Basels Killerfirma Syngenta

Red.1
aus Debatte Nummer 3 – Dezember 2007
«Syngenta-Miliz schiesst: Ein Todesopfer», «Brasilien: Syngenta lässt Bauern erschiessen» – so oder ähnlich lauteten die Titel von engagierten Medienberichten Ende Oktober, während sich die bürgerliche Presse mit kleinen Notizen begnügte, sofern sie die Vorfälle überhaupt aufnahm.

Die Landlosen aus Brasilien nehmen die Politik des Basler Konzerns Syngenta nicht kampflos hin. Sie wehren sich seit Jahren gegen die Umweltverbrechen Syngentas. Gegen die Zerstörung ihrer Ernährungsgrundlage und der Artenvielfalt agieren sie im Staat Parana unter anderem durch die Besetzung eines Syngenta- Versuchsfeldes mit genmanipulierten Pflanzen. Kürzlich forderte die brutale Repression gegen diese Bewegung ein Todesopfer. Aus der Erklärung des Nationalen Sekretariats des MST (Landlosenbewegung) vom 21. Oktober 2007: «Am Sonntag, dem 21. Oktober 2007, ungefähr um 13.30 Uhr, nachdem ein Feld am Vormittag eingenommen aber in der Folge wiederbesetzt wurde, traten mehr als 40 schwer bewaffnete Killer auf; sie gehören zu einer Miliz, die unter dem Deckmantel des Sicherheitsunternehmens ‘NF‘ agieren. Sie nahmen das Versuchsfeld für genmanipulierte Pflanzen ein und haben unseren Genossen Valmir Mota de Oliveira, besser bekannt unter dem Namen Keno, aus nächster Nähe regelrecht exekutiert. Verletzt wurden zudem: Gentil Couto Viera, Jonas Gomes de Queiroz, Domingos Barretos, Izabel Nascimento de Souza und Hudson Cardin… Izabel hat ihr Auge verloren, das von einem Splitter getroffen wurde… Wir verlangen, dass unsere nationale Souveränität gewahrt wird und dass Syngenta in ihr Ursprungsland zurückkehrt: die Schweiz.»

Wenn Syngenta Sicherheitsfirmen anheuert um Versuchsfelder mit genmanipulierten Pflanzen zu „schützen“, kann der Konzern alle Anschuldigungen von sich weisen, er hätte eine „bewaffnete Konfrontation“ mit der Landlosenbewegung Via Campesina angeordnet. Das hat Syngenta auch folgerichtig getan in einer Pressemitteilung vom 21. Oktober 2007. Wer Brasilien kennt, weiss aber: Die Anheuerung einer Sicherheitsfirma bedeutet, dass damit Personal engagiert wird, für welches brutale Repression und Umbringen von landlosen Bäuerinnen und Bauern eine übliche Praxis ist. Dafür braucht es keinen ausdrücklichen Befehl von Syngentas Konzernführung.

Vorgeschichte der Besetzung

In Brasilien wird schon lange über genmanipulierte Pflanzen (genetisch veränderte Organismen GVO) diskutiert. Im März 2000, unter Präsident Fernando Henrique Cardoso, hat das höchste Gericht des Staates Rio Grande do Sul die Anpflanzung von GVO-Reis mit Namen «Liberty Link» (LL601) verboten. Die deutsche Firma Bayer Crop Science hatte diesen Langkornreis auf den Markt geworfen. In der Schweiz haben ihn Migros und Coop übrigens aus dem Verkauf zurückgezogen, bevor dann eine andere Sorte wieder ins Sortiment aufgenommen wurde. Der Richter des Staates Rio Grande do Sul stellte sich mit seinem Entscheid gegen die Bewilligungen, die zuvor von den Ministern für Gesundheit, Wirtschaft und Landwirtschaft erteilt worden waren. Er war der Meinung, dass die Bewilligungen unvollständig waren, wie auch die Lizenz für Feldversuche.

Präsident Lula hat während seiner ersten Amtszeit den Anbau von GVO-Soja aufoffenem Feld erlaubt. Seit März 2006 haben mehrere Hundert AktivistInnen der nationalen und internationalen Bauernorganisation Via Campesina die erwähnte Versuchsfarm von Syngenta besetzt, um gegen die Versuche mit GVO-Soja zu protestieren.

Zunächst hatte die Richterin Vanessa de Souza Camargo von der Gerichtsabteilung IV von Curitiba (Hauptstadt des Staates Parana) am 6. Oktober 2006 die Auflösung der Besetzung durch den Staatsgouverneur verlangt. Syngenta übte Druck aus, um eine Gesetzesänderung durchzusetzen: Der „Sicherheitsabstand“ zwischen dem GVOVersuchsfeld und der Naturschutzzone des Nationalparks Iguazu sollte von 10 km auf 500 m reduziert werden. Der Schweizer Multi konnte sich zunächst durchsetzen. Aber am 9. November 2006 wies der Gouverneur von Parana das Urteil zur Gesetzesänderung zurück, und Bäuerinnen und Bauern beschlossen, das Versuchsfeld in eine Zone zur Entwicklung von biologischen Landwirtschaftstechniken umzuwandeln. Der gerichtliche Gegenangriff von Syngenta war somit gescheitert. Die Ermordung von Valmir Mota de Oliveira auf dieser Versuchsfarm am 21. Oktober 2007 zeigt aber die Entschlossenheit von Syngenta, für den Schutz ihrer Profite über Leichen zu gehen.

