Arbeitszeit in der Schweiz: Klischees und Tatsachen

George Waadenburg
aus Debatte Nummer 1 – Mai 2007
Unternehmerverbände und politische Behörden behaupten, wir müssten mehr arbeiten (längere Arbeitszeiten, höheres Rentenalter, usw.), um „wettbewerbsfähig“ zu bleiben und die Finanzierung der Sozialwerke zu sichern. Doch wie viel wird denn in der Schweiz heute schon gearbeitet? George Waardenburg, Arbeitssoziologe an der Universität Genf, kommentiert die aktuellen Zahlen des Bundesamtes für Statistik.

Die Medienmitteilung des Bundesamts für Statistik vom 29. März 2007 über die Dauer der bezahlten Arbeit in der Schweiz (Angaben für 2005) bestätigt einige strukturelle Tatsachen, die den Klischees widersprechen.

Erstens bleibt die „normale“ Arbeitszeit (Vollzeitanstellung) auf sehr hohem Niveau: durchschnittlich 42 Std. 20. Min. pro Woche. Das liegt deutlich über den Werten der anderen westeuropäischen Staaten (EU-15), in denen normal (Vollzeit) 40 Std. gearbeitet wird (38,8 Std. in den Niederlanden). Im „arbeitsamsten“ Land der EU-15, Grossbritannien, wird „nur“ 41 Std. gearbeitet. Darin liegt vielleicht der Grund, warum die „SchweizerInnen“ von allen „WesteuropäerInnen“ am meisten Stress bei der Arbeit haben: 33% sind davon betroffen (16% in den Niederlanden). Übrigens ist die durchschnittliche jährliche Arbeitszeit pro Kopf in der Schweiz auch laut der OECD (Angaben für 2002) sehr hoch: Hierzulande wird mehr gearbeitet als in Japan oder in den Vereinigten Staaten! Hinzu kommt, dass die Unternehmen in der Schweiz seit 1998 im Durchschnitt 15 Arbeitsminuten pro Vollzeitbeschäftigte (etwa zwei Tage im Jahr) gratis gewonnen haben, einfach durch die Reduktion der Abwesenheitszeiten aus gesundheitlichen Gründen. Es ist üblich geworden, im Krankheitsfall zu früh wieder zur Arbeit zu gehen, um den Vorgesetzten nicht negativ aufzufallen.

Zweitens werden 27% der bezahlten Arbeitsstunden in der Schweiz durch Menschen ohne Schweizer Pass geleistet! Diese Personen als „Fremde“ zu bezeichnen, ist problematisch, denn sie sind der Reichtumsproduktion in der Schweiz keineswegs fremd. Im Gegenteil: Sie sind „arbeitsamer“ als die SchweizerInnen mit Pass, da sie nur ungefähr 20% der (registrierten) Wohnbevölkerung stellen. Die Arbeitszeit von „Ausländer- Innen“ in der Schweiz ist deshalb durchschnittlich deutlich länger als die von Menschen mit Schweizer Pass. Umso dümmer ist es, „die AusländerInnen“ mit „Missbrauch“ oder „Illegalität“ in Verbindung zu bringen, und umso unerträglicher ist die Arroganz derjenigen, die von der Arbeit dieser scheinbaren „Fremden“ profitieren und sie gleichzeitig verunglimpfen.

Drittens entgeht den Zahlen des Bundesamts für Statistik ein Teil der Realität. Dafür gibt es mindestens zwei Gründe. Einerseits werden die Überstunden oft nicht deklariert, um nicht bezahlt werden zu müssen (durch das Unternehmen) – sie sind aus diesem Grund in der Statistik nur zum Teil mitgezählt. Anderseits leben 100’000 bis 300’000 Papierlose in der Schweiz, von denen die meisten arbeiten, oft ohne die Stunden zu zählen – um nicht ihr kleines Einkommen zu verlieren oder ausgewiesen zu werden. Viertens zeigen die Zahlen des Bundesamts für Statistik, dass es immer noch eine strukturelle Ungleichheit zwischen Männern und Frauen gibt. Gezählt werden nur die bezahlten Arbeitsstunden – einmal mehr verbleibt der enorme Arbeitsaufwand im Dunkeln, den vor allem Frauen für ihre Familienangehörigen leisten, damit sie besser arbeiten oder sich ausbilden können. Im Bereich der bezahlten Arbeit werden 64% der Arbeitsstunden von Männern geleistet, obwohl heute die grosse Mehrheit der Frauen in der Schweiz erwerbstätig ist. Auch dies ist ein Aspekt der untergeordneten Stellung der Frauenarbeit in der gesamten „produktiven“ Arbeit: Er beruht darauf, dass viele Frauen Teilzeit arbeiten. Schliesslich halten wir fest, dass im Bildungswesen die Absenzen sehr bescheiden und die (registrierten) Überstunden sehr gross sind – ganz im Gegensatz zu den Klischees über den öffentlichen Sektor und die LehrerInnen.

Die wirtschaftliche Bedeutung dieser Zahlen kann natürlich nur mit Bezug auf die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen richtig eingeschätzt werden.

1 Zeitschrift Context, Februar 2006, S. 8

Dieser Beitrag wurde unter Debatte Nr. 01, Schweiz veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *