Arbeiten bei Novartis

Peter Streckeisen

 

aus Debatte Nr. 5 – Sommer 2008
Massenmedien und Grossunternehmen produzieren heute ein Bild der Welt, in dem «einfache» Angestellte und Arbeiter/innen kaum mehr vorkommen. Peter Streckeisen hat für seine Dissertation mit Beschäftigten von Novartis gesprochen, um einen Blick hinter diese Fassade derIgnoranz zu werfen, die von den Propheten der «Wissensgesellschaft» oder der «virtuellen Ökonomie» aufgebaut wird. (Red.)

Regelmässig berichten die Medien über die Gewinne von Novartis und das Gehalt von Daniel Vasella. Aber kaum jemals ist von den ca. 100’000 Beschäftigten die Rede, deren tägliche Arbeit hinter solchen Zahlen steht. Sie bleiben «unsichtbar» – umso mehr, als sie über keine Gewerkschaften verfügen, mit deren Hilfe sie sich Gehör verschaffen könnten. Wer sich ein Bild von der Arbeitsrealität dieser Lohnabhängigen machen will, muss in die Labors und Fabriken gehen, wo die Gewerkschaftsfunktionäre heute beinahe ebenso selten sind wie das Scheinwerferlicht der Medien.

Die Welt der Arbeiter…

In der Nachkriegszeit war die Basler Chemie durch die Opposition zweier «Arbeitswelten« geprägt. Auf der einen Seite die «Arbeiter», deren kollektive Identität durch Arbeitskämpfe in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden war. Im Winter 1943-44 entwickelte sich in Schweizerhalle eine Streikbewegung, worauf die Chemieindustriellen 1945 widerwillig einen Gesamtarbeits-vertrag unterzeichnen mussten. Es war der erste richtige GAV in der Schweiz. Im Gegensatz zum so genannten Friedensabkommen von 1937 in der Maschinenindustrie, das der «helvetischen Sozialpartnerschaft» zum Durchbruch verhalf, enthielt er eine transparente Regelung der Löhne und Arbeitsbedingungen. Vor allem aber hatten sich die Chemiearbeiter durch ihren Kampf Respekt verschafft: Sie waren keine armen «Kanarienvögel» mehr, denen in der Stadt bestenfalls mit etwas Mitleid begegnet wurde.1

… und der Angestellten

Auf der anderen Seite gab es die Welt der «Angestellten», die nicht dem GAV unterstanden. Viele waren Mitglied der Hausverbände, die sich loyal zu den Unternehmensführungen verhielten und den Glauben an einen sozialen Aufstieg durch individuelle Leistung und Berufsausbildung verbreiteten. Um sie gegen «Arbeiter» und Gewerkschaften auszuspielen, gewährten ihnen die Unternehmen einige Privilegien: So konnten sie unternehmenseigene Produkte zu reduziertem Preis kaufen, durften in derselben Kantine wie die «Doktoren» – die Direktoren und Forscher – essen und mussten nicht durch dasselbe Tor wie die «Arbeiter» das Industrieareal betreten. Ab 1963 stellten die Unternehmen das ausgebildete Laborpersonal als «Angestellte» ein. Die Laborant/innen wurden dadurch von «Arbeiter/innen» in «Angestellte» verwandelt. Heute sind dem GAV deshalb kaum noch Laborbeschäftigte unterstellt.

Eine aktuelle Untersuchung zeigt, dass beide Welten durch die Veränderungen der letzten 20 Jahre im Kern erschüttert wurden. Die industriellen Restrukturierungen der 1990er Jah re (Rationalisierungsprogramme, Auslagerungen, Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen, massiver Stellenabbau, etc.), die im Zusammenschluss von Ciba-Geigy und Sandoz zur Novartis gipfelten (1996), haben den Stolz der «Arbeiter» und «Angestellten» verfliegen lassen.2 Diesen Umbrüchen standen die Gewerkschaften ebenso hilflos wie die Hausverbände gegenüber. Dasselbe gilt für gegenwärtige Veränderungen am Arbeitsplatz, die dazu führen, dass der Arbeitsalltag in Labor und Fabrik heute vielleicht mehr Gemeinsamkeiten als früher aufweist.

Die Fabrik kommt ins Labor

In den Forschungs- und Entwicklungslabors wird das Handwerk des qualifizierten Personals durch eine Kombination von Laborspezialisierung und Laborautomation erschüttert, die zur Ausbreitung von Routinetätigkeiten führt. In zahlreichen Labors konzentriert sich die Arbeit auf die Vorbereitung, Überwachung und Protokollierung der immer gleichen automatisierten Versuche. In den Forschungslabors haben die Ausrichtung «auf den Markt» und der Zeitdruck zugenommen. In der pharmazeutischen Entwicklung ist oft jeder Arbeitsschritt nach den Regeln der Good Laboratory Practice (GLP)3 imDetail vorgeschrieben. Dabei überbieten die Pharmakonzerne die Vorgaben der für die Marktzulassung verantwortlichen Behörden, um im Vergleich mit der Konkurrenz besser dazustehen. Es werden Softwareprogramme eingesetzt, die jeden Tastendruck der Beschäftigten abspeichern, damit später kontrolliert werden kann, wie und wo «falsche Daten» entstanden sind. Eine Laborantin im Entwicklungslabor hält fest, sie sei bei der Arbeit vollständig kontrolliert. Ein Kollege aus der Pharmaforschung meint, es handle sich zunehmend um Massenproduktion – wie in der Fabrik.

