Aus dem Alltag eines Gewerkschaftssekretärs

Werner Schmid, Gewerkschaftssekretär, Lausanne.
aus Debatte Nummer 5 – Juni 2008

Am Donnerstag, 11. Januar 07 um ca. 10.00 Uhr, erreichte mich das Telefonat einer mir unbekannten Person: ich solle sofort auf die Baustelle der Metro im Untergrund von Lausanne kommen, dort seien Arbeiter in Aufruhr. Wir vereinbaren ein Treffen mit der Belegschaft über Mittag. Es erscheinen etwa 20 Arbeiter verschiedener Nationalitäten. Die meisten sind französische Grenzgänger, aber auch in der Schweiz ansässige Immigranten. Sie wollen sofort in den Streik treten.

Für die Branche gilt der mit den Gewerkschaften ausgehandelte Gesamtarbeitsvertrag für den Geleisebau. Dieser verbietet (unter Strafandrohung) jede Streikaktion, bevor nicht Verhandlungen über einen allfälligen Streitpunkt aufgenommen wurden. Nur, die Arbeiter haben die Schnauze voll. Ihr Lohn für den Dezember 2006 sowie der 13. Monatslohn wurden ihnen nicht ausbezahlt. Ich hatte den Auftrag ihnen mitzuteilen, dass sie zuerst einen eingeschrieben, individuellen Brief an die Direktion schicken sollten, mit der Forderung, den ausstehenden Lohn in einer bestimmten Frist auszuzahlen. Die Arbeiter erklärten darauf, dass sie unter keinen Umständen ohne den Lohn übers Wochenende zurück zu ihren Familien fahren werden, da sie bereits die Festtage nicht mit ihren Kindern feiern konnten. (Dazu muss man wissen, dass nach vor kurzem revidiertem Gesetz, Grenzgänger, um ihren Status zu erhalten, nicht mehr täglich, sondern nur noch wöchentlich an ihren Wohnort zurückkehren müssen.)

Die Arbeiter beschliessen arbeitsunfähig zu sein, weil sie ohne Geld nicht mehr in der Lage seien, sich angemessen zu ernähren und verweigern am Nachmittag die Arbeit. Die Intervention lohnt sich, nach kurzer Zeit erscheint die Chefin der Vertragsfirma und bereits eine Stunde später kommt die Bestätigung der Bank, dass die Gehälter ausbezahlt worden seien. Der 13. Monatslohn wurde tags darauf ausbezahlt. Die Arbeiter nehmen unverzüglich die Arbeit wieder auf und sind zufrieden und ich konnte die vorbereitenden Briefe vernichten. Eine Analyse der Situation drängt sich auf: Auftraggeber der Lausanner Metro sind Stadt und der Kanton Waadt, Auftragnehmer ist der Weltkonzern Alstom. Dieser hat kaum eigene Angestellte sondern bezieht seine Arbeitskräfte von verschiedenen Firmen, unter anderem von der Firma TMTI SA, mit welcher ein strikter Zusammenarbeitsvertrag mit klar umschriebenen Bedingungen betreffend der Verpflichtung zu gesetzeskonformen Anstellungsbedingungen besteht, inklusive der Einkaufpreise der verliehenen Arbeitskraft. Doch, will diese Firma Gewinne machen, ist sie darauf angewiesen, möglichst billige Arbeitskräfte einzustellen um zwischen «Einkaufspreis» und «Verkaufspreis» eine möglichst grosse Marge zu erlangen. Folge: sie versucht alles, um die vertraglichen Anstellungsbedingungen zu umgehen. Nachträglich stellten wir dann auch fest, dass der Gesamtarbeitsvertrag für den Geleisebau in verschiedenen Punkten nicht eingehalten wurde. Pikant an der Sache ist, dass die offizielle Kontrollstelle auf der betreffenden Baustelle bereits 6 Monate vor diesem Ereignis Unregelmässigkeiten festgestellt hatte, ohne dass dies erkennbare Folgen gehabt hätte. Immerhin – inzwischen wurde die Paritätische und sogar die Tripartite Kommission eingeschaltet, der Stadtrat hat verlauten lassen, dass die Löhne nach Gesamtarbeitsvertrag bezahlt werden müssen – zeichnet sich ab, dass nun, nach über einem Jahr Wartezeit, auch noch die letzten reklamierten Lohnansprüche ausbezahlt werden.

Die Metro2 ist ein Prestigeprojekt der Stadt Lausanne. Sie soll die Stadt mit dem See und der Vorortgemeinde Epalinges verbinden.

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