Akademisch-finanzieller Komplex

Peter Streckeisen
aus Debatte Nummer 9 – Juli 2009
Die Selbstverständlichkeit, mit der die Schweizerische Nationalbank (SNB) Hand zur Rettung der UBS geboten hat, zeigt einmal mehr, dass die ‘Unabhängigkeit’ öffentlicher Einrichtungen oft nur auf dem Papier besteht. Auch zwischen Finanzwelt und Hochschulen bestehen weitreichende Verflechtungen.

Bei seiner Abschiedsrede vom 17. Januar 1961 warnte US-Präsident Eisenhower vor den Gefahren für die Demokratie, die von der systematischen Kooperation und Verflechtung ranghoher Politiker und Militärs mit der Rüstungsindustrie ausgehen. Der scheidende Präsident, der selbst eine Karriere im Pentagon gemacht hatte, sprach von einem militärisch-industriellen Komplex, um diesen Machtfaktor in der Politik des Landes zu beschreiben.

Der schweizerische Kapitalismus erobert internationale Märkte eher durch «Freihandel» und Investitionen als mit Waffengewalt; am liebsten fährt er im Windschatten der dominanten imperialistischen Mächte, ohne politische und militärische Risiken einzugehen. Daher hat die Rüstungsindustrie hierzulande weniger Gewicht als in den USA. Ein zentraler Machtfaktor ist dagegen die Finanzindustrie (Banken, Versicherungen, Anlagefonds, etc.). Sie ist eng mit politischen Behörden und Hochschuleinrichtungen verflochten.

Banken durch Banker regulieren

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) ist laut Gesetz eine unabhängige Einrichtung im Dienste der Allgemeinheit. Der Bundesrat darf ihr keine Weisungen erteilen. Allerdings ernennt er die Mitglieder des Direktoriums. Und die Unabhängigkeit war kein Hindernis für die SNB, um im Oktober 2008 in Geheimverhandlungen mit dem Finanzdepartement von Hans-Rudolf Merz (FDP) den UBS-Rettungsplan auszuarbeiten. Eine zentrale Rolle spielte Philipp Hildebrand, der Vizepräsident des Direktoriums. Bevor er 2003 in dieses hohe Amt ernannt wurde, war er (nach einer kurzen Tätigkeit für das World Economic Forum WEF) im privaten Anlagen- und Bankgeschäft tätig: bei Moore Capital Management in London und New York, bei der Vontobel Gruppe in Zürich und bei der Union Bancaire Privée in Genf.

Die tatsächliche Unabhängigkeit – gegenüber der Finanzbranche – muss auch bei der Finma (Finanzmarktaufsicht), die den Finanzplatz im Interesse der Allgemeinheit überwachen soll, in Zweifel gezogen werden. Verwaltungsratspräsident Eugen Haltiner hat bei der UBS Karriere gemacht (1993 bis 2006). Vizepräsidentin Monica Mächler stand 1990-2001 im Sold des Versicherungskonzerns Zurich Financial Services Group; 2007-08 war sie Direktorin des Bundesamts für Privatversicherungen, das für die Aufsicht der Versicherungsbranche zuständig ist. Finma- Direktor Patrick Raaflaub war beim Rückversicherer Swiss Re tätig. Die Liste könnte verlängert werden. Der Bundesrat hält es für sinnvoll, Banken- und Versicherungsmanager mit der Aufsicht der Banken und Versicherungen zu beauftragen. Kein Wunder: Finanzminister Merz war vor der Wahl in den Bundesrat Verwaltungsratspräsident der ANOVA Holding von der Grossindustriellenfamilie Schmidheiny und weiss, was es heisst, als Führungskraft von der Privatwirtschaft in die Politik zu wechseln.

Forschen für den Finanzplatz

Verbindungen zu den Hochschulen sind in den letzten Jahren für die Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes wichtiger geworden. Die Universitäten haben ihre Aktivitäten in dem Bereich ausgebaut. An der Uni Zürich existiert seit 1968 ein Institut für das Schweizerische Bankenwesen (ISB), das heute 14 Professuren umfasst. Im Beirat sitzen drei Bankenvertreter, ein Mitglied des SNBDirektoriums (Thomas Jordan) und eine Person von der Beraterfirma PriceWaterhouseCoopers. Natürlich erhält das Institut auch finanzielle Mittel von den Banken. An der Uni Lausanne (HEC) wurden die Finanzwissenschaften seit Beginn der 1990er Jahre stark ausgebaut. Eine wichtige Rolle spielte Professor Jean-Pierre Danthine, der 1996 das Programm FAME (Financial Asset Management and Engineering) lancierte. In enger Kooperation mit ‘Leuten aus der Praxis’ werden Nachwuchskräfte im Anlagengeschäft ausgebildet und Ideen für ‘innovative Finanzprodukte’ entwickelt. Auch die 1996 gegründete Università della Svizzera Italiana in Lugano hat ein finanzwissenschaftliches Institut.