Informatik und Autonomie in der Fabrik

Auch in den Fabriken hat sich Einiges verändert. In der chemischen Produktion4 stehen die Arbeiter nur noch teilweise an «Kesseln», die sie «von Hand fahren». Immer öfter haben sie es mit integrierten Anlagensystemen und digitaler Prozessleittechnik zu tun. Früher beruhte der Arbeiterstolz auf der Fähigkeit, den «Kessel von Hand zu fahren»; heute ist Vertrauen in die Informatik gefragt. Bisher arbeiteten hier angelernte Arbeiter; heute stellen die Unternehmen nur noch gelernte Arbeiter ein. In einem Werk der pharmazeutischen Produktion5 mit 1’500 Beschäftigten findet eine umfassende Reorganisation statt. Die bisherigen Vorgesetztenstufen werden eliminiert und durch eine einzige Funktion ersetzt, den so genannten Teamleader. Die Beschäftigten sollen nicht mehr «nur» an einer Maschine, sondern an allen Teilen der Anlage arbeiten. Sie sollen nicht mehr «nur» Befehle ausführen und Vorschriften anwenden, sondern selbständig arbeiten und Probleme lösen. Doch sie werden in der Betriebshierarchie nicht höher gestuft und erhalten nicht mehr Lohn als bisher. Und das Management will hier auch in Zukunft vorwiegend Ungelernte einstellen. Es komme eben mehr auf die Einstellung als auf die Ausbildung an, erklärt der zuständige Projektleiter.

Personalmanagement

In den Labors und in den Fabriken sind die Beschäftigten mit zwei Phänomenen konfrontiert, die heute vermutlich einen grossen Teil des alltäglichen Leidens bei der Arbeit verursachen: der steigende Leistungs- und Zeitdruck sowie die neuen Methoden des Personalmanagements. Novartis wendet ein Lohnsystem an, bei dem die Beschäftigten nicht nur nach der Leistung, sondern auch nach dem Verhalten beurteilt werden: Die Vorgesetzten müssen bewerten, ob und inwiefern sich die Lohnabhängigen den so genannten Novartis Values entsprechend aufgeführt haben. Die Summe der individuellen Bewertungen muss in jeder Abteilung einer Normalverteilung nach Gauss folgen: für jede überdurchschnittliche Bewertung muss es eine unterdurchschnittliche geben. Unter den Beschäftigten und bei zahlreichen Vorgesetzten ist der Ärger über dieses System gross.

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Lesehinweis

Peter Streckeisen. Die zwei Gesichter der Qualifikation. Eine Studie zum Wandel von Industriearbeit. Universitätsverlag Konstanz, 363 S.

Das Buch kann bei der Redaktion zu reduziertem Preis (40 CHF) bestellt werden.

Gewerkschaftlicher Neubeginn

Die gewerkschaftliche Präsenz in den Fabriken und Labors der Basler Chemie tendiert heute gegen Null. Ein ernsthafter gewerkschaftlicher Neubeginn, der sich nicht mit dem Verhandeln über einen längst ausgehöhlten GAV zufrieden gibt, müsste von den neuen Arbeitsrealitäten ausgehen, auf Grund derer «Arbeiter/ innen» und «Angestellte» heute vielleicht in neuer Form gemeinsame Interessen entdecken könnten. Vor über 60 Jahren gelang ein gewerkschaftlicher Aufbruch, als der Kampf gegen den arroganten «Herr-im-Haus-Standpunkt» der Industriellen geführt und eine transparente Regelung der Arbeitsbedingungen durchgesetzt wurde.6 Heute äussert sich der «Herr-im-Haus-Standpunkt» in den pseudo- wissenschaftlichen Instrumenten des Personalmanagements, die viele Beschäftigte als Zumutung erleben. Die Gewerkschaften sollten diese Methoden des Personalmanagements in Frage stellen, statt ähnliche Konzepte für die «Führung» ihrer eigenen Angestellten einzuführen, wie es heute gerade geschieht.

1 In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden die Chemiearbeiter in Basel als «Kanarienvögel» bezeichnet, weil sie nach der Arbeit gut sichtbar die Spuren der Farbenproduktion auf Haut und Kleidern trugen. 2 Einen guten Überblick zur Geschichte der Basler Chemie und zu diesen Restrukturierungen gibt Christian Zeller: Globalisierungsstrategien – der Weg von Novartis, Springer Verlag, 2001 3 Unter der Abkürzung GLP schreiben die für die Marktzulassung von Medikamenten zuständigen Behörden vor, nach welchen Regeln in der pharmazeutischen Entwicklung die Versuchsdaten hergestellt werden müssen.

4 In der chemischen Produktion werden therapeutische Wirksubstanzen für Medikamente hergestellt.

5 In der pharmazeutischen Produktion werden aus therapeutischen Wirkstoffen und Hilfs- und Zusatzstoffen die Darreichungsformen der Medikamente (Ampulle, Sirup, Tablette etc.) hergestellt und verpackt.

6 Die Kritik am «Herr-im-Haus-Standpunkt» der Industriellen wurde insbesondere durch
Leo Löw formuliert, der beim Wiederaufbau von gewerkschaftlichen Strukturen in der
Basler Chemie während dem Zweiten Weltkrieg eine Schlüsselrolle gespielt hat.

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