutter zurück, die Kleinschreibung hat sie selber gewählt.

1 Black feminism. Anthologie du féminisme africain-
américain, 1975-2000, Paris: L’Harmattan 2008

2 Das englische Wort „race“ (Rasse) wird in
dieser feministischen Diskussion nicht, wie im
Deutschen, mit Faschismus assoziiert und wird
als eine gültige Bezeichnung von Identität in der
Analyse von Unterdrückung angesehen. Rasse
wird in diesem Sinne nicht biologisch begründet
sondern als etwas gesellschaftlich Konstruiertes
angesehen.

3 Dieser Text wurde 1977 verfasst und erschien
erstmals in Zillah Silberstein (Hg.), Capitalist
Patriarchy and the Case for Socialist Feminism,
ew York: Monthly Rewiew Press 1978.
(Übersetzung Debatte)

4 Aus Kapitel IV von Feminist Theory: From
Margin to Center, Boston: South End Press
1984. (Übersetzung Debatte)

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