Bildung – Investitionsfeld der Zukunft?

David S.

aus Debatte Nr. 8 – Frühling 2009

 

«Für die rohstoffarme Schweiz ist Bildung von existenzieller Bedeutung.» Dieser oft gehörte Satz verweist nicht nur auf die gewinnorientierte und kurzsichtige Standortlogik der Schweizer Politik, er macht auch deutlich, in welche Richtung die derzeitigen Reformen und Pläne im Hochschulwesen zielen. Bildung soll privatisiert werden.

Eine vom Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierat (SWT) publizierte Broschüre mit dem vielversprechenden Titel «Empfehlungen für die schweizerische Bildungs-, Forschungs- und Inno-vationspolitik 2008 – 2011»1 bringt die derzeitigen Absichten der Hochschulreformen auf den Punkt. Es geht um die «wissenschaftspolitische Neupositionierung der Schweiz im internationalen Kontext». Dabei soll «die Berufsbefähigung (employability) ein massgebendes Kriterium bei der Gestaltung der Studiengänge (…) des Bolognamodells sein».2 Die Qualität der Hochschulbildung soll also wesentlich an der Verwertbarkeit der aus ihr hervorgegangenen akademischen Lohnabhängigen auf dem Arbeitsmarkt gemessen werden. Darum sollen sich die Hochschulen auch vornehmen, «die Einordnung ihrer Studiengänge und die Festlegung derer Werte in der Wirtschaftswelt aktiv zu begleiten». Auch ein gesamtschweizerisches Förderungsprogramm für «vielversprechende Studierende» im Rahmen eines Eliteprogramms wird vorgeschlagen.

Noch deutlicher wird der Wirtschaftsverband economiesuisse in seiner Medienmitteilung «für Höchstleistung in Bildung und Forschung»2. Demnach soll sich die Öffentlichkeit künftig auf ihre Eigentümerrolle der Hochschulen beschränken, ohne aber auf deren Inhalt oder Organisation Einfluss zunehmen. Von einer gänzlichen Privatisierung des Hochschulwesens gemäss englischem Vorbild ist noch nicht explizit die Rede, dennoch wird klar, dass sich die Hochschulbildung mehr und mehr den direkten Interessen der Wirtschaft unterordnen soll, und zwar in zweierlei Hinsicht: Erstens (und in erster Linie) sollen Bildungsinhalte, vor allem aber die wissenschaftliche Forschung, direkt durch privatwirtschaftliche Interessen mitbestimmt und gesteuert werden. Zweitens haben die Restrukturierungen der Hochschullandschaft auch unmittelbare Vorteile für das Kapital: Studierende ohne Anspruch auf (ausreichende) Stipendien stellen billige und flexible Arbeitskräfte für die Unternehmen dar, gleichzeitig können öffentliche Gelder gekürzt werden. Die durch Aufnahme von Krediten oder Darlehen zwecks Finanzierung des Studiums entstehenden Schulden der Studierenden sollen die Studiendauer verkürzen und dem Finanzkapital neue Investitionsfelder eröffnen.

Diese beiden eng miteinander verknüpften Tendenzen der Hochschulpolitik lassen sich an Hand zahlreicher Aspekte ausmachen, von denen zumindest einige erwähnt werden sollen.

Die Bolognareform

Die 1999 durch die europäischen BildungsministerInnen verabschiedete Bologna- Erklärung (für die Schweiz war Staatssekretär Charles Kleiber des damals sozial-demokratisch geführten Innendepartements anwesend) leitete die Einteilung des Studiums in einen Bachelor- (dafür sind 3 Jahre vorgesehen, oft wird aber mehr Zeit benötigt) und einen Masterstudiengang (weitere 2 Jahre) ein. Damit verbunden ist auch ein neues Leistungsbescheinigungs-system in Form von ECTS-Punkten (European Credit Transfer and Accumulation System), auch Kreditpunkte genannt. Diese wiederum werden für einzelne Module (also absolvierte Seminare, Übungen oder Vorlesungen) vergeben.

Das Kreditpunktesystem und die Modularisierung in Bildungseinheiten dienen als Grundlage einer universellen und international vergleichbaren Methode der Zertifizierung von Kenntnissen und Fertigkeiten. Sie bereiten somit einen Bildungsmarkt vor, in dem private und öffentliche Bildungsinstitutionen «optimal» zueinander in Konkurrenz treten können (und müssen).