Umweltverbrechen bringt Profit

Syngenta ist weltweit führend im Agrobusiness. Dieser multinationale Konzern mit Sitz in Basel unterhält Produktionsstätten in Schweizerhalle, Münchwilen, Kaisten, Dielsdorf und Monthey. Syngenta zählt 19’000 Lohnabhängige in 90 Ländern. Die Firma ist kotiert an der Schweizer und New Yorker Börse. Im Bereich GVO-Saatgut hat sie ihre Tätigkeit ausgebaut, fällt aber weiterhin hinter dem amerikanischen Konkurrenten Monsanto zurück. Bayer Crop Science und DuPont sind weitere Konkurrenten von Syngenta. Das Unternehmen hält im Bereich Agrochemie (Insekten- und Unkrautvertilgungsmittel sowie Pilzver-nichtungsmittel) eine Spitzenposition inne.

Bekannt ist Syngenta unter anderem für ihr hochtoxisches Pflanzengift Paraquat, das tagtäglich Bäuerinnen und Bauern verätzt und vergiftet, ganz zu schweigen von den Umweltschäden dieses Dauergifts. Syngenta tut sich zudem mit dem perversen Terminator-Saatgut hervor, das nur eine einzige Ernte ergibt und somit das Grundrecht der Bauerinnen und Bauern verletzt, ihr Saatgut selbst zu gewinnen. Weiter investieren Firmen wie Monsanto und Syngenta bereits hohe Summen in GVO-Pflanzen für die Produktion von Agrotreibstoff. Syngenta ist im Herbst 2000 aus der Fusion der Agrosparten des Schweizer Chemiekonzerns Novartis und des Unternehmens AstraZeneca entstanden. Diese Firma ist selbst ein Fusionsprodukt, 1999 aus dem Zusammenschluss des schwedischen Konzerns Astra und der britischen Firma Zeneca gebildet. Das Unternehmen Syngenta hat seine Position 2004 durch grosse Firmenübernahmen im Bereich Saatgut verstärkt, insbesondere betreffend Soja und Mais. Es wurde die amerikanische Firma Golden Harvest hinzugekauft, die spezialisiert ist auf den Verkauf von Saatgut. Im Juni 2004 folgte die Übernahme des amerikanischen Konzerns Adventa, ebenfalls aktiv im Bereich Mais und Soja, der unter anderem die bekannte Marke «Garst» besitzt. Durch diese Übernahmen konnte Syngenta wichtige Stellungen auf dem Mais- und Sojamarkt in den USA erobern. Von dort aus unternimmt Syngenta intensive Bestrebungen, sich „die weltweite Mais- und Sojaproduktion“ – das heisst das Leben von Hunderttausenden BäuerInnen – zu unterwerfen.

1 Übersetzung aus: www.alencontre.org, redaktionell ergänzt; weitere Quellen: www.labournet.de; www.blauen-institut.ch; de.indymedia.org; www.chiapas.ch; www.tropenwaldnetzwerk-brasilien.de.

Der Markt wird’s richten

Der Klimawandel ist zum medial verwertbaren Thema geworden. Al Gore, ehemaliger Vizepräsident der USA in Zeiten von Soziallabbau und Kosovokrieg, Friedensnobelpreisträger und profilierter Befürworter von Agrotreibstoffen, wird als grüne Galionsfigur gefeiert. Ansätze jenseits der kapitalistischen Logik werden praktisch nicht aufgenommen. Der «Klima-Masterplan, vorgelegt im Sommer 2006 von einem Bündnis von Schweizer Nichtregierungsorganisationen, darunter Greenpeace, Helvetas u.a., schlägt eine ganze Palette von marktkonformen Massnahmen vor. Lenkungs-abgaben – also regressive Steuern, welche die unteren Einkommen proportional massiv stärker belasten – spielen dabei die prominenteste Rolle. Die Initianten vertreten die Meinung, der Schutz von Umwelt und Klima sei ohne Bruch mit der kapitalistischen Verwertungslogik möglich.

Wo bleibt demgegenüber die Absage an die Profitlogik, die uns so weit in die Umweltkatastrophe hineingeführt hat? Wo bleibt die Forderung nach autofreien Städten, nach einem massiven Ausbau des öffentlichen Verkehrs, nach Gratis-Tram, -Bus und -Zug? Oder nach gemeinsam ausgehandelten Vorgaben für Produktion und Konsum?

1 Klima-Masterplan. Der Weg zu einer klima-verträglichen Schweiz. Hg. Allianz für eine verantwortungsvolle Klimapolitik, 24. August 2006, www.wwf.ch/klimafakten.

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