In Zürich verkörpern vor allem zwei Herren die symbiotische Beziehung des Finanzplatzes zu seiner Universität. Hans Geiger, auch als SVP-Mitglied bekannt, war bereits 1968 bei der Gründung des ISB unter Ernst Kilgus dabei – damals als Assistent. Ab 1970 hat er bei der Credit Suisse (damals Schweizerische Kreditanstalt SKA) Karriere gemacht. Er kehrte 1997 ans ISB zurück, nun gewählt als ordentlicher Professor. Inzwischen ist er im Ruhestand. Seine Abschiedsvorlesung vom 27. Mai 2008 widmete er dem sehr aktuellen Thema «Banken und Vertrauen».1 Hans-Ulrich Doerig wurde kürzlich zum Präsidenten des Verwaltungsrats der Credit Suisse ernannt. Er blickt auf eine interne Karriere zurück, die 1973 mit dem Eintritt in die SKA begann. Doerig hat lange Jahre an der Uni gelehrt und ist Mitglied des Universitätsrates, des obersten Leitungsgremiums der Hochschule. Auf dessen Internetseite lässt er sich so vernehmen: «Die Universität Zürich als grösste Universität der Schweiz hat eine spezielle Verantwortung der internationalen Konkurrenzfähigkeit in Lehre, Forschung und Dienstleistungen. In ausgewählten Gebieten muss sie zu den Weltbesten gehören. Damit leistet sie einen entscheidenden Beitrag zum Standort Schweiz.»2 Ohne Zweifel soll das Finanzgeschäft eines dieser ausgewählten Gebiete sein.

FINRISK und SFI

Starken Auftrieb erhielt der akademischfinanzielle Komplex 2001 durch die Entscheidung des Schweizerischen Nationalfonds für die Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF), einen nationalen Forschungsschwerpunkt im Finanzbereich einzurichten. Es handelt sich um das Programm FINRISK (Financial Valuation and Risk Management), das unter der Leitung von Professorin Raijna Gibson vom ISB steht. Sie sitzt auch im Board of Directors des Versicherungskonzerns Swiss Re, und bis 2004 war sie Mitglied der eidgenössischen Bankenkommission. Zur Bedeutung des Programms für den Finanzplatz äusserte sich UBSChefökonom Klaus Wellershoff in einer Broschüre des SNF folgendermassen: «Ein Forschungsschwerpunkt, der sich thematisch mit innovativen Fragestellungen des wirtschaftlich stärksten Sektors der Schweizer Wirtschaft auseinandersetzt, hilft, den bestehenden Vorsprung gegenüber der Konkurrenz zu sichern.»3 Die Banken wollten aber selbst nicht untätig bleiben. 2005 gründete die Bankiervereinigung mit Unterstützung des Bundes und in Kooperation mit den öffentlichen Hochschulen das Swiss Finance Institute (SFI) mit Sitz in Zürich. Das durch den Lausanner Ökonomen Jean- Pierre Danthine geleitete Institut bildet Finanzmanager und Finanzwissenschaftler aus und betreibt auch eigene Forschung. Beinahe 50 Hochschulprofessoren aus der ganzen Schweiz sind als Mitglieder der ‘Fakultät’ eingetragen. Viele sind auch beim Programm FINRISK tätig. Die Personalunion ist da eher die Regel als die Ausnahme.

Ein würdiger Nachfolger

Ende Jahr tritt Jean-Pierre Roth, der Präsident des Direktoriums der SNB, in den verdienten Ruhestand. Zum Nachfolger hat der Bundesrat Jean-Pierre Danthine erkoren. So schliesst sich der Kreis. Die Ernennung in eines der höchsten Ämter, das ein Ökonom in der Schweiz anstreben kann, ist eine Belohnung der beharrlichen Arbeit für den akademisch-finanziellen Komplex. In einem Interview räumte Danthine allerdings ein, die Finanzwissenschaften seien unfähig gewesen, die gegenwärtige Krise kommen zu sehen und zu verstehen.4 Warum wohl? Vielleicht würde der Forschung mehr Distanz gegenüber der Finanzbranche gut tun? Wir können sicher sein, dass der Lausanner Ökonom zu einem ganz anderen Schluss gekommen ist und seine Tätigkeit bei der SNB im selben Geiste verrichten wird wie bisher am SFI.

1 Das Referat ist zu finden auf der Seite: http://www.isb.uzh.ch/sonderanlaesse/

2 Zu finden auf der Seite: http://www.uzh.ch/about/management/unirat.html

3 S7F: Spitzenforschung made in Switzerland. Strategische Schwerpunkte in der Forschung. S. 15

4 Jean-Pierre Danthine. Il faudra un développement majeur de la science économique. L’Hebdo, 23.4.2009

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