Aktuell sind die Unterschiede der Höhe der Studiengebühren zwischen den verschiedenen Hochschulen noch relativ gering, geht es aber nach dem Willen der Wirtschaftsverbände oder etwa des Rektors der Universität Zürich Hans Weder3, sollen Studiengebühren in Zukunft massiv erhöht werden (von derzeit rund 750.- auf 5000.- Franken pro Jahr). Vor allem finanzstarke Studierende sollen sich in Zukunft aussuchen können, wo sie ihre Kreditpunkte zu welchem Preis und unter welchen Bedingungen erwerben möchten. Damit droht die Herausbildung von Eliteuniversitäten, wie sie in den USA und Grossbritannien schon längst existieren. Mittelmass und überfüllte Hörsäle für die sozial weniger Privilegierten, Eliteuniversitäten mit besseren Betreuungsverhältnissen und grösserem Inventar für reiche und «hochbegabte» Studierende. Andere Pläne sehen die Einführung leistungsabhängiger Studiengebühren vor, womit die (soziale) Selektion in der Hochschulbildung weiter verstärkt werden soll.

Mit der Bolognareform ist auch die Einführung zahlloser Formen der Leistungsüberprüfungen (Klausuren, Vorträge, Essays) und Disziplinierungsmassnahmen (Präsenzkontrollen) verbunden, die vor allem an den Universitäten zu einer massiven Verschulung, dass heisst zu mehr Vorgaben und Fremdbestimmung während des Studiums geführt haben.

Sparpolitik

Aller Rhetorik über den Wert des «Rohstoffes Bildung» und der neuen Wissensgesellschaft zum Trotz, liegen die Ausgaben der Schweiz für Tertiärbildung und Forschung bei nur 1.4 Prozent des Brutto-inlandproduktes.4 Zum Vergleich: Die Investitionen in Forschung und Entwicklung privater Unternehmen belaufen sich auf 2.2 Prozent desselben.5 Auch wenn der Anteil privater Investitionen im Bereich Forschung und Entwicklung in der Schweiz schon seit langem relativ hoch ist, so sind diese Werte mit denjenigen der OECD vergleichbar. Dass die Universitäten und Hochschulen in der Schweiz und anderswo damit den Herausforderungen steigender Studierendenzahlen nicht gewachsen sind, liegt auf der Hand. Zwischen 1995 und 2007 ist die Anzahl der Studierenden an Universitäten in der Schweiz von rund 88 auf 116 Tausend gestiegen. Vergleicht man diese Steigerung von über 30 Prozent mit der Höhe der dafür aufgewendeten Mittel, so wird klar, dass die Politik offensichtlich nicht dazu bereit ist, die steigenden Kosten des Bildungswesens zu tragen.6

Drittmittelfinanzierung

Die für künftige Forschungsprojekte notwendigen finanziellen Mittel sollen vermehrt durch die Privatwirtschaft aufgebracht werden. Im Rahmen sogenannter Drittmittelbeschaffungen müssen sich WissenschaftlerInnen für ihre Forschungsanliegen direkt an die Privatwirtschaft wenden und um finanzielle Unterstützung werben. Drittmittelbeschaffungen sind schon seit Jahren gängige Praxis und werden in Zukunft wohl zunehmen. Das der Universität Basel zugeflossene Drittmittelvolumen im Jahr 2007 betrug rund 103 Millionen CHF7, Drittmittel aus dem EURaum haben sich innerhalb der letzten 5 Jahre gar verdreifacht8. Unternehmen wie die eurelations AG oder die R&D Management GmbH Zürich bieten an Schweizer Universitäten Drittmittelbeschaffungskurse für Studierende höherer Semester an, natürlich nicht ganz unentgeltlich. Ziele derartiger Kurse sind nicht nur eine Einführung in das bürokratische Prozedere der Antragsstellung, sondern vor allem die Erlangung der Fähigkeit, eigene Forschungsvorhaben an den Vorgaben der potentiellen Geldgeber auszurichten.

Drittmittelbeschaffungen erhöhen die Abhängigkeit der Hochschulen von Privatinteressen in hohem Masse. Die Ergebnisse künftiger Forschungsprojekte müssen für die Unternehmen rentabel sein, Investitionen müssen sich auszahlen. Angewandte Forschung für Technologie-, Pharmaoder Rüstungskonzerne ist angesagt, Grundlagenforschung sowie die Geistesund Sozial-wissenschaften im Allgemeinen geraten in Bedrängnis.

Kritische Wissenschaft

Die Ausrichtung des Hochschulwesens an privatwirtschaftlichen Interessen hat weitreichende Folgen auf die Art und Weise, wie Wissenschaft und Bildung praktiziert werden. Wissenschaft als ein «prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen» (Klaus Holzkamp), oder höhere Bildung als Fähigkeit zu «aktivem und kritischem Denken» (Erich Fromm); beide Bereiche werden heute, insofern sie überhaupt noch existieren, in Frage gestellt. Wissenschaft als subversive und gesellschaftskritische Tätigkeit (und Pflicht) zu verstehen, welche sich den grundlegenden Problemen unserer Gesellschaft annimmt, dieses Bewusstsein gilt es erst wieder zu etablieren.

* David S. ist Mitglied der AkuS (siehe Kasten).

