20 Jahre nach der Wende

Peter Streckeisen
aus Debatte Nummer 14 – Herbst 2010
Wer sich ein Bild von den deutschen Zuständen machen will, findet in der aktuellen Nummer der ostdeutschen Zeitschrift Telegraph wichtige Informationen und Reflexionen. Das ist für uns Grund genug, um dieses Heft kurz vorzustellen und zur Lektüre einzuladen.

Der Telegraph ist eine besondere Zeitschrift. Gegründet wurde sie 1987 als Oppositionsblatt in der DDR unter der Bezeichnung Umweltblätter. Im Zuge der Wende von 1989 umbenannt, kommt sie weiterhin als Ostdeutsche Zeitschrift daher (so lautet der Untertitel). Sie ist Oppositionsblatt geblieben, auch wenn es nun ein anderes gesellschaftlichpolitisches System zu kritisieren gilt. Geblieben ist auch der Blick aus dem Osten, d.h. aus dem anderen, meist als minderwertig betrachteten Deutschland.

20 Jahre nach der Wende ist nun eine Doppelnummer des Telegraph erschienen (120/121), die sich mit verschiedenen Facetten der Frage beschäftigt, was sich seither grundlegend verändert hat. Die Beiträge zeugen von einer kritischen Reflexion und Verarbeitung des Schocks von 1989/90, als die sich plötzlich eröffnenden Perspektiven der Freiheit so rasch in der brutalen Realität des real existierenden Kapitalismus aufgingen. Wie konnte das «freieste Land der Erde», die DDR unmittelbar vor ihrer Auflösung, dem «Anschluss an die BRD» geopfert werden (Editorial)? Wie konnte die Macht, die «nach den utopisch-anarchis-tischen Herbsttagen» von 1989 «auf der Strasse lag», von «konservativen Spiessbürgern aufgelesen» werden (Jenz Steiner)? Was folgte auf den Siegeszug der «sozialen Marktwirtschaft » bis zum heutigen Tag?

Wie Sebastian Gerhardt treffend festhält, beruht das Selbstbewusstsein der Regierungsclique um Kanzlerin Merkel (die selbst zur Wendezeit einer Oppositions-gruppierung angehört hatte) darauf, dass sie (die Herrschenden) «die Klassenkämpfe der letzten Jahre regelmässig gewonnen » haben. Der wichtigste Akt in diesem Prozess waren die so genannten Arbeitsmarkt-reformen (die Hartz-Gesetze), die insofern als die «Vollendung der deutschen Einheit » betrachtet werden können, als sie es dem Kapital ermöglichten, die Löhne in West und Ost gleichzeitig zu senken. Andrej Holm beschreibt am Beispiel des Berliner Stadtteils Prenzlauer Berg, wie die Stadterneuerung im Osten zur Vertreibung der Bevölkerung und zur Verbürgerlichung der neuen Trendquartiere führte, so dass sich verbleibende Ostdeutsche bisweilen wie Indianer in Reservaten fühlen. Urmila Goel stellt heraus, wie sehr das Bild des «Ossis» als dem anderen Deutschen, das sich so oft in Einkommensunterschieden und benachteiligten Lebens-chancen niederschlägt, in hartnäckigen kulturellen Mustern verankert ist. Thomas Klein präsentiert eine kritische Analyse der Entwicklung der Deutschen Linken seit der Wende, wobei sich die aus ostdeutscher Sicht damals formulierten Erwartungen – «Die West-Linke war am Ende und die Ost- Linke stand erst am Anfang.» – auf traurige Weise nur zur Hälfte erfüllten: Denn auch im Osten erwiesen sich die linken Organisationen weitgehend als unfähig, auf die neue Konstellation des unter kapitalistischen Vorzeichen vereinigten Deutsch-lands zu reagieren. Dass aber dennoch wichtige Kämpfe stattfinden und neue Aktionsformen entwickelt werden, zeigt Willi Hajek mit seinem Beitrag zum Verbot der Basisgewerkschaft FAU in Berlin.

Das Heft enthält weitere anregende Beiträge, die sich nicht alle nur auf Deutschland beziehen – so etwa ein eindrückliches Interview mit dem polnischen Soziologen Zygmunt Bauman über sein Leben im «real existierenden Sozialismus» (bis er 1968 des Landes verwiesen wurde). Wir möchten die LeserInnen der Debatte ermuntern, den Telegraph zu lesen und diskutieren!

Internetseite der Zeitschrift: www.telegraph.ostbuero.de

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