1 Der Schweizerische Wissenschafts- und Technologierat dient als Konsultativorgan des Bundesrates in allen Fragen der Wissen-
schaftspolitik. Publikation einsehbar unter: http://www.swtr.ch/d/dokum_publ.html.

2 Siehe http://www.economiesuisse.ch/web/de/
publikationen/Seiten/result.aspx?thema=bildung.

3 Siehe Artikel «Economiesuisse: Schlechte Studenten sollen höhere Gebühren zahlen», erschienen im Tagesanzeiger am 23. April 2008.

4 Siehe Fussnote 1

5 Siehe Angaben des Bundesamtes für Statistik: http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/
themen/00/02/sektoriel/03_01/03_01_07.html

6 Statt die finanziellen Aufwendungen zu erhöhen, werden die Anzahl der verfügbaren Studienplätze durch sogenannte Numerus-Clausus-Systeme beschränkt. Dadurch werden nicht nur die Kosten tief gehalten, sondern
auch eine weitere Möglichkeit der Selektionierung eingeführt.

7 Siehe Abteilung Nationalfond / Drittmittel /Fonds der Universität Basel:
http://www.unibas.ch/index.cfm?4676C9153005C8DEA37FB9C39497C3FF

8 Siehe EUresearch Basel: http://www.euresearch.unibas.ch/aktuelles/

Französische Unis im Streik

Seit Anfang Februar 2009 sind in vielen französischen Universitäten Studierende und Dozierende in den Streik getreten. Sie protestieren gegen eine ganze Reihe von Massnahmen, mit denen die Studien- und Arbeitsbedingungen verschlechtert werden. Das Gesetz über die Autonomie der Universitäten stärkt die Präsidenten zu Lasten der Selbstverwaltung. Die Mittelkürzungen und die Verbreitung prekärer Stellen verschlechtern die Betreuung der Studierenden. Die Reform der Gymnasiallehrerausbildung bürdet den Universitäten zusätzliche Arbeit auf – ohne zusätzliche Mittel. Die Einführung von Rankings nach Publikationen in renommierten Zeitschriften droht eine blinde Konkurrenz unter den Wissenschaftler- Innen anzuheizen. Der Angriff auf das CNRS (Centre National de la Recherche Scientifique) nimmt eine Forschung ins Visier, die der Regierung nicht genehm ist; sie soll durch Auftragsforschung verdrängt werden. Die chercheursenseignants werden gegeneinander ausgespielt – zum Beispiel mit der Vorgabe, bei schlechten Forschungsresultaten mehr unterrichten zu müssen.

Ob die Rechnung von Präsident Sarkozy aufgehen wird, mehrere Fronten gleichzeitig zu eröffnen und die Dozierenden und Studierenden zu überrumpeln, ist zurzeit völlig offen. Informationen unter: www.sauvonsluniversite.com

Aktion kritisch unabhängiger Studierender (AkuS)

Im Frühling letzten Jahres wurde an der Universität Basel die «Aktion kritischunabhängiger Studierender» (AkuS) ins Leben gerufen. Die AkuS trifft sich zweiwöchentlich, um einen Freiraum für Diskussionen über Unipolitik und andere gesellschaftlich relevante Themen zu ermöglichen. Die AkuS sieht die Universität in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext und will deshalb nicht nur Studierende aller Fachrichtungen ansprechen, sondern auch Nicht-Studierende, Noch-nicht-Studierende und Nicht-mehr-Studierende, denen Bildung mehr bedeutet als Gewinnmaximierung. Daneben sollen Aktionen im Vordergrund stehen, um auf bedenkliche Entwicklungen im Hochschulbereich aufmerksam zu machen und die Bevölkerung für die Bedeutung der Bildung zu sensibilisieren. Mit einer Flyeraktion und einer gut besuchten Diskussionsrunde unter dem Motto «Leistung! Konkurrenz! Bildung?» haben wir bereits von uns reden gemacht. Auch in zukünftigen Aktionen und Veranstaltungen werden wir klar gegen die Unterordnung kritischer Bildung unter marktwirtschaftliche Sachzwänge, gegen Fächer-abbau, gegen neoliberale Umstrukturierungen und Aushöhlungen des Bildungswesens, gegen kurzsichtiges Wettbewerbsdenken, gegen den Abbau studentischer Selbständigkeit, gegen Elitedenken an den Unis und damit gegen die Erhöhung von Semestergebühren Stellung beziehen. Wir wollen eine Universität, in der Bildung in ihrer ganzen Vielfalt vermittelt und nicht auf gewinnorientiertes Nützlichkeitsstreben reduziert wird. Und wir wollen eine Universität, die als starke, kritische Stimme ihren angemessenen Platz in der Gesellschaft vertritt und entsprechend demokratisch bestimmt wird. Weitere Informationen unter www.akus.ch.

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